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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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--- 40 Eötvös, trotz der Bekundungen der Mutter und des Gendarmen, daß die Esther ertrunken und nicht ermordet worden sei. erfolgt die Verurteilung, da Moritz Scharf ein ganz genaues Bekenntnis der Untat macht. Die Sache scheint für die Juden verloren, bis auf Grund eines Lokaltermins bewiesen wird, daß man durch das Schlüsselloch, durch das Moritz Scharf den ganzen Vorgang gesehen zu haben vorgibt, überhaupt nicht sehen kann. Eine eigentliche Entscheidung wird nicht gefällt. Der ganze fünfte Akt ist ein seltsamer Epilog, eine eigentümliche Mischung himmlischer und irdischer Szenen. Ich kann den Eindruck nicht verschweigen, daß Zweig, der sonst manches Dichterische geschaffen, in diesem Drama einen Fehlgriff getan hat. Das Ganze hätte ein psychologisches Drama werden können, in dem Moritz Scharf die Hauptrolle spielte, aber außer kleinen Ansätzen dazu (5. Akt, 1. Szene) ist das nicht einmal versucht. Das Ganze ist vielmehr eine möglichst treu nach den Akten gegebene Erzählung, in der die Antisemiten als völlige Schurken erscheinen, die nicht einmal den gebührenden Lohn erhalten. Außerdem läßt sich nicht leugnen, daß die Einführung symbolischer Figuren, die Einmischung von Teufeln usw. einen höchst störenden und peinlichen Eindruck machen. Sowenig in den meisten dieser Dramen wirklich hervorragende Leistungen geboten werden, so sieht man aus fünf der besprochenen Dichtungen (denn das Werk Büschenthals gehört einer vergangenen Epoche an), daß gerade in neuerer Zeit, unmittelbar vor dem Weltkriege und auch während dieser furchtbaren Epoche, das Interesse für biblische Stoffe höchst lebendig ist. Die Bibel besitzt so unendlich viel Poetische Motive, daß man immerhin eine gewisse Freude darüber empfindet, wie sie auch moderne Dichter zu locken und zu neuen Gebilden anzuregen versteht. Der verlorene Lohn. Von Jo seph Patai. Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. A d o l p h K o h u t. (3. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Jeromos ging schweigend an der Seite seines Pflegevaters. Gegenüber der Herrschaftswohnung, an der östlichen Seite des Schloßhofes, lag die schlanke, im maurischen Stil erbaute Kapelle. Die Sonnenstrahlen stahlen sich geheimnisvoll durch die bemalten Fensterscheiben und gaben selbst der von oben herabhängenden „ewigen Lampe" einen bleichen Schein. Die schwarzen Marmorwände mit weißen Adern waren mit blauen und purpurfarbenen Fahnen bedeckt, auf die die weiblichen Mitglieder der Familie Ponyatovsky eigenhändig das Familienwappen und Verse aus dem Neuen Testament gestickt hatten. Ueber dem Altar hing eine Fahne mit einer Krone, ein Geschenk der Königin von Polen, als Beweis, daß die Königswüvde sie der Familie v. Ponyatovsky nicht entfremdet hatte. Das vielfarbige geheimnisvolle Halbdunkel der Kapelle übte eine tiefe Wirkung auf die beiden aus. Der Graf kniete vor dem Altar nieder, faltete die Hände und betete. Jeromos kniete neben ihm, aber es war ihm, als bete er zu einem anderen Gotte, zu dem Gott jener gekrümmten, gewundenen Buchstaben. V, Den ganzen Sommer über streiften russische und deutsche Soldaten in der Gegend umher, die Bevölkerung der Städte und Dörfer, namentlich die Juden -und Bauern, belästigend, die nicht müde wurden, sie ohne Entgelt mit Speise und Trank reichlich zu versehen. Die fremden Truppen benahmen sich im Lande so, als wenn es eine eroberte Provinz gewesen wäre. Die Scharen des Herzogs von Repnin und des Grafen Soltikow erschienen überall, wo es unter dem Vorwand der Herstellung der «Ordnung etwas zu rauben gab. Aber kaum hatten sie ihre,Zelte aufgeschlagen, erschienen in ihrer nächsten Nähe die preußischen Soldaten, genau darauf achtend, daß die Moskowiter nicht zu viel nahmen, und so zogen sie gemeinschaftlich zwei Häute von einem Schaf. Die Einwohner duldeten alles stillschweigend und erzählten als abschreckendes Beispiel einander, daß aus der Ukraine die Kosaken 2000 Jungfrauen mit sich weggeschleppt hätten, während der König von Preußen unter dem Vorgeben, daß in der Nachbarschaft Seuchen wüteten, die auch seine Provinzen bedrohten, vor der Pest eine soldatische Quarantäne zog, aber so, daß er auch aus der infizierten Gegend ein gutes Stück für immer an sich nahm. Der Verkehr stockte, und die Märkte hörten auf. Von dem Radomer Schloß aus konnte man nur bewaffnete Truppen auf dem Lubliner Weg erblicken. Jeromos galoppierte oft auf die Landstraße, ganz tief in den Wald und lauschte gespannt, ob nicht irgendein Jude daherkommen werde. Aber er harrte vergebens. Die Juden mußten daheim bleiben, damit sie ihre Häuser bewachen konnten. Eines Morgens ritt Jeromos schon zeitig in den Wald; tief in Gedanken versunken, hörte er plötzlich einen Wagen rollen. Er blickte nach der Richtung und bemerkte, daß in dem Wagen ein langbärtiger Mann im jüdischen Kaftan saß. Der Knabe wendete sein Pferd und wartete, bis das Gefährt in seine Nähe kam. Als es schon ganz dicht bei ihm war, rief er dem Führer desselben zu: „Onkel, halten Sie doch ein wenig an!" Der Kutscher nahm die Worte des feinen, herrschaftlich gekleideten jungen Menschen als Befehl; er ließ sofort die Pferde halten und zog demütig den Hut. Im Wagen saß auf Stroh ein gebeugter, grauhariger, alter Jude; sein blasses Antlitz verriet, daß er sich fürchtete. Jeromos neigte sich zu ihm und fragte ihn mit sanfter Stimme: „Sagen Sie mir, Onkelchen, woher kommen Sie?" „Aus Jedlinsk." „Und wohin reisen Sie?" „Nach Lublin." „Vielleicht zum Markte?" Als der Alte gewahrte, wie freundschaftlich und menschlich der junge Herr mit ihm sich unterhielt, wurde er auch mutiger und vertraulicher. „Ach, es hat schon lange keinen Markt bei uns gegeben; wir haben nichts zu verkaufen und nichts einzukaufen; die Soldaten schleppen alles weg, aber nicht gegen Geld. Wer weiß, wann endlich Ordnung und Ruhe hergestellt sein werden!" „Aber warum fahren Sie dann unter solchen Umständen nach Lublin?" „Ich will zum Wunderrabbi, schöner Jüngling, zu unserem heiligen, großen Geistlichen auf die Feiertage. Nun, jetzt wird es mehrere Feiertage nacheinander geben." „Nennen Sie sie mir doch, Onkelchen," bat ihn Jeromos. Der alte Mann wurde immer mitteilsamer, und er hatte das Gefühl, als wenn er .seinen, kleinen Enkel von den jüdischen Feiertagen erzählen würde.

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