Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229290--72849-3285296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

81. Jahrgang Nr. 4 Berlin, 26. Januar 1917 Der Gemeindevote. Brttase zur „Allgemeinen Leitung drK JubrntumS". Lorrrkpondmsrn und jflschrichtm. SkvtlchlsuL 22 Berlin, 23. Januar. Ende des vergangenen Jahres fand hier eine Sitzung des Z e n tr a l a u s s chu s s e s des Rabbinerverbandes in Deutschland statt, die von 22 Mitgliedern besucht war. Aus dein Geschäftsbericht , den der Vorsitzende Professor Dr. G u t t - mann gab, ist zu 'bemerken, daß sich ein neuer — der fünfte — Bezirksverband im Großherzogturn Bade n gebildet hat. Die vom Rabbinerverband unternommene Sammlung für die Bewirtung der jüdischen Soldaten im Felde anden hohen Feiertagen hat die stattliche Summe von über 13000 Mark ergeben. Zehntausend Mark sind hierfür verausgabt, die Restsumme soll bis zum Pessachfeste verbleiben. An die Mitglieder des Verbandes, die bisher noch nichts für die Sammlung beigetragen haben, wird eine nochmalige Aufforderung ergehen. Wichtigster Beratungsgegenstand ist der Ausgleich mit dem Verband der deutschen Juden. In seiner letzten Ausschußsitzung hat dieser den Vorschlag gemacht, über den der Vorsitzende berichtet, daß innerhalb des Verbandes eine Kommission geschaffen werden soll, die alle religiösen und religiöK?organisatorischen Fragen vorberät. Dieser Kommission sollen acht Mitglieder, und zwar vier Rabbiner und vier Laien angehören. Die theologischen Mitglieder werden vom Rabbinerverbande vorgeschlagen. In der Diskussion wird auf den Verlauf der Vergleichsverhandlungen ausführlich eingegangen, ebenso auf die Zeitungspolemik, die sich an den Konflikt geschlossen hat. Die Versammlung stellt, soweit hierbei eine angebliche Eingabe des Rabbiners Dr. Jakob an den Kriegsminister und ihre Beantwortung durch den Verband der deutschen Juden in Frage kommt, das Folgende fest: Nicht Dr. Jakob, sondern der Rheinisch-westfälische Rabbinerverband hat die viel besprochene Eingabe an das Kriegsministerium gerichtet. In dieser Eingabe ist keinerlei Hinweis auf das Judengesetz von 1847 enthalten. Von den Rabbinern Westfalens — es sind im ganzen vier -. gehören drei dem Rheinisch-westfälischen Rabbinerverband an. Wenn die Synagogengemeinde Dortmund aus dem Westfälischen Gemeindeverbande ausgeschieden ist, so ist das durchaus nicht auf eine Einwirkung des Dr. Jakob zurückzuführen." Im weiteren Verlaufe der Debatte wird in Aussicht gestellt, daß die Mitglieder der Kommission bei wichtigen Angelegenheiten vor ihrer Tagung den Zentralausschuß befragen werden. Schließlich wird folgender Antrag angenommen: Der R a b b i n e r v e r b a n d hält nach wie vor d a r a n f e st, daß der Rabbiner der gegebene V e r t r et e r der religiösen Angelegenheiten der Juden auch den Behörden gegenüber ist. Unter d i e s e m p r i n z i p i e l l c n Vorbehalt, aus den er nicht Ve r zi cht lei sten kan n . erklärt sich der A u s sch u ß be reit, nt i t dem Verb a tt d der deutschen Juden zu s amm enzu arbeiten. Er ist d a m i t einverstanden, daß zur G r u n d l a g e dazu die Arbeit der zu bildenden gemischten K v m m issi o n genommen werde. In die Kommission werden gewählt die Rabbiner G u t t m a n n (Breslau), Werner (München), Jako b (Dortmund) und Blumen thal (Berlin), als deren Stellvertreter: R o s e n t h a l (Köln), N o b e l (Frankfurt), W i n t e r (Dresden), Kopfstein (Beuchen). Für die schwer erkrankten Vorstandsmitglieder M u n k und E s ch el b a ch e r — letzterer ist bald nach der Sitzung zum tiefsten Schmerze aller seinen schweren Leiden erlegen — werden als Stellvertreter Rosen thal (Köln) und Kopfstein (Beuchen) gewählt. Kopfstein übernimmt das Amt des Kassenwarts. Nach kurzer Behandlung einiger minder wichtiger Angelegenheiten schließt der Vorsitzende die Versammlung mit herzlichen Friedenswünschen. & & Berlin, 23. Januar. Der D e u i sch- I sraelitis ch e Gemeindebund veranstaltete am Sonntag, den 21. d. M., eine Gedächtnisfeier für seinen verstorbenen Ehrenvorsitzenden Professor Dr. M a r t i n P h i l i p P s o n. Der Vorsitzende des Gememdebundes, Professor Dr. Kali scher, hielt die Gedenkrede. Er hob die große Fruchtbarkeit Philippsons als Forscher und Publizist hervor, der sein außergewöhnliches Orgauisationstalent ganz in den Dienst des Judentums stellte. Seine erste' jüdische Tätigkeit war ein Lehramt in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, das er bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges aufgab, nur als Freiwilliger in die Armee einzutreten. In einem Briefe an seine Eltern schreibt er, daß sich die Juden scharenweise zu beit Fahnen drängen, und daß ihm das Bewußtsein, die Waffen für das Vaterland getragen zu haben, zeitlebens eme Genugtuung bleiben werde. Seine liebste Lektüre während des Feldzuges bildete die von seinem Vater begründete „Allgemeine Zeitung des Judentums". Rach seiner Entlassung ans dem Heere ließ er sich in Bonn als Privatdozent nieder. 1878 wurde er als ordentlicher Professor an die Universität in Brüssel berufen; 1890 legte er seine Professur und das in diesem Jahre bekleidete Rektorat infolge einer deutschfeindlichen Bewegung unter der Studentenschaft nieder. Er kehrte nach Berlin zurück, wo er 1894 den Vorsitz im D. I. G. B. übernahm, der unter seiner Leitung einen ungeahnten Aufschwung nahm. Während seiner Amtszeit stieg die Zahl der Bundes gemeinden von 600 auf 1100. Die Organisation nurrde ausgebaut und zahlreiche soziale Einrichtungen geschaffen, wie die A rb ei t er ko l oni e in Weißensee, die Zent r a tstelle zu r Bekämpfung des W a n d e r b e t t e l s, die F ü r sorgee r z i e h u n g s a n st a l t e n lt. a. in. 1904 gelang es Philippsou. die von ihm augestrebte politische Organisation der deutschen Judenheit, den Verband der d e u t s ch nt Juden, zu begründen, beit er mehrere Jahre kraftvoll und zielbewnßt leitete. Nebelt diesen Organisationen widmete er sich mit regem Interesse dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur, in dem er 24 Jahre als Mitglied des Vorstandes und seit 1909 als erster Vorsitzender erfolgreich wirkte, ferner der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, die ihm ihre vorzügliche Entwicklung ebenso verdankt wie das G e s a m t a r ch i v der d e u t s che n Jude n und andere. Unermüdlich führte er bei den Behörden den Kampf um das Recht der deutschen Inden. Sein jüdischer Optimismus war die unversiegbare Quelle seiner erstaun licht n Arbeitskraft. In' seiner Gestalt verkörpert sich das deutsche Judentum unserer Zeit. Ehorgesang erösfnete und beschloß die stimmungsvolle Feier. EXD Berlin, 23. Januar. Am 15. d. M. fand int städtischen Kretttatorimn in der Ge-richtstraße zu Berlin die Feuerbestattung des tun die Theorie und Praxis der Vortnundschastssache, Insbesondere um die Einführung! der Jugertdgerichtsbarkeit hochverdienten Geheimen Justiz- und Amtsgerichtsrats Dr. Paul Köhne statt. Herr Prediger Dr. Jetski von der Jüdischen Reformgemeinde leitete die Feier mH einer kurzen religiösen Betrachtung ein, worauf Herr Wirtlicher Geheimer Admiralitätsrat Dr. Feli sch, der dem Veretvigten in der Arbeit für die Jugondfl'rrsorge am nächsten stehende Freund, die Gedächtnisrede hielt. Er hob hervor, daß die hervorraaettdste Eigenschaft des Heimgegangenen die T r e u e gewesen sei. zunächst die treue Anhänglichkeit an die von bert Vätern ererbte Religion. Der Verstorbene sei stets empört gewesen, wenn er vernommen habe, daß jemand aus äußerlichen Gründen seinem Religionsbekenntnisse abtrünnig geworden sei. Mit beut rituellen Gebet des Herrtt Dr. Jelski und eittem Sologesang der Frau Kapellmeister Götz - Levy schloß die Feiler, zu welcher Sohn tlnd Schwiegersohn des Verstorbenen, beide mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, aus deut Felde herbeigeeilt waren. E. M. Berlin, 23. Januar. Aut 11. d. M. sprach int Verein für jüdische Geschichte und Literatur Rabbiner Tr. Mar Eschelbacher ans Düsseldorf über das Thema: „Der Wille in der jüdischen Geschichte". Er führte etwa folgendes aus: Die Weltgeschichte erschien uns im Frieden als ein stilles Wachsett; erst im Kriege enthüllte sich so ganz ihr wahres Wesen. Sie ist eine gewaltige und gewaltsame Schöpfung der Menschheit. Daher schauen.wir ttunmehr auch die jüdische Geschichte in einem neuen Lichte. Bisher galt sie als die Leidensgeschichte voll Duldern. Aber vont Donner der Kriegszeit belehrt, entbccfeit wir nunmehr auch in ihr dem ausdauernden, tätigen Willen, der ihre Seele ist. Ihr Leitwort ist das biblische Lied: „Ich will nicht sterben, sondern leben und Gottes Werk verkünden". Eilt Recht zu diesem Urteil gibt uns eine unvergleichliche Tatsache, die dauernde Erhaltung des Judentums: angesichts der zahlreichen untergegangenen, untergehenden und neu erstehenden Völker ein wahres Wunder der Geschichte ititb der Triumph einer tapferen Gentein schalt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.