Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Vergangenheit erscheint im Gewände der Ohnmacht. Sie vollzieht sich nicht auf eigenem Boden, nicht in einem bestimmten Lande. Sie hat keine Organe, wie der Staat, und keine Hierarchie, wie die Kirche. Aber sie ist von dem festen Glauben an die Berufung durch Gott beseelt und von dem ausdauernden Willen, sich in aller Gunst und gegen alle Ungunst der Verhältnisse zu behaupten. Als Ersatz für die fehlende Macht hat sich das Judentum eine Grundlage in einem geistigen Reiche erbaut, in seiner Religion und seinem religiösen Schrifttum. Das Thorastudium erhielt ihm sein inneres Leben, und die Verbreitung des Talmud bei den Juden aller Länder webte das einigende Band. Auf dem Boden der Religion wuchs der gemeinsame Geist, der die allenthalben zerstreuten Glaubensgenossen zusammenhielt, so daß sie sich nicht verloren, und die Seele des Judentums blieb dauernd lebendig. Die standhafte und gestaltende Tatkraft zeigt sich ganz besonders in den schweren Leidenszeiten. Der Jude nahm Druck und Verfolgung keineswegs nur leidend hin. Die Judengesetze blieben oft Jahrhunderte lang, oft auch dauernd unwirksam, und die jüdische Geschichte ist unter anderen! auch ein ständiger und oft erfolgreicher Kampf gegen Feindschaft und Ausschließung. Ihr Wesen ist: Widerstand. Ten stärksten Beweis für ihre innere, lebendige Kraft geben aber die Wanderungen, die seit Abrahams Auszug sie erfüllen. Sie haben unsere Religion über die ganze Erde verbreitet, so daß verheerende Unfälle in einzelnen Ländern den Bestand der Gesamtheit nicht gefährden konnten. Freilich hatte der Lebensmut auch stets mit der Schwäche zu kämpfen; das Judentum hat auch zahlreiche Glieder verloren frühe Zehn von seinen zwölf Stämmen, später die Marannen, und in neuester Zeit gefährden Gleichgültigkeit, Abfall und Mischehe unsere uralte Glaubensgemeinschaft. Aber die Gesundheit und die ausdauernde Kraft haben bisher doch immer über Verzagtheit und Ermüdung gesiegt. Mit Bewunderung und Dankbarkeit darf der Jude stolz auf seine Geschichte schauen, die ohne äußere Macht und in unscheinbarer Erscheinung doch glorreich gewesen ist. — Lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine äußerst interessanten und lehrreichen Ausführungen. E. M. Berlin, 23. Januar. In der ersten diesjährigen Montagsvorlesung an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums am 15. d. M. sprach Regierungsrat Baurat Hasak, der bekannte Erbauer mehrerer Berliner Kirchen, über den Tempel zu Jerusalem. An der Hand von Lichtbildern zeigte der Vortragende die heutige Gestalt des Tempelplatzes und bewies aus den Quellen und dem heutigen Zustand desselben, daß die vom Mischnatraktat Midoth (Maße) und von Flavius Josephus angegebenen Maße nicht dasselbe Bauwerk betreffen tonnen. Da die Aufzeichnungen des Josephus eine Anzahl Bauten verzeichnen, die in der Mischna nicht angegeben sind, hält Hasak die Schilderung der Mischna für die Beschreibung des zweiten Tempels, der dem Prachtbau des Herodes weichen mußte. Jedenfalls, so argumentierte der Redner, habe man das Heiligtum vor dem Abbruch genau gemessen und beschrieben, und die hierbei gewonnenen Angaben glaubt Hasak in den Midoth sehen zu dürfen. Tie Gestalt des Tempels hat die Phantasie der Baumeister und Frommen aller Zeiten stets lebhaft beschäftigt und viele Rekonstruktionsversuche gezeitigt. Diese mußten aber scheitern, weil man die nach Ellen angegebenen Maße mit der preußischen Elle. (W Zentimeter') wiedergab, anstatt sich an die altjüdische Elle (40 Zentimeter) zu halten. Auch wurden die zahlreichen Veränderungen, die die verschiedenen Bauherren: Herodes, Konstantin, Soliman und andere am Tempelplatz Vornahmen, nicht genügend voneinander geschieden, so daß ein scheinbar unlösliches Wirrsal entstand. So z. B. wirst einer der ersten Rekonstrukteure des Tempels, Baurat Schick (Jerusalem), dem Josephus Unzuverlässigkeit vor, weil die Südwand des Tempelplatzes, die nach Josephus durch eine ein Stadion (180 Meter) lange, dreischissige Säulenhalle: „Stoa basileios" begrenzt war, heute mehr als 180 Meter mißt. Schick hat ebenso wie seine Nachfolger übersehen, daß die Verlängerung späteren Datums ist und von den von Justinian als Unterbauten für seine Marienkirche ausgeführten „Pferdeställe Satomons" genannten Gewölben gebildet wird. Bon dieser Stoa basileios, der ersten Basilika, führen die ersten christlichen Kirchen ihren Namen, und von ihr haben sie auch ihren Baustil übernommen: war doch dieser Bau einer der prächtigsten, welche kleinasiatisch-hellenische Kunst hervorgebracht hat. Tie älteste noch heute erhaltene Kirche Palästinas, in Betlehem, weist denselben Stil auf. Den Bau des Tempels auch in Einzelheiten nachzuahmen, war das eifrige Bestreben aller Zeiten und Konfessionen. Sogar die Süulenkapitäle, die Leuchter und andere Einzelheiten wurden nachgeahmt, und der Islam übernahm noch besonders das „Hohe Pforte'" genannte kolossale Ziertor. — Der Redner schloß seine interessanten Ausführungen mit dem. Wunsche, daß Judentum, Christentum und Islam, deren Vereinigung der Baukunst so Schönes geschenkt hat, in der Zukunft im friedlichen Wettbewerb aus allen Wissensgebieten gemeinsam Großes leisten möchten. — Danzig, 19. Januar. Unter großer Beteiligung wurde auf den: Friedhof Stolzenberg die irdische Hülle des Historikers von Danzig, des aus der Blüte der Mannesjahre vom Tode abberufenen Professors Dr. Simson, zur letzten. Ruhe gebettet. Eine riesige Trair.ergelnei.nde gab den Verwandten des so früh verblichenen Gelehrten Zeugnis von der großen Verehrung und Wertschätzung, die er in der Stadt, die ihm so viel verdankt, genossen hat, und von der großen allgemeinen Trauer, die weite Kreise an deni schweren Verlust seiner Angehörigen teilnehmen ließ. In dem feierlichen, vom Kerzenlicht der Kronleuchter durchfluteten Raum der Leichenhalle war. der Sarg inmitten einer Dekoration von Lorbeerbäumen aufgebahrt. Die Feier wurde eingeleitet durch den mehrstimmigen Gesang des Schülerchors von St. Petri -und Paubi: „Was Gott tut, das ist wohlgetan.". Tie von warmer Herzlichkeit d-urchglühte Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Kaelter. Er stellte sie unter das Wort des Propheten Jesaias: „Der Edle sinnt auf Edles und beim. Edlen beharrt er", und gliederte seine Ausführungen im Hinblick auf das Talmudw-ovt, wonach der Mensch drei Namen erhält: ei>nen von den Eltern, einen von der Mitwelt und einen nach seinem Wirken. So würdigte er den Verblichenen zunächst nach seinen hohen persönlichen, Werten. iiB Mensch, als geraden, aufrechten Mann, als treuen Sohn und Bruder, als Charakter voller persönlicher Liebenswürdigkeit. In seinem Verhältnis zur Mitwelt betonte der Redner die hohe Bedeutung des Verblichenen als Historiker. Momnisen habe einmal den Berus des Geschichtsforschers charakterisiert, indem er sagte: Der wahre Historiker werde nicht für seinen Berus gebildet, sondern geboren. Das Lebenswerk Simsons als Historiker sei diesem Worte gemäß gewesen, denn er sei' für diesen seinen Beruf geboren gewesen. In dem. dritten Teil seiner gehaltvollen Rede schilderte Dr. Kaelter den Heimgegangenen in seinem Wirken als Lehrer, Bildner und Freund der Jugend, pries seine wundervolle Begeisterungsfähigkeit und hingebende Liebe in seinem Lehrberufe, die ihn selber stets jung und frisch, erhalten, habe inmitten der Jugend. Auch von. ihmgelte das Wort, das man einst Mommsen nachrief: „Nultos docuit; qucs docuit, amavit“ (Er hat viele gelehrt, und die er lehrte, hat er geliebt). In der kurzen Feier an der im unteren Friedhofsgelände gelegenen Gruft 'leitete der nach der. alten getragenen Melodie des „Integer vitae“ gesungene Schülerchor über: „lieber den Sternen wohnet Gottes Friede". & & Crone a. d. Br., 19. Januar. Das Tagesgespräch in unserer Gemeinde bildet das Vorgehen des Vorsitzenden einer Strafkammer in Graudenz in einer unsere Gemeinde betreffenden Angelegenheit. Unser Kantor Herr Kober, der alle gottesdienstlichen Funktionen in unserer Gemeinde wahrnimmt, weil wir keinen Rabbiner haben, erhielt am 5. Oktober die Vorladung, am 12. Oktober als Zeuge vor der Strafkammer des Landgerichts zu Graudenz zu erscheinen. Da Herr Kober am 12. Oktober, dem ersten Sukkothtag, Gottesdienst abzuhatten hatte, wandte er sich unter Darlegung des Sachverhaltes au den Vorsitzenden der Strafkammer mit der Bitte, ihn vorn Termin zu entbinden. Da sein Antrag äbgelehnt wurde, wandte sich der Vorsitzende unserer Gemeinde an den Vorsitzenden der Strafkammer. Er erklärte, daß die Teilnahme des einzigen geistlichen Beamten beim Gottesdienst am Laubhüttenfest unbedingt erforderlich sei, und bat um Verlegung des Termins oder kommissarische Vernehmung des Zeugen. Obwohl die Telegrammgebühren diesenr Schreiben beigelegt waren, kani erst am N. Oktober eine schriftliche Antwort, in der der Antrag unseres Vorsitzenden abgelehnt wurde. Der Gottesdienst mußte ohne unseren Kantor stattfiuden und erst im letzten Augenblick tonnte ein Vertreter beschafft werden. Unser Gemeindevorstand richtete rvegen dieses Vorgehens eine Beschwerde au den OberLandesgerichtspräsidenten, der ein Eingreifen seinerseits abtehnte, weil er es deni pflichtgemäßen Ermessen des Vorsitzenden der Strafkammer überlassen müsse, ob er einen Zeugen vom Erscheinen entbinden wolle oder nicht. Der Vorgang hat hier großes Befremden erregt: weitere Schritte in dieser Angelegenheit sind in Aussicht genommen.