Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Kants getragen ist. wäre im Gegenteil Pflichtverletzung in diesem Lande an der Tagesordnung, hätte die Welt nicht ein gewisses Recht, da höhnisch, dort schmerzlich bewegt, zu fragen, was denn aus dem Volke Kants geworden sei!? Zusammensassend werden wir also sagen: Die Geschichte eines jeven Volkes — unter Geschichte verstehe ich seine geistige, politische und soziale Entwicklung — ist zugleich sein Charakter, sein innerstes Wesen. Mit dieser seiner Geschichte tritt es in der Welt auf, ist stolz auf sie und fordert für sie Achtung und Anerkennung, hat aber zugleich alle Verantwortung für sie vor aller Welt auf sich zu nehmen. Die Treulosigkeit gegen seine Geschichte bedeutet sonach den Dersall, den drohenden Untergang. Darum ist es unrecht zu sagen, es hätte niemand das Recht, von uns zu verlangen, daß wir uns wie ein auserwähltes Volk zu betrachten haben, als Gott und wir selbst. Unsere Geschichte ist nun einmal unsere Religion. Ich glaube, wenn es uns mit einem Male gelänge, in Palästina einen Judenstaat zu gründen, mit Gymnasien, Technischen Hochschulen. Universitäten, Kunstakademien, und dieses Land eine Hochburg für Handel und Industrie würde, in nicht zu seinen Zeiten gäbe es in diesem Lande nur eine brennende innere Frage: die religiöse. Gewiß, mit Religion haben sich alle Nationen beschäftigt und werden sich immer beschäftigen. Aber sein ganzes Sein aus die Religion gestellt hat nur ein Volk: Israel. Schöpferisch sind wir nur in der Religion gewesen. Und wir haben unsere Religion aus unserem Charakter, aus unserem innersten Wesen heraus gebildet. Als Volk der Religion stehen wir in der Weltgeschichte; die Religion ist unsere Geltung im Kreise der Nationen, sie ist unser Stolz und Ruhm im Angesicht aller Völker der Erde. Von unserer Religion aber ist das sittliche Prinzip unzertrennlich. Ein Jude, der dem sittlichen Prinzip unserer Religion untreu wird, wird es zugleich dem Charakter, dem innersten Wesen seines Volkes und zugleich dem, womit dieses Volk vor allen Völkern sich brüstet. Darum gestehe ich jedem.Nichtjuden das Recht zu. an den Juden, der durch sein Tun das sittliche Prinzip unserer Religion verleugnet, die Frage zu richten: Wo bleibt dein Judentum? Solange wir an unserer Geschichte fetthalten, ist der Richtjude vollauf berechtigt, einen stöberen ethischen Maßstab an uns anz'legen als an sich selbst. Und wir, wir solle» uns getroffen und schuldbewußt füblen, wenn das nicht stimmt! Die Ministe. Berlin, den 23. Januar. ^^^ie Ansprache des Deutschen Kaisers an sein Volk v„. hat, wie vorauszusehen war, überall begeisterte Teil- ' nähme hervorgerufen. Einen Nachhall davon erfuhr man in den Huldigungen deutscher Fürsten, in einem Briefe des Präsidenten des Reichstags und in den lebhaften Zustimmungen vieler deutscher Zeitungen. Auch wir unsererseits können nur wiederholen, daß diese Worte den lebhaftesten Anklang in unserm Herzen gefunden haben. Auch wir stehen ganz auf dem Standpunkt, daß dem sinnlosen Gebaren unserer Feinde gegenüber, die, wie sie erst neuerdings in einem Briefe an den Präsidenten Wilson erklärt haben, geradezu einen Vernichtungskrieg gegen Deutschland planen, mit aller Macht unter Aufgebot aller Mittel entgegengetreten werden muß. Sie haben jetzt die Maske fallen lassen, sie fordern in der Tat unter der Vorgabe des Schutzes der Nationalitäten die Rückgabe vollständig deutscher Gebietsteile, wie Elsaß- Lothringens und des linken Rheinufers an Frankreich, sie verlangen Konstantinopel, das doch niemals eine russische Stadt gewesen ist, für Rußland, sie wollen Deutschland demütigen, weil sie Deutschland als den Urheber der Feindseligkeiten angeben, die nur durch ihren Neid und durch ihre Furcht vor einer wirklichen Kulturmacht hervorgerufen worden sind. So entsetzlich es auch genannt werden muß. daß das furchtbare Blutvergießen weiter fortgeht, daß die gar nicht gut zu machende Zerstörung aller Kunstwerte noch ins Ungemefsene gesteigert wird, so bleibt, da es sich nicht bloß um unseren Vorteil und unsere Ehre, sondern um unseren nationalen Fortbestand, um unser ganzes Dasein handelt, nichts anderes übrig als das Schwert. Deutschland und die mit ihm verbündeten Mächte können sicher, sein, daß die Völker trotz aller Schwere, unter der sie leiden, ihre ganze Kraft aufbieten werden, um den Krieg für uns zu einem glorreichen Ende zu führen. Zu den erfreulichen Ereignissen gehören die kühnen erfolgreichen Taten eines deutschen Kaperschiffes im Atlantischen Ozean. Dem Schisse ist es gelungen, außerordentlich wertvolle Ladungen von Kriegsmaterial und Lebensmitteln wegzunehmen und diese nebst einer großen Anzahl Gefangenen, die sich aus Engländern und den Angehörigen neutraler Mächte zusammensetzen, nach Swinemünde zu bringen. Das Staunen und der Unwille unserer Feinde über diese kühnen Taten ist ebenso groß als die gerechtfertigte Freude aller Deutschen. Es ist mit Genugtuung zu konstatieren, daß die Zustimmungserklärungen zu den herrlichen Worten unseres Kaisers sich mehren. Zu ihnen sind die säst einmütigen Bezeugungen der Parteien des Preußischen Abgeordnetenhauses zu rechnen, von denen sich nur die Keine Gruppe der intransigenten Sozialdemokraten ausgeschlossen hat. Besondere Hervorhebung verdient, daß auch die deutschen Gewerkschaften in einer Erklärung an den Reichskanzler in lebhaften Worten ihre Zustimmung zu dem kaiserlichen Worte ausgesprochen und die Erklärung abgegeben haben, daß auch sie mit allen Mitteln bereit sind, den aufgezwungenen Kamps glücklich zu Ende zu führen und die Prahlereien der Feinde zuschanden zu machen. * Ueber die Kriegsereignisse selbst ist nicht viel zu sagen. In Rumänien schreiten unsere siegreichen Angriffe vor, an den übrigen Fronten haben sich in der Berichtswoche keine bemerkenswerten Ereignisse vollzogen. Das augenblicklich herrschende, stark winterliche Wetter ist für kriegerische Operationen nicht sehr geeignet, und wenn auch kein Tag vergeht ohne blutige Zusammenstöße, so werden doch die Hauptschlachten erst bei der Einkehr des Frühlings beginnen. Sie werden, das hoffen wir zuversichtlich, das deutsche Volk und seine Verbündeten überall gerüstet finden. Herr Geheimrat Schm oller hat seiner in den früheren Nummern erwähnten Ausführung diesmal in der „Täglichen Rundschau" eine längere Betrachtung folgen lassen, die wir bei der Wichtigkeit der Sache ihrem Wortlaute nach an dieser Stelle folgen lassen: Die heutige beut s che I u d e n f r ng e. Im letzten Heft meines Jahrbuches (Band 40, Heft 4) habe ich unter dem Titel „Obriokeitsstaat und Volksstaat" zwei Bücher besprochen: Hugo Preuß: „Das deutsche Volk und die Politik", und Hans Delbrück: „Regierung und Volkswille". An die beweglichen Klagen von Preutz über Ausschlichung von Staatsbürgern von der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung wegen ihrer Abstammung und ihres religiösen Bekenntnisses knüpfte ich einige ganz harmlose Bemerkungen darüber an, daß viele Leute fänden, diese mißhandelten Staatsbürger erschienen da und dort in diesen oder jenen einflußreichen Stellungen schon fast als herrschende Elemente. In der Presse entstand darüber, zunächst auf Grund kurzer, nicht iganz zutreffender und einseitiger Notizen über den Inhalt meines Artikels, ein Sturm des Unwillens bei den jüdischen und philo- ^semitischen Blättern, des Jubels bei den antisemitischen. Berge von 'Briefen und Zuschriften von mir meist unbekannte» Schreibern