Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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81. Jahfgang Nr! 3 Der Gemetndevote. Berlin, 19. Januar 1917 %tll«gt zur „Allgemeinen Zeitung dr§ Judentums". fiorrtfponüfn?fn und Nachrichten. SeutschlanÜ. E. R. Bevlin, 14. Januar. Die erste Sitzung tut neuen Jahre, in der die Einführung der um getvählten Repräsentanten erfolgte, wurde von Herrn Dioekto-r M i n d e n eröffnet, der daun den Vorsitz an Herrn Professor Dr. Kali scher als Alterspräsidenten -abgab. Herr Professor Kalischer dankte für die Ehrung und drückte als erste Amtshandlung dem bisherigen Vorsitzenden für seine sorgfältige und unparteiische Leitung der Geschäfte den Dank der Verrammlung aus. Dann erhielt der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Kommerzienrat E i s n e r, das Wort zur Einführilng und Verpflichtung der neu- und wiedergewählten Repräsentanten und Repräsentantenstellvertreter. Aus der gehaltvollen Ansprache des Herrn Eisner heben wir folgendes hervor: ,Nach § 30 des revidierten Statuts für die Jüdische Gemeinde von Berlin vom 11. November 1898 liegt bmv Vorsitzenden des Gemeindevorstandes die ehrenvolle Pflicht ob, die wiedergewählten und neugewählten Herren Repräsentanten und Stellvertreter einzuführen und zu verpflichten. Bevor ich zu diesem Akt schreite, erlaube ich mir in üblicher Weise einige kurze Bemerkungen zu dem Geschäftsbericht zu machen für die Zeit vom 1. April 1913 bis 31. März 1916, den Sie seinerzeit erhalten haben. Seitdem ich zum letzten Male in der gleichen Angelegenheit zu Ihnen gesprochen habe, vor drei Jahren, hat der Tod leider sehr schmerzliche nnt> tiefe Lücken in die. Reihen unserer Körperschaften gerissen. Seit der Abfassung des Verwaltungsberichts sind wir leider von weiteren schmerzlichen Verlusten betroffen worden. Vom Genreindevorstand und die Herren Willibald Loewenthal und Samuel Meyer ausgeschieden, aus der Repräsen.tantenversamm lang Dr. Rosenberg, Justizrat Ignatz Cohn, und ferner unser verehrter Rabbiner Dr. Eschelbacher. Wir haben beim Hinscheiden dieser Männer ihre Verdienste um unsere Gemeinde gewürdigt: ihr Andenken wird in unserer Mitte stets gesegnet bleiben. Das gewaltige und fürchterliche Völkerringeu, das die Grundfesten aller Zivilisation zu erschüttern droht und das bereits zweieinhalb Jahre andauert; der furchtöawe Krieg, der seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht hat und dessen Folgen alle Nationen zu tragen haben, nicht nur die am Kriege unmittelbar beteiligten, hat, wie sich von selbst versteht, auf unsere Gemeindeverwaltung den nachhaltigsten Einfluß gehabt. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges, der uns völlig überraschend und unvorbereitet getroffen hat, handelte es sich darum, schnelle und durchgreifende Beschlüsse zu fa.ssen, um die plötzlich in Not Geratenen zu unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen. Aus diesenr Grunde wurde die Kriegshilfskommission geschaffen, deren Aufgaben geradezu ungeheuer waren. Es handelte sich darum, unausgesetzte Verhandlungen zu führen mit den verschiedensten staatlichen und städtischen Behörden, mit den Vereinen, welche dieselben Zwecke verfolgten, um die Hilfe so tatkräftig und so wirksam durchzuführen, wie es nur Irgend möglich war. Wir verdanken es der Ruhe, der Sachlichkeit und den: Organisationstalent des verehrten Herrn Vorsitzenden dieser Kommission, ferner allen seinen zahlreichen Helfern und Helferinnen, welche sich in selbstloser Weise zur Verfügung gestellt haben, daß die Kommission so günstig gearbeitet hat. Wenn nun auch bei der Länge der Zeit eine gewisse Ruhe in die Verhältnisse gebracht worden ist und demzufolge sich die Arbeit auch etwas gemindert hat, so bleibt doch noch fortwährend viel zu tun, um all den gerechten Wünschen zu entsprechen, die an die Kommission gestellt werden. Eine weitere Folge des Krieges ist die Einrichtung von Seelsorge und die Entsendung von Feldrabbinern an die Front. Ts ist dank dem verständnisvollen Entgegenkommen der Militärbehörden die Einrichtung getroffen worden, daß die Feldrabbiner den Geistlichen anderer Konfessionen gleichgestellt werden und daß sie infolgedessen in gleicher Weise segensreich wirken können wie die Prediger der anderen Konfessionen. Wir sind im Kriege alle ernster lind nachdenklicher geworden, wir haben Prunk und Luxus beiseite gesetzt, und wenn nur diese Beobachtungen bei uns zu Hause machen. so sind sie in wesentlich größerem Maße zutreffend an der Front, wo die Männer, die den Kampf für das Vaterland führen, täglich dem Tod ins Auge sehen, und so das Bedürfnis nach religiöser Erbauung, nach der Weihe des Gottesdienstes um so stärker ist. Seitens unserer Gemeinde ist der Rabbiner Dr. Baeck zu diesem Amt berufen worden, das er freiwillig und in selbstlosester, aufopferndster Weise auf sich genommen hat. Seine Berichte sind Ihnen durch unser Gemeindeblatt bekanntgeworden. Hier in der Heimat hat ebenfalls die Seelsorge in sehr wirksamer Weise eingegriffen. Die Herren Rabbiner haben sich zur Verfügung gestellt, um Lazarette und Krankenhäuser zu besuchen, und haben schöne Erfolge zu verzeichnen. Ihre Besuche werden von den Krankett und Verwundeten mit großer Genugtuung ausgenommen. Wir haben außerdem auch für die Gefangenenlager Geistliche angestellt oder vielmehr Hilfsgeistliche, die ihre Aufgaben mit großem Takt und in verständiger Weise zu lösen bemüht sind. Eine weitere Einrichtung ist die eines Ehrenfriedhvfes, dessen Größe leider bei der Dauer des Krieges nicht ausgereicht hat, und der wesentlich wird erweitert werden müssen. Dieser Ehrensriedhof wird in der Folge von einem künstlerischen Denkmal gekrönt sein, au welchem die Namen der Gefallenen verzeichnet stehen werden. Es ist das ein Dank, den Vaterland und Gemeinde beit für die Ehre des Vaterlandes Gefallenen für alle Zeiten darzubringen wünschen. Wenn, es noch irgendeines anderen Beweises bedürfte — für uns und alle Wohlmeinenden, nicht in Vorurteilen Befangenen sind diese Beweise nicht nötig welche sittliche Auffassung unsere jüdischen Soldaten von ihrer Pflicht gegen das Vaterland haben, so legen diese Ehrenfriedhöfe, die nicht nur bei uns, sondern in vielen Gemeinden Deutschlands errichtet worden sind, ebenso die vielen tausend Gräber gefallener jüdischer Soldaten in den besetzten Gebieten beredtes und eindringliches Zeugnis dafür ab. Daß die Kommissionen, namentlich die Kriea-shilfskoiutirissiou, sich der Woh'ltäti'gkei'tspflege in größtem Maße angenommen haben, um Not nuid Elend zu verringern, ist setbstverständtich. Demgemäß war es auch erforderlich, die Mittel hierfür im Etat bedeutend zu vergrößern. Wir haben festgestellt, daß die Mehrausgaben für diese Wohltätigkeitspflege bis zum 1. Mai 1916 908 000 Mark betragen haben-: sie dürften heute wobl 1 % Million ausmachen: ein Betrag, der bei dem angespannten Etat unserer Gemeinde erheblich ins Gewicht fällt. Daneben sind für diese wohltätigen Bestrebungen bedeutende freiwillige Beitrüge aufgebracht worden. Ter Gemeindevorstand hat es außerdem für seine Pflicht erachtet, an die begüterten Mitglieder der Gemeinde heranzutreten. Da ein. derartiger Appell niemals nngehört verhallt, haben wir das erfreuliche Ergebnis zu verzeichnen, daß Nur jedesmal UW 000 Mark, zusammen 300 000 Mark, erhalten haben. Wenn ich zu dem Programm übergehe, das uns in der nächsten Amtszeit beschäftigen wird, so muß ich sagen, daß es heute sehr schwer ist, ein bestimmtes Programm aufzustellen. Es liegt in der Natur der Sache, daß tvir nur von Fall zu Fall arbeiten können. Alle größeren Angelegenheiten müssen für friedlichere Zeiten .Zurückbleiben. Aber gewisse Angelegenheiten dürfen nicht aufgeschobeu werden. Nachdem wir in der letzten abgelausenen Periode zwei neue Synagogen eröffnet haben, ist eine größere Anzahl von Rabbinern erforderlich. Dazu kommt, daß tvir bu.rdj das Hmscheidendes Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher eineu schweren Verlust erlitten haben und -daß durch höheres Alter ein Teil der Herren nicht mehr so leistungsfähig ist, so daß bei diesen eine Einschränkuug ihrer Tätigkeit in Rücksicht gezogen werden umsz. Aus diesem Grunde muß eine größere Anzahl Rabbiner neu angestellt werden. Um die Zahl nicht zu groß werden zu lassen und anderseits jüngeren Kräften Gelegenheit zu geben, sich zu betätigen und sich anszubildeu, um ihnen in spaterer Zeit einen Rabbinerposten in anderen Gemeinden oder, tveun sie sich besonders günstig eirttvickeln, auch in unserer Gemeinde elttzuräumen, haben tvir beschlossen, eine größere Anzahl von Predigern anzustelleu, welche Otabbinerqualifikatioueu besitzen müssen, um neben den Predigten die Ausgabe übernehmen zu können. Unterricht arr höheren Lehranstalten zu erteilen, wobei berücksichtigt tverden muß, daß hierzu besonders befähigte Persönlichkeiten herangezvgen werden müssen. Wir haben bereits zwei Herren an gestellt, die Vorlage hierüber tvird Ihnen in aller Kürze zugeheu. Die Anstellung ist vor-