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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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der sinnliche Reiz, das Verlangen des Alternden, nach Jugend, das Begehren des in einer pflichtmäßigen Ehe Unbefriedigten nach Genuß; in der Seele des einfachen, aus dem Hirtenstande stammenden Weibes der geheime Zug zu dem gleichfalls aus dem Hirtenvolke hervorgegangenen König, der Stolz, auf einem Königsthrone zu sitzen, die erwachte Sinnenlust, die besonders Nahrung darin gefunden hat, daß ein Jüngling, der ihr nicht ganz gleichgültig war, ihretwegen den Tod gesucht und gesunden hat. Man mag wohl einräumen, daß alles dies moderne Zutaten sind; von David wird dieses senile Verlangen durch die Bibel nicht berichtet, vielmehr steht er nach ihr in kräftigem Mannesalter: über die Gefühle der Bathseba werden wir in der biblischen Quelle überhaupt nicht belehrt. Trotzdem muß man gestehen, daß all dies psychologisch sein begründet und in einer edlen, nicht etwa die Bibel sklavisch nachahmenden Sprache, obgleich einzelne biblische Stellen mitgeteilt werden, vovgetragen wird. Derselbe Dichter, Albert Geiger, hat vor mehr als einem Jahrzehnt durch eine dramatische Skizze uns in die Zeit Jesu geleitet. Sein Stimmungsbild') führt uns eine schöne Buhlerin vor, die, von einem römischen Zenturio begehrt, von einem griechischen Kaufmann verfolgt wird, beide unerhört läßt, weil sie den fremden Rabbi (Jesus) liebt. Der Zenturio glaubt, seines Sieges sicher zu sein, nachdem er den Nebenbuhler, den griechischen Kaufmann, getötet und die Leiche vor die Tür der Begehrten gelegt hat. Mirjam muß, um nicht des Mordes angeklagt zu werden, mit ihrer Dienerin Recha, einer Kupplerin, fliehen und erhält zum Trost die Worte des Rabbi: „Mirjam, ich bringe dir Frieden." Das Ganze ist eine von Poesie durchwehte Skizze, die in vornehmer Sprache tiefe Blicke in die Seele des jüdischen Weibes gewährt, das, der Sünde verfallen, durch eine große Leidenschaft geläutert und dem Edlen zugeführt wird. Während Sorges Drama, von dem oben die Rede war, sich streng an die Bibel hält, ja im Grunde kein anderes Verdienst besitzt, als biblische Stellen aneinanderzureihen, bemüht sich Albert Stessen'), sich möglichst von der Bibel zu befreien. In seinem Drama „Der Auszug aus Aegypten" — denn das zweite in dem Bande abgedruckte Drama „Die Manichäer" liegt unserem Interesse fern — schildert er, wie die Gattin und der Sohn Pharaos Anhänger des Moses sind. Sie ist von Gram erfüllt über das Heidentum, der Sohn fühlt lebendigen Haß gegen den Vater und dessen Glauben. Moses verkündet seinen Gottesglauben vor Pharao in hochpoetischen Worten, fordert von ihm die Befreiung der Seinen, wird aber von dem zornigen König ins Gefängnis geworfen. Darüber erzürnt, verlassen Frau und Sohn den König. Da erscheint ihm Moses als Geist, und dessen gewaltigen Worten gelingt es, Pharao umzustimmen. Der zweite Akt zeigt uns Israel zum Auszuge bereit, Pharao aber, trotz der früher gewährten Erlaubnis, faßt andere Entschlüsse und veranlaßt, ungerührt durch die Bitten von Frau und Sohn, seine Aegypter, die Israeliten anzufallen. Diese werden zurückgedrängt; Moses gelingt es, Pharaos Gattin zu bereden, und ihr wird es möglich, den Sohn, der den Vater töten will, zu menschlichen Gefühlen zu bewegen. Aber da sie beide nicht imstande sind, Pharao zu anderen Entschlüssen zu bringen, tötet sich der Sohn; die Gattin verschwindet in einer Pyramide und findet dort gleichfalls den Tod. Moses versucht, mit den Israeliten den Auszug zu bewerkstelligen. Im dritten Akt wird dargestellt, *) „Mirjam." Ein Stimmungsbild von Albert Geiger. Badische Kunst 1904. 2. Jahrbuch der Vereinigung heimatlicher Kunstpflege, Karlsruhe (Herausgegeben von Albert Geiger. G. Braunsche Hofbuchdruckerei und Verlag), S. 53 bis 60. *) Albert Steffen: „Der Auszug aus Aegypten", „Die Manichäer". Zwei Dramen. S. Fischer Verlags Berlin. wie Moses und die Seinen das Meer durchschreiten, Pharao und die Aegypter folgen, aber vom Meere verschlungen werden und Moses triumphiert, nachdem er Mrjam zum Tanz ausgefordert hat, mit den Versen: Vor diesem Bild bekommt das Sterben Wert. Es bleibt nicht sinnlos vor dem höchsten Sein. Denn in dem Lichte leben alle Wesen. Den Kommenden ist es die Lebensspeise, Den Gehenden wird es Vergessenstrank. Oh, sterbt in ihm, daß er euch neu gebärt. Ihr seid von ihm getragen und gehegt. Werft alles, was euch fesselt, in das Meer, Die Angst, die Reue, jede dunkle Qual! Es wälze sich der Tod zum Tod hinan. Es löse sich die Seele von dem Leibe Und hebe sich gleich wie die Leuchtkugel, Die sich dem dunklen Erdenschoß entringt. O Israel, blick' nieder auf die Flut. Du sollst das Sterben sehn, um zu erkennen. Was in dir selber lebt an Angst und Schwäche, Um dich zu läutern und zu überwinden. Um einstmals ohne Nebel vor dem Auge Zum Berge Sinai emporzusteigen. Im Schrecken, der um seinen Gipfel dröhnt. Zu stehen unerschütterlich und still. Im fürchterlichsten Wetterstürzen noch, Um durch den Rauch des Erdenfeuers dann Hindurchzudringen zu dem weißen Lichte, Worin die Tafeln des Gesetzes schimmern. Die Gott zum Schemel seiner Füße dienen; Schwer ruhen seine Sohlen noch darauf. Bis einst der Marmor, von dem Druck gebogen, Zum Becken wird. Tann bückt sich Gott hinab, Und füllt ihn mit dem Wasser aus dem Meer, In das der König der Aegypter sank, Und wäscht die Wunden aller Menschen weg. Gewiß sind dies schöne Verse, denen sich viele gleichwertige aus den Gesprächen Moses' mit Pharao und den Seinen anreihen ließen. Ein zur Ausführung geeignetes Drama wird man das Werk gewiß nicht nennen können, vielleicht stört manche der moderne Zug und die durch die Bibel keineswegs begrüudeten Erfindungen des Dichters, aber das Ganze bleibk eine Dichtung, vor der man die größte Achtung hegen muß. Aus dem biblischen Gebiet, in dem wir bisher verweilt, führt uns Zweigs Dichtung") in die Gegenwart; denn wenn auch in manchen Szenen Elohim auftritt oder wenigstens seine Stimme erschallt, wenn auch Semael, der Satan, spricht, oder derselbe Semael mit zwei jungen Teufeln auftritt, oder die Dummheit erscheint, die sich mit dem Teufel unterredet, oder der Prophet Elija mit dem Konvertiten Pfefferkorn konversiert, so ist das Ganze, wie schon der Titel beweist, eine durchaus moderne Tragödie, ein Stück grausigster Gegenwart, das die Blutbeschuldigung von Tisza-Eszlar zum Gegenstand hat. Ein Gutsbesitzer Onody tötet ein Christenmädchen Esther Solymosi, das sich seiner Liebkosungen erwehrt hat; als ihr Tod bemerkt wird, regt sich gleich die Vermutung, die Juden hätten sie geschlachtet, und Onody bestärkt diese Vermutung. Moritz Scharf, der Sohn des Synagogendieners, wird durch den Untersuchungsrichter Vary vermittels Schläge, Hunger und Schlafentziehung gezwungen, das Geständnis abzulegeu. daß die Juden die Esther ermordet hätten. Durch Herrn von Jstoczy wird die Menge gegen die Juden sanatisiert. Trotz der Versuche der Rechtsanwälte, besonders des kühnen *) Arnold Zweig: „Ritualmord in Ungarn." Jüdische Tragödie in fünf Aufzügen. lS14, Hyperionverlag, Berlin.

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