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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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40 mehr; aber wir haben auch noch Shylock-Naturen, und die Mehrzahl der Juden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte. Ganz ebenso ist es freilich auf christlicher Seite.?seeaiur intra muros et extra. Die christlichen und die jüdischen Nathan-Naturen müssen sich die Hand reichen, um die jüdischen Shylock-Naturen und den christlichen germanischen Rassenstolz und die althergebrachten Vorurteile, die Sitten, die zur Unsitte geworden sind, zu bekämpfen. Dazu wird sicher der Krieg wesentlich beitragen. All derartiges braucht aber Zeit. Ich bin sicher, daß in hundert Jahren das meiste, was die besten Männer auf beiden Seiten heute beklagen, beseitigt oder so gemildert ist, wie wir es wünschen müssen. Aber von heute auf morgen lassen sich bestehende Massenüberzeugungen und die entsprechenden Sitten nicht ändern. Ueber die historischen Darlegungen dieser bemerkenswerten Kundgebung soll hier nicht gesprochen werden. Uns interessiert im wesentlichen das, was Schmoller über die heutige Judenfrage sagt. Auch hier wird man manches energisch bestreiten müssen. Ueber die Frage der Assimilation und der erst nach dieser zuzubilligenden Gleichberechtigung wird in einem besonderen Artikel ein ernstes Wort zu sprechen sein. Es ist bedauerlich, daß Schmoller sich zu dem Satze versteigt, daß eine Neigung des Juden bestehe, „die Germanen und Christen zu benachteiligen". Es ist traurig, daß Schmoller von einem Wucher der Juden auf dem Lande redet, während ihn doch die neueren Ereignisse hätten überzeugen müssen, daß die Christen aus dem Lande mindestens ebenso starken Wucher treiben wie die Juden. Es ist schwer zu begreifen, daß Schmoller von einer „Vorherrschaft" der Juden in gewissen Stellungen, Berufen und Aemtern spricht, während er doch genau wissen müßte, daß zahlreiche Berufe und Aemter den Juden verschlossen sind, ihnen also nichts anderes übrig bleibt, als sich zu den Berufszweigen zu drängen, die ihnen geöffnet sind. Nicht unerfreulich ist das, was Schmoller gegen das Verhalten der Offizierskreise sagt, aber die allzu freundliche Rücksicht auf den mystisch-orthodoxen Standpunkt unserer östlichen Landesaristokratie dürfen wir nicht gelten lassen, weil wir auf dem Standpunkt stehen, den Schmoller billigerweise auch einnehmen müßte, daß bei der Beförderung zu Offizieren nur das Verdienst der betreffenden Kandidaten ausschlaggebend sein müßte, nicht aber der religiöse Standpunkt der bestimmenden Kreise. Gewiß hat Schmoller recht, daß eine vollkommene Beruhigung, ein gemeinsames Wirken zwischen Christen und Juden erst eintreten könnte, wenn es mehr Nathan-Naturen unter Christen und Juden gäbe, und wir konstatieren mit Freude, daß Schmoller den Christen gleichfalls ihren Teil der Schuld beimißt, aber gerade ein Mann wie er müßte entschiedener, als er dies in seinem Artikel getan hat, die Christen zur Duldung und zur Gerechtigkeit auffordern, um den Schandfleck des Antisemitismus aus Deutschland zu tilgen. * Wie schlimm der Antisemitismus seitens der Rumänen in den Gebieten geübt wird, wo sie als Flüchtlinge weilen, meldet folgender Bericht der Expreß-Korrespondenz: Die in Bessarabien untergebrachten rumänischen Flüchtlinge haben sich in Kischinew Ausschreitungen zuschulden kommen lassen, die hinter den in Rußland üblichen Judenpogromen nicht zurück-! stehen. Nach einer Meldung des „Dziennik Kijowski" sind dort! rumänische Banden in die Häuser der wohlhabenden jüdischen i Familien eingedrungen, um zu rauben und zu plündern. Hierbei kam es 311 Greüeltaten, bei denen mehr als 20 jüdische Bewohner! ermordet wurden. Den Exzessen wurde erst ein Ende gemacht, als ' zur Verstärkung der machtlosen Polizei in Kischinew Polizisten aus! Kiew entsandt wurden.! * i Wir geben sodann einer längeren Ausführung an dieser! Stelle Raum, die der „Kölnischen Bolkszeitung" entnommen ist: ' Der französischeNati 0 nalismus unddas I u d e n t u m. Wer die Geschichte des französischen Nationalismus rückschauend verfolgt, wird bald seststellen, daß der schärfste Gegensatz zum Judentum, ein fanatischer, rücksichtsloser Antisemitismus, bei der Entwicklung der Partei den Ton angab. Man braucht dafür sich nur an den Dreyfuß-Handel zu erinnern, der vom Jahre 1894 bis 1899 in Frankreich so gewaltige Wellen schlug und im Jahre 1898 zur Gründung der Ligue de la Patrie framjaise führte, zur ersten Organisation des modernen französischen Nationalismus. Der Haß gegen die Juden war gewissermaßen ein Ausgangspunkt dieser fanatischen Bewegung; inr Juden erblickten sie Frankreichs schlimmsten Feind, wie dies auch die Wortführer des heutigen Nationalismus, Charles Maurras und Maurice Barres, oft erklärten. „Das Geld der Rothschild und die Feder der Reinach" wurden als die schlimmsten Mittel der Unterwühlung des nationalen Bestandes Frankreichs bezeichnet; gegen diese wurde der allgemeine Kampf angekündigt. Jules Lemaitre, der erste Präsident der Patriotenliga, verstand deren Aktion in diesem Sinne und fand darin bald Unterstützung in der im Jahre 1899 von Henri Vaugois gegründeten Action fran^aise, in der Charles Maurras die Hauptrolle spielen sollte. Maurice Barres selbst hat in seiner Romantrilogie der nationalen Energie, namentlich in den zwei Bänden Les D6racmes (1892), Leurs Figures (1902), den Einfluß der Juden in Frankreich als das verhängnisvollste Moment der Zerstörung nationaler Kraft mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit zu schildern versucht. Natürlich richtete sich der Hatz dieser Nationalisten besonders gegen die Juden deutschen Ursprungs, die sie sowohl als Juden wie als widerwärtige Eindringlinge der allgemeinen Mißachtung überliefern konnten. Dieser Antisemitismus der französischen Nationalisten, wie er sich namentlich in der Drehfuß-Sache so kritiklos offenbarte, fand damals mehrfach den ernsten Widerspruch der „Kölnischen Volkszeitung", weil bei dieser Hetze ungerechte Mittel zu einem fragwürdigen Ziele zur Anwendung gelangten. Nunmehr aber ist eine ganz erstaunliche Wendung eingetreten. Der französische Nationalismus hat auch auf diesem Gebiete gezeigt, daß er keine Grundsätze besitzt, sondern sich von Gesichtspunkten beeinflussen läßt, die anscheinend die Oeffentlichkeit zu scheuen haben. Der gleiche Maurice Barres, der noch vor wenigen Jahren als wütender Judenfresser austrat und in ganz Frankreich den Einfluß der deutschen Juden witterte, ist nun auf einmal zu einem begeisterten Anwalt des Judentums geworden. Etwas Stärkeres ist wohl selten den Lesern des „Echo de Paris" zugemutet worden als in den zwei ausnehmend langen Leitartikeln (12. und 16. Dezember 1916), in denen Maurice Barres die Juden als eine der großen Stützen und geistigen Familien Frankreichs (Familles spirituelles de 1a Fraaee) hinstellte. Dabei beschränkt er sich keineswegs auf französische Juden, sondern er hebt hervor, daß es sich gerade um die sonst so verhaßten Juden deutschen Ursprungs handle. Er spricht ausdrücklich von den „erst kürzlich zu uns gekommenen Israeliten" (isra^lltes nouvellement venus parmi nous), die zwar nicht „die animalische Vaterlandsliebe", die Liebe des Kindes zur Mutter- Haben, aber dafür sei ihr Patriotismus „ganz geistig, er ist ein Akt des Willens, eine Entscheidung und Wahl des Geistes. Sie wählten Frankreich als Heimat; das Vaterland erscheint ihnenals eine sreigewählte Gesellschaft". Er bringt zum Beweise dafür längere Zitate aus den Briefen einiger solcher deutschen Juden, Briefe eines Roger Cahen, Robert Hertz und Amadaeus Rothstem, und sagt dazu: „Roger Cahen, Robert Hertz und Amadaeus Rothstein, alle diese so kraftvollen und charakteristischen Figuren bieten etwas Seltenes und Eigenartiges. Man kann in ihnen die verschiedenen Lebensalter, die Abstufungen und die Bildung einer Persönlichkeit verfolgen, nämlich die des jüdischen Intellektuellen, der seit mehreren Jahren in Frankreich eine so große Rolle spielt." Er weist hin „auf eine Reihe von Beispielen, die uns zeigen, wie Israel sich tu diesem Kriege bemüht, Frankreich seine Dankbarkeit zu zeigen." Er weist ferner hin auf die Juden Algeriens, die Frankreich ge zeigt haben, „daß Israel sich verbunden hat mit der französischen Zivilisation". Er berichtet, daß sie mit einem gewaltigen'Enthusiasmus in den Krieg gezogen sind. Ein Zeuge hat ihm versichert, daß mau sie ausrufen hörte: „Wir werden gegen die Boches losstürmen tmd ihnen Bajonette in den Leib bohren unter dem Aufschrei zum ewigen Gott". Dazu sagt Barres: „Dieser Ausruf ist herrlich.

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