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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 n führt unsere Phantasie zurück zu den alten biblischen. Zeiten und zur Heldengeschichte der Makkabäer." Besonders - begeistert ist er über die Briefe von Robert Hertz, dem Sohn eines deutschen Juden, einem Führer des französischen Sozialismus. Er zitiert aus den Briefen von Hertz einen Auszug, in dem es u. a. heißt: „In der Lage der Juden, besonders der deutschen Juden, die erst unlängst eingewandert sind, war manches schwankend, unregelmäßig, unsicher und unklar geblieben. Aber der gegenwärtige Krieg muß als eine willkommene Gelegenheit betrachtet werden, um diese Lage für uns und unsere Kinder in Ordnung zu bringen." Dazu bemerkt Barres, „daß es wohl nicht möglich ist, einen Text zu finden, in dem mit größerer Kraft und Ergriffenheit ausgesprochen ist, wie leidenschaftlich der Wunsch Israels ist, mit der französischen Seele vereinigt zu werden (le desir passionne d’Israol de $e confondre daws Tarne franQaise)“. Wir brauchen zu diesen erstaunlichen Offenbarungen nationalistischer Seelenstimmungen keinen weiteren Kommentar zu geben, sie sprechen für sich selbst genug. Diese so plötzlich aufgetauchte Begeisterung für den Patriotismus der Juden deutschen Ursprungs bildet ein ganz eigenartiges Kapitel in der Geschichte der geistigen Bewegungen im großen Weltkriege. Wenn irgend etwas dazu geeignet ist, die gemeingefährliche Grundsatzlosigkeit der französischen Nationalisten zu beleuchten, so ist es wohl diese unerhörte Wandlung von einem wütenden Antisemitismus zu dieser so gefühlvollen Anerkennung des Patriotismus der Cahen, Hertz, Rothstein, Bloch. M. Barrös, der große Nationalistenführer, und das „Echo de Paris", diese mächtige Stütze der französischen Kriegseinpeitscher, erscheinen damit in einem neuen, gleichsam goldig schimmernden Lichte. Wir begnügen uns damit, über diese sonderbare Entwicklung zu berichten. Die Gründe wird man erst nach dem Kriege genau untersuchen können. * lieber die Art der Behandlung der „befreiten Juden" durch die Russen gibt ein Artikel des „Wiener Fremdenblattes" Kunde, den wir hier folgen lassen: Die russische Armee u n d die „b e s r e i t e n" I u d e n. Das „Bulletin Juif", das in Lausanne erscheint, bringt eine Anzahl' von „Anordnungen", die an die Juden Galiziens durch die russische Armee nach ihrer „Befreiung" im Frühjahr 1915 gerichtet waren und die alle russischen Phrasen von Neuorientierung ins rechte Licht setzen. Jur einzelnen bedürfen sie keines Kommentars: An Herrn Jakob N., Beamten an der Kanzlei in Lwow. Der von Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Generalissimus mit der Aufsicht über die galizische Gerichtsbarkeit betraute Offizier macht dem Vorsitzenden des Obertribunals des Distriktes zu Lwow durch Erlaß vom 17. (30.) Mar 1915 Nr. 145 (datiert ans Tarnopol) .bekannt, daß Se. Hoheit Befehl erlassen haben, alle in der Justizverwaltung beschäftigten Personen jüdischer Abstammung, insbesondere Kanzleiangestellte, ausnahmslos ihres Postens zu entheben. Gemäß der Entscheidung des Generälstabschefs, des OberMommandierenden der Armee vom 8. (21.) Mai 1915 Nr. 3945 bestimmt der endesunterzeichnete Offizier die unverzügjliche Amtsenthebung aller dem Bor-' sitzenden des Obertribunals zu Lwow unterstellten Juden, ohne jede Ausnahme, einschließlich der Angestellten und Bediensteten, und gibt Befehl, ihre Namen von der Liste des Jrrstizdepartements zu streichen. Indern ich dem Vorsitzenden diesen Befehlt zu gehen lasse, fordere ich Sie auf, für seine Ausführung Sorge zu tragen, mir binnen drei Tagen Bericht zu erstatten und vom Vorsitzenden die Liste der enthobenen Personen einzufordern. Lwow, 7. Juni 1915. Dr. Bentschowski. * In einem telegraphischen Befehl des Generalstabes des 30. Armeekorps heißt es: . . . Juden sind in unserem Armeebereich nicht zu dulden. Solche, die auf der Flucht zu uns eingedrungen sind, sind nach Galizien zurückzufchicken. Gegenwärtig befinden sich längs der österreichischen Grenze Massenansammlungen von Juden, die aus dem Operationsgebiet vertrieben sind und denen der Zugang nach Rußland verweigert worden ist. Während der Dauer des Rückzuges unserer Armee und bei Ueberschreitung der Grenze ist das Gebiet sorgfältigst zu säubern, d. h. derartige Ansammlungen sind schon wegen der Infektionsgefahr zu meiden; es find energische Maßnahmen zu ergreifen und die Juden selbst unter Anwendung von Gewalt in der Richtung aus den Feind zurückzutreiben. Oberstleutnant Stawroghin. * Am 30. J-anuar 1915 hat General Evert als Oberbefehlshaber der Armee nachstehenden Befehl an sämtliche Korps der 4. Armee ausgegeben: Angesichts der Tatsache, daß der Oberbesehlshaber der Südwestarmee in der Gemeinde von Cholin auf einen jüdischen Soldaten gestoßen ist, .der von der Intendantur des 14. Armeekorps mit Furageauftrag nach Wladimir-Wolhynsk geschickt war, erläßt der Oberbefehlshaber der Arniee Befehl, daß fortan keinerlei Auftrag ähnlicher Art mehr an Juden erteilt wird. Sie haben sich nicht vom Depot oder von: Gros der Armee zu entfernen. Dem Leiter des Jntendanturtransports, Hauptrnann Popoff, ist eine Rüge zu erteilen, weil er dergleichen Beauftragung eines Juden zugelassen hat. Der Intendant des 14. Armeekorps hat den betreffenden Transport im Auge zu behalten, da er ersichtlichermaßen der Ueberwachung bedarf. (Unterzeichnet:) Der Oberbefehlshaber der Armee Evert, General der Infanterie. * Bekanntmachung: „Der gesamten jüdischer! Bevölkerung der Stadt Kolomea gebe ich hierdurch bekannt, daß im Falle einer Beschädigung der Eisenbahn, der Telegraphen- und Telephonleitungen der gesanrten jüdischen Bevölkerung der Stadt Kolomea eine schwere Geldbuße auferlegt und daß, falls diese nicht binnen drei Tagen erlegt sein sollte, die gesamte jüdische Bevölkerung aus dem Armeebereich ausgetrieben werden wird. Der Distrikts vorsteh er von Kolornea, Fürst Lobanow-Rostowfki." * Sammelbericht der Einwohner von Dotchina (Gouvernenrent Minsk): Auf 5000 Einwohner kommen etwa 4000 Juden; der Rest sirrd in der Hauptsache Weißrussen. Am 30. August holte die Polizei die ganze Bevölkerung, Männer wie Frauen, zur Verrichtung von Schanzarbeiten und ließ nur eine Person der Familie zurück. Die Juden mußten alle in Reih und Glied antreten. Es erschien ein Sappeuroffizier, der sie samt und sonders schlug, weil sie nicht in Reih und Glied zu stehen wußten. Man hielt sie vier Tage lang fest. Die Juden wurden grausam geschlagen; am meisten hatten Josef Vorobeitschik und ein Fabrikant zn leiden gehabt. Als der Offizier zu den Arbeiten kam, beklagten sich die Mädchen über die Mißhandlungen von seiten der Soldaten, aber er erklärte scherzend, nn't Schikffstengeln könnte man nicht schlagen, dazu brauche man nun einmal die Knute. Jedes Wort des Kommentars zu diesen Scheußlichkeiten ist überflüssig. yßauNjjöJjnrJ Von M. Marasse. s tut nicht not, verdienten Toten in langer Rede Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie haben ihre Zeit, die flüchtig entrollende Zeit, mit Taten bezahlt. Sie waren zur Stelle, wenn man sie rief, sie sind zur Stelle, wenn man ihrer gedenkt. Allen unverständlich, allen unvergeßlich bleibt ihr Wirken. Wenn ich dennoch den Versuch wage, das Wesentliche und Eigenste eines soeben aus dem Leben geschiedenen Freundes zu erfassen, so geschieht dies, weil im Augenblick des Verlustes die Melodie gemeinsam genossener Jugend mit überwältigender Kraft herüberklingt und weil es gut tut, einem Impulse zu folgen, der aus tiefem Schmerz um unwiderruflich Verlorenes geboren ist. Mitten im Schassen ward Paul Köhne in die große Stille berufen! Zwar sechs Jahrzehnte hatte er Anteil an der Daseinsfrende, aber noch herrschte er im Königtum der Jugend,

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