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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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„Dann ist doch wohl auch »rein Vater frei gekommen, ivenn inan-die Pacht für ihn bezahlt hat." „Der gnädige Herr hielt ihn auch weiter eingesperrt und sagte, er würde ihn erst dann loslassen, wenn er seinen Glauben übschwöre. Sonst müsse er im Kerker bleiben, bis er sterbe." „Was ist dann geschehen?" quälte Jeromos den alten Diener weiter. Dieser fuhr zögernd fort: „Als das Kind, Sie, junger Herr, vier Wochen alt waren, kam der Pfarrer von Radom, und es wurde in der schönen Kapelle getauft. Dann ließ der gnädige Herr den Vater des jungen Herrn aus dem Kerker holen und bat ihn aufs neue, daß er übertrete. Er erzählte ihm auch, daß er den Knaben habe taufen lassen, und daß er ihn selbst erziehen wolle. Als Ihr Vater dies hörte, fiel er ohnmächtig vor den gnädigen Herrn hin. Eine Stunde lang lag er so, wie leblos; es war an einem Sonntagvormittag. Ich war dabei und brachte ihn mit großer Mühe wieder zum Leben. Er zerriß seine Kleider, streute Asche auf sein Haupt, weinte laut und sagte mit tränenerstickter Stimme: Mein einziges Kind ist nun auch tot!...'" Jeromos schluchzte heftig. „Tags darauf", setzte der alte Diener seine Erzählung fort, „fand man Ihren Vater tot im Gefängnis. Er war wohl augenscheinlich schon krank gewesen oder der Schmerz hatte ihn getötet. Als man dem Herrn Grafen davon Mitteilung machte, wurde er plötzlich weiß wie Kreide. Er fürchtete sich wohl vor der Strafe Gottes. Den ganzen Tag konnte man nicht mit ihm reden. Er ging in seinem Zimmer auf und ab, stieren Blickes und in sich gekehrt. Tags darauf befahl er einem Kutscher, anzuspannen und den Toten nach Lublin zum Rabbiner zu fahren, damit er neben seiner ihm im Tode vorangegangenen Frau bestattet würde." Jeromos trocknete sich die Augen, als der Alte schwieg, und wollte ins Schloß zurückkehren. Aber Vojtek hielt ihn zurück. „Schwören Sie mir erst noch einmal, junger Herr, daß Sie niemand ein Wort von dem sagen, was ich Ihnen erzählt habe." Der Knabe schwieg. Gedanken und Empfindungen wogten so stark in ihm, daß er die letzten Worte gar nicht gehört hatte. Der Knecht nahm daher nochmals den Faden seiner Rede auf: „Der gnädige Herr Graf hat ßch seither sehr verändert; er hat die Dienerschaft seit dieser Zeit nicht mehr so streng bestraft, und er ist so gut zu dem jungen Herrn, als wenn Sie sein eigener Sohn wären. Wenn er aber erführe, daß ich Ihnen alles verraten habe, so ließe er mich sicher hinrichten." „Hab' keine Angst, Vojtek, ich schwöre dir, daß niemand ein Sterbenswörtchen von mir erfahren soll," beruhigte ihn Jeromos. „Du bist ein herzensguter Mensch und du sollst meinetwegen nie mehr bestraft werden. Gott segne dich, Vojtek! Vielleicht komme ich morgen wieder zu dir heraus. Gott befohlen."; - u; Der alte Diener blickte dem Knaben tief erschüttert nach. Bald war Jeromos hinter den Bäumen des Gartens verschwunden. IV. Als Jeromos im Schlosse eintraf, war es. schon gegen Mittag, aber Graf v. Ponyatovsky, der die ganze Nacht gewacht hatte, lag noch immer in tiefem Schlummer. Der Knabe ging wieder in die Bibliothek. Als er eintrat, bemächtigte sich seiner ein heftiges, unaussprechliches Grauen. Gedankenvoll ließ er seine tränenerfüllten Augen über die Ahnenbilder schweifen, als wollte er sie zur Verantwortung ziehen: Warum habt ihr meine Verwandten getötet? Im dritten Saal schläft der Mörder meiner Eltern, und ihr habt die übrigen auf dein Gewissen . . . Immer mehr fühlte er, nur sich seine Seele mit Haß erfüllte gegen die Ponyatovskys. Er glaubt, daß er mir Gutes tue, indem er mich zum großen Herrn erzieht, als wenn ich sein Sohn wäre. Und doch starb meine arme Mutter lieber, als daß sie ihren jüdischen Glauben verleugnet hätte. Vielleicht dachte sie beim letzten Atemzuge daran, daß ihr Sohn auch einmal, ivenn er erwachsen sei, so fest an seinem Glauben hängen solle . . . Mein Vater brach zusammen, als er hörte, daß ich getauft worden wäre; der Schmerz tötete ihn. Und vielleicht findet seine Seele jetzt keine Ruhe, weil sein Sohn ein Junker geworden ist . . . Betäubt ging er an ein Bücherregal, nahm das Gebetbuch heraus und schlug es auf. Plötzlich bemächtigte sich eine tiefe Andacht seiner, wie damals in der halberhellten Kapelle ... Er kniete nieder und hatte das Gefühl, als wenn er inbrünstig aus den Tiefen seiner Seele betete, in jener Sprache, in der seine Eltern in ihrer Todesstunde zu Gott gebetet hatten. Aus dem dritten Saal hörte man ein Geräusch und Jeromos erwachte aus seinen Träumereien. Er richtete sich aus und lauschte. Sicherlich erhob sich der Graf jetzt von seinem Lager. Im Herzen des Knaben bewegte sich etwas; er wäre gern zu seinem Pflegevater hereingestürzt, wie er es stets tat, wenn er erwachte. Einen Augenblick fühlte er eine tiefe Liebe zu Ponyatovsky, der so gut zu ihm war, der ihn so zärtlich liebte . . . Dann blickte er auf das Gebetbuch und hatte aufs neue die Empfindung, als wenn er hier fremd wäre. Es erschien ihm, als sei sein Platz bei denen, die aus solchen Andachtsbüchern beteten . . . Seine Gedanken suchten einen Friedhof in der Ferne, wo zwei düstere Gräber nebeneinander waren, ohne Blumen . . . und auf ihn warteten. Wieder blickte er in das Gebetbuch und blätterte darin. Als er das leere Blatt auf der ersten Seite sah, hielt er plötzlich inne. Er bemerkte dort schwankende, krause Buchstaben, die eine zitternde Hand aufs Papier geworfen hatte, so braunrot, als seien sie mit Blut geschrieben . . . Ein Gedanke blitzte in seinem Gehirn auf. Vielleicht hatte sie sein Vater iin dunklen Kerker geschrieben. Eine unaussprechliche Sehnsucht bemächtigte sich seiner, diese Schrift lesen zu können; vielleicht enthielt sie den letzten Willen seines Vaters. Er wollte dann alles tun, was von ihm verlangt wurde ... Er neigte den Kops und drückte seine Lippen auf die geheimnisvollen Buchstaben. Im dritten Zimmer öffnete sich die Türe. Jeromos legte sogleich das Gebetbuch ins Regal zurück. Der Entschluß stand sofort in ihm fest, seinem Pflegevater nichts zu erzählen uno so zu tun, als wenn er von nichts wüßte. Doch er mußte sich bald davon überzeugen, wie schwer es sei, das zu verbergen, wovon einem das Herz voll ist. Er eilte dem Grafen entgegen, aber er vermochte cs nicht, ihn wie sonst „Vater" anzureden. Stumm küßte er seine Hand. Der Schloßherr neigte sich herab und streichelte den Lockenkopf des Knaben. „Nun, mein Sohn, heut warst du früher aus als ich. Wo warst du denn seit dem srtihen Morgen?" „Auf dem Felde." „Wie geht die Ernte vor sich?" fragte der alte Herr. Auf diese Frage wartete er die Antwort gar nicht ab, sondern fuhr gleich fort: „Nach der Andacht will ich auch herausgehen. Nun komm, mein Sohn. Wir wollen in die Kapelle gehen." Draußen im Schloßhos sahen die Augen von Ponyatovstu besorgt in das Antlitz des Knaben. Zärtlich sagte er: „Wie bleich bist du doch, mein Sohn! Man sieht, daß du die Nacht nicht geschlafen hast." (Fortsetzung folgt.)

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