Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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82 das zu ausführlich und dem eigentlichen Gegenstände, mit dem sich diese Zeitung zu beschäftigen hat, zu fern ist, um hier mitgeteilt zu werden. Dagegen ist unseren Lesern gewiß willkommen die in jenem ersten Abschnitt ausgesprochene Verwahrung, daß er sich etwa zum Richter Mendelssohns aufwerfen wolle, besonders aber die Auseinandersetzung über den Einfluß Mendelssohns auf seine eigene Entwicklung. Diese letztere Stelle lautet folgendermaßen: „Die Verehrung, die ich für Mendelssohn habe, hat ihren Ursprung so tief im Innersten meiner Gesinnung, meiner Weltnnd Lebensansicht und aller edleren Gefühle, die meine Brust bewegen, daß ich jene nicht ohne diese verkannt sehen kann. Früh ist sie mir in die Seele geprägt worden, und Gefühle, die meinen ersten jugendlichen Aufschwung begleiteten, sind mir so fremd noch nicht geworden. Als eine unsinnige Erziehungsmethode mich an den einengenden Kreis orthodox-jüdischen Studiums zu bannen drohte, war es Mendelssohn, der mir die Bande löste. Als der Trieb zum Denken in mir rege ward, und durch ihn ward er in mir rege, war Mendelssohn mein erster Lehrer mxf dem Gebiete, auf welchem ich mit Wollust wandelte. Und jetzt, wenn ich die neue jüdische und christliche Generation in heillosen Widersprüchen befangen sehe, wenn ich sehe, wie von der einen Seite die Dummheit und die Heuchelei aus ihren finsteren Höhlen hervorkriecht und ihren Unfug treibt, wie die Geistessreiheit in ihrem Fortschritt gehemmt wird durch den elenden Haufen, der ihr entgegenstrebt, und von der anderen Seite die Ohnmacht, zu widerstehen und zu entsagen, von diesen die betrügerische Hülle borgt, wenn, sage ich, diese ekle, widersinnige Strömung der Zeit mich des ewigen Gesetzes auf einen Augenblick vergessen macht, das über die Fluten des Ozeans regiert, und ich eine Seele suche, die, von eben diesen Widersprüchen ergriffen, sie aufzulösen wußte, wie sie die edlere Menschenseele, der Spiegel selbst des ewigen Geistes, der die Welt bewegt, auslöst, so ist wieder Mendelssohn einer derjenigen, denen ich am liebsten begegne. Sein Jerusalem ist der Kodex meiner unveränderlichen Grundsätze und dasjenige Verhältnis, das meinen Lebenslauf hauptsächlich bestimmt. Ich betrachte sie als ein heiliges Vermächtnis für die Station, für die der Edle schrieb und kämpfte und so schrieb, so kämpfte, daß eigentlich er für die Wahrheit, die mehr als die Nation ist, schrieb und kämpfte, und wenn sie sich ganz und gar einst in die Masse der Anbeter des Namens Christi verlieren sollte, so beneide ich denjenigen, der der einzig Uebriggebliebene mit der Kraft dieses Buches oder vielmehr der darin enthaltenen Wahrheit allein sich einer ganzen Welt gegenüberzustellen den Mut hat." L. G. Mdilchr Kstenlchskten für ottpreuhilche Milche Gemeinden. Bo» Waifenhausdirektor Peritz, Königsberg i. Pr., Ansschußmitglied deS Ostpreußischen Synagogenverbandes. er Aufruf des Ostpreußischen Synagogenverbandes an die wohlhabenden jüdischen Gemeinden im Reiche zur Patenhilfe für die kriegsbeschädigten jüdischen Gemeinden der Provinz hat viel Anklang gefunden. Fast alle größeren jüdischen Gemeinden Deutschlands haben sich einzeln oder verbunden mit ihren Synagogenverbänden zu solchem Hilfswerk bereit erklärt und größere Beträge dafür bewilligt. Man darf annehmen, daß die finanziellen Vorbedingungen für die Wiederaufrichtung unserer kriegsgeschädigten vstprcußischen jüdischen Kleingemeinden im wesentlichen gesichert sind. Tenn wenn auch die von den Patengemeinden zunächst in Aussicht gestellten Hilfssummen für die Bedürfnisse der Patenhilfe bei höheren Zielen nicht ausreichen, so ist doch zu erwarten, daß die Patengemeinden ihren Kriegsfilialgemeinden die Beihilfen nicht" früher entziehen werden, bis die Aufgaben an Viesen vollkommen/erfüllt und das Unterstützungsbedürsnis für sie aüfgehört hat. Außerdem sollen ja die P a tenb ei h i lf e n nicht die einzigen Mittel zur Wiederaufrichtung der kriegsgeschädigten Synagogengemeinden bilden, sondern sie sollen nur die unzulänglichen Eigenleistungen der betreffenden K l e i n g e m e i n d e n ergänzen, von denen manche sich bei der allgemein günstigen Geschäftslage inzwischen ganz »vefentlich wirtschaftlich gehoben haben. Auch lvird darauf zu drängen sein, daß der Staat aus den bereitgestellten Mitteln für kirchliche K r i e g s h i l f s z w e ck e die jüdischen Gemeinden genau ebenso bedenkt w i e die christlichen K i r ch e n g e m e i n d e n O st p r e u ß e n s. Endlich kommen noch die Ersatzansprüche der Synagoeng e m e i n d e n a n den Staat siir die ihnen aus dem Kriege entstandenen Sachschäden dabei in Rechnung. Die Hilfstätigkeit der Paten ge mein den darf in kein em Falle, wenn sie mit ihren Mitteln auskommen und ihren eigentlichen Aufgaben genügen will, für die voranzugehenden Rechtsverpflichteten: die Gemeinden selbst, den S t a a t u n d für s o n st wen dieser Art, eintreteu, sondern muß ihre Gelder, außer zur notwendigen Ergänzung jener Pflichtleistungen für die nächsten religiösen Zwecke der Kriegsfilialen, m ö g l i ch st frei zu halten suchen zur Schaffung allgemein besserer Lebensbedingungen dieser Kleingemeinden und zur Kräftigung des Gemeinwesens daselbst durch volkswirtschaftliche, durch den Krieg besonders bedingte Matznah in e n. Die Patenschaftshilfe unserer jüdischen Gemeinden würde klein und unbedeutend sich bezeigen, wenn sie sich beschränken wollte auf die bloße Ausbesserung der entstandenen Kriegsschäden undHieWiederherstellungdesvielfachklägl i ch e n a l t e n Z u st a n d e s in den betreffenden Kriegsfilialgemeinden; wenn sie nichts weiter wollte, als vorübergehende Hilfe zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse dieser Kleingemeinden zu bieten; wenn sie nur Gegen - wartsarbeit leisten wollte und nicht den tieferen Gründen der Entvölkerung unserer Kleingemeinden und den Beding u n g e n für ihre lebensvolle Erhaltung und a us s i ch ts v o ll e Weiterentwicklung n a ch g e h e n und diese durch moderne, volkswirtschaftliche Mittel bei diesen von ihnen angenommenen Kriegsfilialgemeinden sichern wollte. Wo sich die ersahrungstüchtigen, intelligenten Kräfte unserer Großgemeindeu mit ernstem Willen zu einem patriotischen Hilfswerke für unsere ostpreußischen Kleingemeinden zusammenfinden, da darf um des Ansehens dieser Großgemeinden willen und des Judentums im ganzen nur Großes, Dauerndes, Fruchtreiches und Vorbildliches herauskommen, — da dürfen wir alle gewiß mit hohen Erwartungen der weiteren Entwicklung der Sache entgegensehen. lieber ein Jahr ist seit der Erklärung unserer Großgemeinden zur Patenbereitschaft für unsere ostpreußischen Kleingemeinden dahingegangen, aber noch hat man wenig weiter von ihrer eigentlichen Hilfstätigkeit auf diesem Gebiete gehört. Eine lange Zeit, in der schon vieles hätte geschehen können zur Vorbereitung und grundlegenden Verständigung über die besonderen Aufgaben in den einzelnen Kriegssilialen. In der auch vor allem die notwendige persönliche Fühlung-! nähme der Patengemeinden mit ihren Kriegsfilialen hätte { erfolgen müssen, um die unmittelbaren Beziehungen zwischen