Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
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33 beiden auzuknüpfen, möglichst weitgehend auszuballen lind liebevoll zu gestalten. Auch wenn man die eigentliche Patenhtlfsarbeit erst nach Beendigung des Krieges beginnen wollte, so fände sich für ein sreundwilliges Interesse doch schon j e tz t in den Kriegssilialen manche Gelegenheit zur Bezeigung liebevoller Anteilnahme an dem Geschick der Gemeindemitj glieder und zu nützlicher und wohltuender Kriegshilfe an den- - selben. Gerade die so wichtige persönlichePflegehilfe der Mitglieder der Patengemeinden an den Mitgliedern der Kriegsfilialgemeinden könnte sich in dieser Zeit reich betätigen und viele Liebesfäden von Gemeinde zu Gemeinde spinnen. Die Patenschaft bedingt diese persönliche Betätigung der Patenmitglieder an ihren Filialmitgliedern ganz notwendig, wenn sie nicht dauernd kalt und für die Herzen unbefriedigend bleiben soll. Zu jeder Paten gemeinde gehört darum unbedingt ein Patenverein von persönlich willigen Mithelfern. Diese scheinen noch überall zu fehlen. Die Patenvereinsmitglieder vermögen auch die sachlichen und finanziellen Leistungen der Patengemeinde für ihre , Kriegssilialgemeinde ganz wesentlich zu erhöhen, ohne daß die. j Patengemeinde selbst eine Mehrbelastung daraus empfindet.! Aber das wichtigste dabei ist, daß die Patenschastshilfe überi j Haupt erst dadurch den Charakter des Persönlichen, Liebevollen! und Pflegartigen erhält, was jede Unterstützung erst in höherem Sinne wertvoll macht. — Alle Erwägungen zur günstigen Neugestaltung der Verhältnisse unserer kriegsgejchädigten Kleingemeinden müssen genaue st a t i st i s ch e Angaben über die bisherige und zeitige finanzielle Leistungsfähigkeit der betreffenden Gemeinde, ihren Erwachsenen- und Kinderbcstand, die allgemeine Lage des Ortes, seine Verkehrsverhältnisse, eventuell auch über die Verhältnisse der Nachbargemeinden zur Grundlage haben. Daraus wird man sich ein allgemeines Urteil bilden können, ob die betreffende Kriegssiliale noch als selbständige Gemeinde zu erhalten oder zur gesicherten günstigen Versorgung mit den wichtigsten Religionsmitteln mit einer benachbarten Gemeinde zu verbinden ist. Endgültig und zuverlässig sachgemäß kann diese wichtige Frage aber nur entschieden werden nach persönlicher Kenntnisnahme an Ort und Stelle und eingehender Besprechung mit den Vertretern der Kriegssilialgemeinde. Nichts! wäre verfehlter und wirkungsloser als ein Dekretieren von! oben herab und über die Köpfe der betreffenden Filialgemeindc; hinweg. Das Selb st Verantwortungsgefühl der! Mitglieder der kleinen Gemeinde muß ge- > schont und gestärkt werden, weil nur beim Vorhandensein desselben sich aus der Gemeinde selbst die guten Kräfte entwickeln können, auf die es in erster Reihe ankommt, wenn sich die wohlgemeinten Absichten mit der Gemeinde verwirklichen sollen. Auch ist selbstverständlich aus die r e l i g i ö - sen Ansichten der Gemeindemitgliedcr und ihr bevorzugtes Interesse für einzelnes in ihren religiösen Bedürfnissen gebührend Rücksicht zu nehmen. Hilfsleistungen auf religiösem Gebiet verlangen viel gegenseitiges. Vertrauen und genaueres Verstehen, wenn sie wvhltuen und recht wirken sollen. Andererseits wird sich die Patenhilfe von allem entfernt halten müssen, was nur darauf hinausläuft, unwürdige und vollständig unbefriedigende Zustände aus religiösem Gebiete eigenwillig weiter zu erhalten. Die Patengemeinden würden sich mitschuld igmach en für s v lch eVerhältnisse. wenn sie nur zur äußerlichen Betätigung ihrer Hilfsbereitschaft dazu ihre Hilfsgelder h ergeben wollten. Was unter Mitwirkung der Patengemeinde geschaffen wird, muß gut fein und zu einer auch bei bescheidenster Ausmessung den Verhältnissen nach befriedigenden religiöse» Versorgung der Kriegssilialgemeinde führen. ' Die erste Bedingung dafür ist, daß nur beruflich regulär vor gebildete deutsche Lehrer und Kultusbeamte in diesen Gemeinden zur Anstellung kommen und mit einem Auskommen versehen werden, das ihr dauerndes Verbleiben und ihre würdige Stellung in der Gemeinde möglich macht. Von den Fähigkeiten und der freudigen Hingabe der Lehrer bzw. Kultusbeamten an ihre Gemeinde und deren Interessen hängt die Gestaltung des ganzen religiösen Lebens >Mer Kleingemeinden ab. Ihre Tätigkeit ist durch keine Hilss- oder Aufsichtspersonen zu verbessern, es kommt alles auf die eigene Persönlichkeit der Lehrer, aus ihr Amtsgeschick, ihr achtunggebietendes, gebildetes Auftreten und ihr selbständiges Erfassen ihrer Aufgaben für die Gemeinde an. Aber auch nach außen hin ist der dentschgebildete jüdische Lehrer und Kultusbeamte gerade für unsere sprachlich sehr gemischten vstpreußischen Grenzgemeinden zur Wahrung ihres und des Judentums Ansehen und Ehre unbedingt notwendig. Bietet sich für die Patengemeinden im Rahmen des Vvrhergesagten kaum eine andere Aufgabe, als sie bisher unserem Synagogenverbande gegenüber seinen leistungsschwachen Mitgliedergemeinden allgemein zukam, und werden die Patengemeinden in dieser Hinsicht nur neben den Pflichtberusenen ergänzend zu wirken haben zur vollen und rechten Erfüllung dieser ersten und wichtigsten Zwecke bei ihren Kriegssilialgemeinden, so werden die Patengemeinden ihre besondere, nicht minder wichtige Ausgabe finde»! können bei der Fürsorge für die a l l g e m c i n e! Bessergestaltung der L e b e n s v e r h ä l t n i s s e u n -! s e r e r I u d e n i n d i e s e n K l e i n g e m e i n d e n. Es gilt i dabei die Entvölkerung der jüdischen Klein-! gemeinden nach Möglichkeit a u f z u h a l t c n und! ihnen durch besondere Maßnahmen neue j leistungsfähige Mitglieder zuzusühren. Die Beobachtung lehrt, daß es besonders zwei Momente sind, die unsere wohlhabenderen Glaubensgenossen häufig veranlassen, aus den Kleingemeinden in die Mittel- und Großgemeinden zu ziehen: der Mangel an Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse und die Rücksicht aus die besseren Schulgelegenheiten und die sonstigeFortentwickelungihrerKinderinder G r o ß st a d t. Man mühte die geistige Regsamkeit unserer Juden und ihr Bildungsstreben auch für ihre Kinder i n ihre m Wert für die Erhaltung unserer Gemeinschaft und ihren allgemein geistigen Hoch stand gröblich verkennen, wollte man diesen Ursachen für das Verlassen von Stätten, die diesen Bedürfnissen nicht! genügend Rechnung tragen oder für sie nur unter besonderen! Opfern Befriedigung finden lassen, nicht eine gewisse Bc- : rechtigung zuerkennen. Aber es gilt auch im Interesse der dadurch in ihrem Be- ' stände bedrohten, für die Erhaltung des Judentums so wichtigen Kleingemeinden möglihstÄbhilssmittel dagegen j zu finden und zu beschaffen. Das könnte wohl geschehen d u r ch! die Patenhilfe, mit deren Mitteln sich einerseits Vo r-! sorge für öftere religiöse und allgemein jüdische Vorträge in den betreffenden Klein-; gemeinden — ihren Kriegsfilialgemeinden — treffen ließe,! und die es andererseits übernehmen könnte, begabte j jüdische Kinder minder bemittelter Glaubensgenossen aus den Kriegssilialen gegen mäßiges Entgelt oder ganz k o st e n l o s zum Besuch d e r höheren Schulen oder zur sonstigen weiteren