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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 drückten Mir ihren Unwillen, einige aber curcl) ihre Zustimmung aus. Auch jüdische Austiruimungen fehlten nicht. Antworten kann ich auf diese Zuschriften nicht im einzelnen. So sei ein allgemeines Wort über meine Stellung zur Judenfrage gestattet. Ich habe zeitlebens mich weder als Philonoch als Antisemit gefühlt. Ich hatte mit meine besten Freunde unter Juden und Halbjuden. Ich suchte immer, mir ein objektives, historisches Urteil über die einschlägigen Fragen zu bilden und zu bewahren. Die Grundlage eines gerechten Urteils über die politische und gesellschaftliche Judenbehandlung im modernen Staate wie in den Staaten der Vergangenheit muß stets die Beantwortung der Frage bilden: wie groß ist die Zahl der Juden im betreffenden Staate gegenüber den germanisch-christlichen Elementen, wie groß ist die Zahl der höher gebildeten Juden und die des jüdischen Mittelstandes und der jüdischen Arbeiter, wie ist die räumliche Verteilung der Juden, wohnen sie kompakt für sich oder ganz zerstreut unter den Christen? Endlich: wie hoch ist das politische und kulturelle Niveau des Voltes, unter dem die Juden leben, wie ist die religiös-kirchliche Entwickelung des betreffenden Volkes und der unter ihm lebenden Juden, In älteren Zeiten waren die Probleme, die sich beim Dnrcheinanderwohnen verschiedener Rassen, Völker, Religionsgemeinschaften ergaben, unendlich viel schwieriger als in neuerer Zeit. Man konnte sich am ehesten helfen durch getrenntes Wohnen. Daralls erklärt sich die heutige russische Judenpolitik, das getrennte Judenghettv in den mittelalterlichen Städten. Rohere, primitive Menschen konnten sich die anderen Menschen und Rassen nur als Feinde denken. Jeder Fremde galt einstens selbstverständlich als Feind, den Ulan ansschloß, vertrieb, mißhandelte. Bedurfte man seiner trotzdem, so mutzte er besondere Privilegien erhalten, deren beliebigen Widerruf man sich vorbehielt. Immer blieb er verdächtig: man traute ihn: alles Schlechte zu, besteuerte ihn übermäßig, nahm ihm zeitweise sein Vermögen halb oder ganz, verbannte zeitweise ganze Judenschaften unter diesem oder jenem Verdacht. Rur wenige hochstehende Fürstell und Bischöfe sahen die Nützlichkeit und Tüchtigkeit der Juden, schützten sie, solange es ging. Das war das mittelalterliche Judenschicksal; es war das Schicksal rassenfremder Minoritäten überall in der Kulturgeschichte, langsam rang sich aus solchen psychologischen und kulturgeschichtlichen Zuständen die Idee heraus, daß die Menschen vor Gott gleich seien, also auch von den Menschen so behandelt werden sollen. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die politischen Ideen des 19. brachten nach und nach den Anfang der äußeren Rechtsgleichheit. Soll eine solche Früchte tragen, so muß sie verbunden sein mit einer Assimilation, wie sie am leichtesten in den oberen Schichten der rassefremden Minorität eintritt, während deren mittlere und untere Schichten noch Generationen hindurch in ihrem geistigen, geselligen S o überleben ausha r rer l. Seit 1848 bis 1870 hat die Assimilatiou der obersten Jlldewchichtell in Deutschland große Fortschritte gemacht: unter dem Einflllß der linmamtär-liberaten Ideen, des beginnenden Konnubiums zwischen Germanen und Semiten, des wachfenden Nebertritts der assimilierten oberen schichten des Judentums zll einer der christlichen .Konfessionen. Aber die Assimilation ist noch weit entfernt, vollendet zu sein: sie wirb immer wieder gehindert durch Jndenhehen der geschäftlich von der Jndenkonknrr-enz getroffenen Deutschen und durch die stete Znivanderung nichtasfimilierter östlicher Judenelemente, durch die noch vorhandene Abschließung der jüdischer! Kreise unter sich (besonders der mittleren und unteren Judeuschichten, wie sie iu Posen und in Polen ja noch ganz getrennt von den Christen unter sich leben >. Die Asstmikiernng ist in Frankreich und England viel leichter gewesen, weil die Zahl der Juden dort sehr viel kleiner rvar und ist und die dortigen Juden von einer Jndenaristokratie stanuuen, die teilweise schon seit Jahrhunderten in Italien, Portugal und Spanien ganz oder hlrl'b sich assimiliert Hatte, während die deutsche Jndenznrvandernng aus dem Osten stanimt und in den paar erster! Generationen vielfach noch jeder Assimilation widerstrebt. Tie Assiluilation vollzieht sich durch gleiche Schulen, gleichen Uniwerfitätsbesuch, durch die Eimvirkuug der Literatur, die herrschende allgemeine Gedankenwelt, durch geselligen Bertel)r, endlich, ain intensivsten-, durch das Ko nun bi um. | Wenn man sich nun fragt, was soll heut geschehen. so ist die erste wrfrage: Was ist erreichbar: dann erst kommt die zweite: Was ist / wünschenswert ( Eine Austreibung aller Juden aus Deutschland , ist unmöglich, rväre eine Barbarei, wäre auch ein Schädel! für unsere Kultur. Alle höhere Kultur, der heutige Bestand der höchststehenden Völker beruht auf Rassenrnischung. Nicht jede Rassemnischn-ng freilich schasst gutes Rtenschenllla-terial. Die Mischung, von sehr hoch und sehr niedrig stehenden Menschen erzeugt unallsgeglichene Charakter typen oft der schlinnnsten Art, Menschen, lvelche die schlechten Eigenschaften der beiden gemischten Rassen haben. Aber die Mischung einiger um heil sich nahestehender Typen von Menschen darf nach unserer hurtigen Rassenlehre -als eine Ursache der körperlichen und geistigen Hebung der Eigenschaften gelten (siehe meinen Grundriß 1, S. 147 bis 159, Reibmayr: „Die Entroicklungsgeschichte des Talents und Genies", 2. Band, 1908). Wir haben -also keine Ursache, die Existenz von 615 021 Israeliten unter 60 Millionen Menschen in Deutschland für bedenklich oder gar schädlich zu halten. Ja, es scheinen mir triftige Gründe für das Gegenteil zn sprechen. Ich halte, zumal das westdeutsche Judentruu, vollends das assiinilierte, für eine glückliche Zugabe zur germanischen Rasse. Es gibt uns Geisteskräfte, die uns mehr oder weniger fehlen oder wenigstens früher fehlten: es hat die deutsche Volkswirtschaft sehr gefördert. Aber es schließt die Gefahr in sich, daß es dlirch seine geschäftliche Ueberlegenheit, die es oft noch, und zwar mnnuigsach durch zweifelhafte Mittel ausnützt, viele innere soziale Verstimmungen und Kämpfe erzeugt. Die Neigung des Juden, tvo er iu eine einflußreiche herrschende Stellung kommt, die Germanen und Christen zu benachteiligen, ist noch so urannigfach vorhanden, daß Rückschläge in der judenfreundlichen Stimmung aller Liberalen immer wieder Vorkommen und daß die Verstimmungen konservativer, bäuerlicher, kleingewerblicher, hausindustrieller Kreise heute noch nicht so weit verschwinden können!vie in Westeuropa. Es ist daher im Interesse der Juden selbst, daß ihre Vorherrschaft in gewissen Stellungen. Berufen, Remtern nicht zu sehr, nicht zu sichtlich sich geltend mache. Starke Verstimmungen müßten kommen, wenn es den Anschein geivinnt, eine Stadt wie Berlin sei wesentlich in ihrer Verwaltung durch Juden beherrscht. Daß dieser Beherrschung ihre Spitze abgebrochen wird durch einen Oberbürgermeister wie Wermuth, sehen die Feruersteheuden nicht so wie den Einfluß der jüdischen Führer. Die Ueberlegenheit des jüdischen Geschäftsmannes mag sich heute vielfach beschränken auf gewisse ländliche und kleingewerbliche Kreditverhültnisse: der Wucher auf dem Laude mag stark abgenommen haben. Aber vorhanden ist er immer noch, und das Volk glaubt daran, fühlt sich mehr getröstet dadurch, daß au anderen Stellen dem Juden auch noch nicht volle Gerechtigkeit widerfährt. Das ist gewiß der Fall iu der jüdischen Offiziersfrage. Die "Nichtwahl von tüchtigen Juden in die meisten Regimenter zum Reserveoffizier ist gewiß ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte Rechtsgleichheit. Aber es fragt sich, ob es heute schon angezeigt wäre, das freie Wahlrecht des Ofsizierkorps aufzuheben, ob, lvenn bloße Ernennung von oben her entschiede, das Ofsizierkvrps nicht dadurch geschädigt würde, viel von seiner wünschens-!verteu Einheitlichkeit und Harmonie verlöre. Wenn heute der betreffende Offizierskandidat sich taufen läßt, so wird er in der Regel gewählt. Das empört die Gefühle allerfreier Denkenden. Aber es darf auch nicht übersehen werden, daß die strengen und orthodoren Christen eben heute noch glauben, daß der getaufte Christ zu Gott durch die Taufe in ein ganz besonderes, ihn innerlich nmbildendes Verhältnis komme. Das glaubt der Freidenker nicht, er findet unk Recht, daß meist die charakterlosen Juden es sind, die sich aus äußerlichen Gründen taufen lassen. Aber wer auf mystisch-orthodorem Standpunkt steht, wie ein Teil unserer östlichen Landaristokratie, ein großer Teil unserer Offiziere, kann nicht so urteilen. Uebrigeus weiß ich ans zuverlässiger Quelle, daß neuerdings vielfach und gerade in Berlin Wahlen von jüdischen Reservennteroffizieren zum Leutnant stattfanden. Es soll schon etwa 200 solche geben. Nnd ich hoffe, das wird so bleiben und sich ausdehnen. Diese Hoffnung wird sich iu dem Maße realisieren: als die religiösen Grundsätze sich mildern: als der innere sittliche Gehalt der christlichen nnd der jüdischen Religion inehr als das Dogma nnd die Mystik zur Hauptsache werden: als die Inden selbst da, wo sie die Macht haben, ebenso duldsam nnd gerecht gegen die Nichtjnden werden, wie sie es von den Christen verlangen. Hätten wir nur Nathan-Naturen unter unseren 600 000 deutschen Inden, so gäbe es überhaupt heute kaum eine Judenfrage

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