Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229290--72847-3285294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

47 „Also, mein Sohn, heute abend beginnt das neue Jahr; das dauert zwei Tage; dann bläst man m den Synagogen die Posaune, wie im Lager, wenn der Feldherr den Soldaten ein Zeichen gibt, daß sie bereit zum Angriff »ein sollen, und auch im Himmel ertönt zu dieser Zeit die große Posaune, und die Menschen ziehen vor Gottes richterlichem Thron vorüber, wie die Schafe vor dem Hirten, und Gott bestimmt, wer in diesem Jahre leben und wer sterben, wer hungern und wer der Ueppigkeit sich erfreuen, wer leiden und wer glücklich sein soll..." „Und richtet Gott auch über die Sünden der Kinder?" unterbrach ihn der Knabe. „Nein," antwortete der Alte. „Dieselben werden ihnen erst von ihrem dreizehnten Lebensjahre an angerechnet; erst dann wird der Jude ein Sohn des Gesetzes." Jeromos dachte einen Augenblick nach. „Nach Neujahr," fuhr der alte Jude fort, „beginnen die zehn Bußtage. Wer während derselben zu Gott sich bekehrt, dessen Schicksal kann sich noch zum Guten wenden, denn nur am Tage der Versöhnung siegelt man die Urteile; dieser heilige Festtag ist der größte jüdische Feiertag. Dann beginnt nach fünf Tagen das Laubhüttenfest . . ." Als der Alte so sprach, nahm Jeromos aus seiner Tasche ein kleines, in Leder gebundenes Buch mit Goldschnitt. Als der Jude das sah, schrie er überrascht auf: „Was? Ein jüdisches Gebetbuch?!" Doch bevor er sich von seinem Staunen erholen konnte, hielt ihm der Knabe schon das erste Blatt mit der roten Handi schrift hin. I „Bitte, Onkelchen, lesen Sie das und sagen Sie mir, was [ es bedeutet." j Der also Angeredete erhob sich von seinem Sitz, holte seine Brille heraus, setzte sie auf seine Nase und begann zu lesen. Nachdem er beendet, erklärte er den Inhalt des Gelesenen dem Knaben folgendermaßen: „Mit Gottes Hilfe im Jahre 5520 in der letzten Nacht des; Laubhüttenfestes, anläßlich der Feier der heiligen Thora,! wurde mein drittes Kind, im Dunkel des Kerkers geboren ..."; „Wann war das?" unterbrach ihn Jeromos ungestüm. „Gerade jetzt wird es dreizehn Jahre her sein; von morgen ab zählen wir 5533 seit Erschaffung der Welt." „Der alte Knecht hat also die Wahrheit gesagt," murmelte Jeromos leise vor sich hin. Der alte Jude wollte fortfahren, aber er wurde von Jeromos unterbrochen: „Und'was heißt das: .Thora'?" „Thora?" wiederholte der Alte lebhaft, „Thora ist der Inhalt der jüdischen Gesetze, den man ängstlich in den Friedensladen der Tempel hütet. Die Thora ist die Kraft, das Augenlicht und die Klarheit der Juden; für die Thora starben unsere Ahnen den Märtyrertod, der heiligen Thora wegen verfolgte man sie und verfolgt uns noch jetzt . . ." „Und was ist noch sonst auf dem Gebetbuchblatt geschrieben?" forschte erregt Jeromos weiter. Der alte Mann studierte die Handschrift, dann sagte er langsam und ergriffen: „Im dreißigsten Lebensjahre, als die dreißig Trauertage seit dem Opfertode meiner teuren Frau verflossen waren, starb auch mein letzter Sohn wegen meiner Sünden. Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Jeromos war blaß geworden; für einige Minuten konnte er keine Worte finden; es war ihm, als ob in seinem Innern etwas zerriß, etwas, was er beinahe schon als den teuersten Schatz seines Lebens erachtet hatte. „Ja, dann bin ich doch nicht derjenige! ..." Doch Plötzlich siel ihm die Erzählung Vojteks ein, daß, als sein Vater hörte, daß man seinen Sohn in der Kapelle taufe, er zu Boden gesunken sei und schluchzend ausgerufen habe: „Auch mein einziger Sohn tot!" ... Jetzt verstand er alles. . . . Für den Vater war der getaufte Sohn tot; er verleugnete ihn, bevor er ihn noch so recht kannte, bevor er noch wußte, ob er kein Scheintoter sei, der doch einmal noch auferstehen konnte. „Er wird auferstehen!" murmelte Jeromos vor sich hin. Der alte Jude blickte verständnislos in das traurige Gesicht und die tränenfeuchten Augen des Jünglings. „Und wem gehört das Gebetbuch?" fragte er schließlich leise. Jeromos beantwortete die Frage nicht, denn seine Gedanken hatten ihn ganz und gar in Anspruch genommen . . . Das ihm zurückgegebene Gebetbuch steckte er sorgfältig wieder zu sich, dann grüßte er artig und ritt nach Hause. Unterwegs klang ihm gar oft noch in den Ohren: Er wirb auferstehen, ja, er wird auferstehen! - - VI. Ponhatovsky befaßte sich den Sommer über wenig mit seinem Pflegesohne. Die politischen Vorgänge nahmen seine ganze Zeit in Anspruch. Die Feldherren der durchziehenden russischen und deutschen Soldaten pflegten bei ihm abzusteigen, und er war gezwungen, die oft viele Wochen bei ihm garnisonierenden unangenehmen Gäste auf das beste und freundschaftlichste zu empfangen und zu bewirten. Auch der benachbarte polnische Adel kam jetzt wiederholt zu ihm, um mit ihm zu beraten, und so konnte er nicht genügend die in der Seele des Knaben vor sich gehenden Stürme beobachten. Allerdings bemerkte er. daß irgendeine Veränderung mit demselben vorgegangen und daß, wenn er mit ihm sprach, seine Stimme nicht mehr so sanft klang, daß ferner auch aus seinen Augen nicht mehr die frühere innige Liebe leuchtete und daß sein Sohn etwas vor ihm verbarg. Jeromos wurde still, schwermütig und verschlossen. Oft ging er stundenlang träumerisch im Walde spazieren, und selbst zu Tisch kam er häufig zu spät. Mehrmals drang Ponhatovsky auch in ihn, daß er doch sagen solle, was sein Herz bedrücke, aber der Junge wich hartnäckig der Antwort aus. Der Graf kämpfte mit sich selbst, ob es nicht vielleicht ratsamer sei, ihm alles zu offenbaren. Solch ein bewunderungswürdig kluger und scharfblickender Kopf wie Jeromos werde doch einsehen müssen, daß er alles wieder gutgemacht, was er gegen des letzteren Eltern gesündigt habe . . . Aber die sich oft wiederholenden politischen Unruhen lenkten seine Aufmerksamkeit stets nach einer anderen Richtung, und Jeromos war viel allein. Er dachte viel nach in dieser Zeit... An jenem Tage, an dem die geheime Schrift des Gebetbuches sich ihm kundgetan hatte, waren gleichfalls Gäste im Schlosse gewesen, und am Abend herrschte eine feurige, revolutionäre Stimmung. Ein Ausruf ging von -Hand zu Hand. In demselben riefen die Kaiserin von Rußland, der König von Preußen und die Kaiserin von Oesterreich die Großen der polnischen Nation auf, daß sie sich in gesetzlicher Form versammeln sollten, um die gemeinsame Bestimmung der drei Höfe in bezug aus Polen gutzuheißen. „Sie schicken die Schnur, daß wir uns aufhängen!" rief Fürst Radziwill, der am klarsten die Lage durchschaute. „Wenn sie uns hinrichten, daß wir dazu noch lächeln sollen!" „Man muß das Volk aufwiegeln!" , „Wenn das Volk aufsteht, so werden wir dessen Opfer! sein," rief voll Bitterkeit Graf Ponhatovsky dagegen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.