Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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— 44 Liebe, i>ie Salomos Gattin zu dem Jüngling eiupfindet. ist eine bloße Episode, und auch die einmal vorkommenüe Andeutung ihres Götzendienstes wird nicht weiter ausgeführt. Chorgesänge, in denen die Schillersche Sprache aus der „Glocke", aus „Maria Stuart" und der „Braut von Messina" derart nachgeahmt sind, daß manche Ausdrücke wörtlich wiederkehren, Volksszenen, teils mit Rührung verbrämt, teils durch Totschläge lebhaft gestaltet, vermögen das ungefüge Opus nicht zu einem dramatisch wirksamen oder Poetisch bedeutenden Werke z>u gestalten. Ganz anders als dieser trotz seiner dichterischen Tätigkeit sehr Prosaische und trotz seiner Sinnlichkeit, von der nur gesprochen wird, recht hausbackene Fürst, der das durch seinen Siegelring heraufbeschwvrene Elend durch eine neue Bewegung eben desselben Siegelrings gutzumachen wähnt, ist der Salomo, der in einem neuen Schauspiel, „König David""), vorkommt. Bon einem feinsinnigen Beurteiler wird dieses David- Drama ebenso wie das folgende als ekstatisch bezeichnet. Wenn ekstatisch etwa dasselbe bedeuten soll wie „sonderbar", so verdient es diese Bezeichnung vollkommen. Der Verfasser liebt seltsame Worte und bedient sich einer Sprache, die jedenfalls von dem Gewöhnlichen abweicht, ohne dadurch meines Dafürhaltens Poetisch zu werden. Zum Beweis dienen die folgenden Stellen: „Und mein Herze ging tvie Oel, In Demut tropfte Dank, duftete Heil. Ein tiefer Ernst ließ sich ins tiefe Herz" oder „Beschütte inir den Bart mit einer Salbe" oder „Und laß uns Blüten treiben in unsrer Freundschaft" oder „Saul erhielt von Samuel Befehl, an Amalek den Bann zu tun, Vertilgend gänzlich zu vollstrecken" oder „Kann Jahve bluten. Sonnet Er kann es nicht, der sel'ge Lacher: Oh Er kann" ober endlich in folgender Bühnenaniveisnng: „Sein ekstatischer Tanz bietet nichts Krasses, Groteskes oder Abstoßendes, er ist vielmehr eine einzige trunkene Innigkeit. Bald fährt er im Sprunge hoch mit betend dicht aneinander gepreßten Armen. bald streift er dicht am Boden hin, bald jauchzt er vornüber." Ich habe zwar nicht versucht, diese Bühnenamveisung auszuführen, lind überlasse es gern andereil, diese Bewegungen zu vollziehen. Das Drama zerfällt in fünf Aufzüge, von denen jeder mehrere Bilder enthält. Die des ersten können etwa so bezeichnet werden: Davids Berufung, David vor Saul, David und Goliath, David nach dem Siege. Im zweiten Akt flieht David, von Jonathan gewarnt; Saul geht zu der Hexe von Endor (Erscheinung Samuels), Sauls Tod (Selbstmord), Davids Klage. Zwischen dem zweiten und dritten Akte liegen viele Jahre. David ist unterdessen König geworden rmd hat er- , wachsene Kinder. Das erste Bild zeigt, wie Salomo um des , Bakers Freundschaft wirbt und das mit einem Hohenpriester! verabredete Zeichen erhält (Psalmen Davids). 2. Einzug im! Tempel, gleichfalls mit vielen Psalmen Davids. 3. Absaloms i Ungehorsam, Lust Davids nach Bathseba; sie selbst kommt > zwar nicht vor, nur Davids Verlangen wird angedeutet. Ihre Schilderung findet sich in folgenden schönen Versen: ' -j „König David." Schauspiel von Remhold Johannes Sorge. 1916. Fischer Bering. Berlin.! „Bathseba ist wie eine: Lilie weiß. . Hauch und Duft faltet sich aus ihrer Knospe. Süß wie ein Sommerfrühling, lind wie Salbe. Auffunkelnd wie ein weißer Stern, verschwiegen Lockend wie eine Flöte, eine Flöte." Ihr Mann Uria wird in das dichteste Kampfgewühl geschickt. Der Ungehorsam Absaloms wird gleichfalls nur kurz angedeutet durch die Worte: „Dir Ehrfurcht, Vater. Doch der Prinz kommt erst." Vierter Aufzug. Durch diese Sünde ist David tiestraurig; mitten in einem Gelage erschallt die Androhung des Verderbens durch den Propheten, trotzdem wird die Verzeihung erteilt. Tod des Kindes der Bathseba. Zweites Bild: Kunde von Absaloms Empörung, Szene mit Simei, Davids Trauer. Drittes Bild: Simeis Ermordung, Tötung Absaloms. Viertes Bild: Trauer des Königs über den Tod. Fünfter Aufzug. David erhält die Künde von Adonias Plänen. Zweites Bild: Einsetzung Salomos als Nachfolger. Ten Schluß bildet die Episode: David und Abisag, sein Abschied und Davids Tod. Das ganze Drama gehört zu den absonderlichsten Produkten, die mir jemals vorgekommen sind. Von einer wahrhaften dramatischen Entwicklung ist keine Spur vorhanden. Es ist weiter nichts als die biblische Geschichte in viele Bilder zerteilt. Wenn wir Modernen ein Drama lesen, wollen wir keinen Kursus in der biblischen Geschichte durchmachen. Dieser schlimme Eindruck wird nicht vernichtet, sondern noch verstärkt dadurch, daß zahlreiche Stellen aus den Büchern der Bibel mit genauer Quellenbezeichnung und Psalmen mitgeteilt! werden. Gewiß sind diese recht schön, aber wir brauchen, um j sie zu genießen, wirklich nicht zu einem modernen Drama zu! greisen. j Ich frage mich bei solchen Produkten, die in einer hvchj bedeutenden Verlagshandlung erscheinen und trefflich aus-! gestattet sind, immer mit Verwunderung, für wen denn eigent- ■ lieh derartige Werke erscheinen.! Turmhoch über diesem David-Drama steht ein anderes! eines früh verstorbenen (im Jahre 1915) hochbegabten badischen : Dichters, meines Namensvetters, der aber sonst in keiner Weise! mit mir verwandt ist, Albert Geiger. Statt des ganzen Lebens j des Königs bespricht er eine Episode, zum Teil der Bibel, zum! Teil eigener Erfindung folgend'). Er läßt die Bathseba, die der! König von der Zinne seines Palastes erschaut und sofort be-! gehrt hat, in Liebe zu David entbrennen. Freilich will sie ■ zuerst ihrer Gattenpflicht treu bleiben, sie wird aber umge- : stimmt, nachdem der junge Asahel, der sie gleichfalls erblickt : hat und von Liebe zu ihr entzündet worden ist. sich selbst getötet hat. Nun wird sie von sinnlicher Glut zu David erfüllt und gibt sich ihm hin. nachdem dieser seiner Frau Abigail den Scheidebrief hat schreiben lassen. Aber beide können sich nicht lauge des Genusses freuen. Denn Bathseba, nachdem sie den Tod ihres Gatten vernommen — der zweite Brief Davids, der ihn zurückrufen sollte, ist durch die Hinterlist Abigails nicht abgegangen erkennt, nun nicht mehr verblendet durch die Glut, die sie eine Zeitlang erfüllt hat, die Schuld, die sie auf sich geladen hatte, und ist nur von dem einzigen Pslichtbewußtsein erfüllt, den Toten zu bestatten und selbst aus dein Leben zu scheiden. Den letzteren Entschluß führt sie aus, da der empörte Volkshausen ihren Tod begehrt. Diese Ereignisse werden in echt dramatischer Form aneinandergereiht. Worauf es dem Dichter ankam, ist weniger, ein Kapitel biblischer Geschichte neu zu gestalten und mit frischen Ranken zu schmücken, als den psychologischen Vorgang in der Seele des Mannes und Weibes darzulegen. Bei dem Mann ist es mehr ') Albert Geiger: „Das Weib des Uria". Ein biblisches Spiel in Auszügen. Heilbronn, Eugen Salzer, 1909.