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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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liefert. Es wird de» Polen also höchst wahrscheinlich nichts verlorengcheu; dagegen ist anzunehmen, daß, lvenn erst einmal an Stelle der politischen Verrottung ordentliche, verfassungsmäßige Zustände herrschen, Handel und Wandel noch ganz anders erblühen als bisher. Die Schafzucht kann vergrößert werden. Neue modern eingerichtete Fabriken werden entstehen: die Gerbereien, Brauereien usw. in den großen Städten werden einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Vor allem können aber die Bodenschätze des reichen Landes nun endlich einmal gehoben werden. Auch die geistige Hebung kann nur nach Fähigkeit der einzelnen Gruppeil sich vollziehen. Was die Inden in Rußland betrifft, so kann diesen mir dann geholfen lverden, »venu Rußland eine freiheitliche Verfassung erhält, daun lvird allen „Fremdvölkern" und somit auch den Jude» geholfen sein. Diese kann aber nur aus dem Lande selbst geboren lverden. Bon außen wird man sie ihr nicht beibringen. Tenn, lvenn man selbst bei einer Friedenskonferenz die Emanzipatio» der Inden bedingen sollte, so lvird eine solche Klausel wenig Wert haben. Man denke nur an die Bedingung. die mail den Rmnänen aus dem Berliner Kongreß 1878 stellte, und wie sie sie gehalten hallen. Aber man lvird sie gewiß diesmal nicht stellen, denn um die inneren Angelegenheiten eines Landes kümmert man sich ja nicht vom Standpunkte der Politik; von diesem ans heißt es mir: „Bist du Freund oder Feind?" Es ist also eine Eiruvirkung von außen nicht möglich,,solange Machtpolitik und nicht Kulturpolitik von unseren Feinden getrieben lvird. Wahrend hier wie anderwärts Hoffnungen zum Ausdruck gebracht werden, daß es möglich sein dürfte, daß in Rußland ein Umschwung in bezug auf die Behandlung der Juden eintrete, lverden leine weiteren Tatsachen bekannt, die eine solche Veränderung andeuten. Nur geredet darf in Rußland frei werden. Darüber erhalten wir von unserer Mitarbeiterin M. B. die nachstehende interessante Zuschrift: Zn den frage und Bezirksverwaltung in R u ß l a n d. In bezug auf die parlamentarische Redefreiheit darf man behaupten, daß Rußland jetzt Westeuropa übertrifft; die freisinnigen Fortschrittler reden sich wenigstens alles frisch von der Leber weg, was sie feit Jahren bedrückte und quälte. Im Mittelpunkt der Verhandlungen steht die Frage einer Einführung der Bezirkssem-stwo; im Zusammenhänge damit weist der Abgeordnete vom linken Flügel Kerensky nach, daß man an der Judenfrage nicht Vorbeigehen könne. Soll der Jude von der Teilnahme an der Bezirksverwaltung ausgeschlossen bleiben? fragt er. Die selbstverständlichen Wünsche nach dieser Richtung hin haben sich schon vernehmen lassen und sind von den „Chuligany" bereits mit Hurra begrüßt worden. Durch solch ein Vorgehen erzieht die Regierung sich dauernd ein „Ehuliganentum". Sodann möchte ich die Regierung fragen: Wo bleibt die Verheißung einer allmählichen Aushebung nationaler Beschränkungen? Welche Schritte sind getan worden, um die Bedrückung Andersgläubiger zu mildern? Sie, meine Heren von der Rechten, beschäftigen sich mit dem Haß gegen die Fremdstämme, und die Bauern öffneten gastlich ihre Hütten den jüdischen Flüchtlingen, erbarmten sich ihres Hungers und ihrer Not und fragten gar nicht nach nationalen Unterschieden. Im Augenblick, als der Weltbrand ausbrach, haben Sie laut und hinterlistig in alle Welt hinausgerufen, daß wir für die Freiheit und Gerechtigkeit der kleinen Völker kämpfen wollen, damit alle Schranken der Nationalität fallen und jeder Bürger in jedem Lande zu seinem Rechte komme. Ist es nun nicht ein Skandal für die gesamte öffentliche Meinung und für die Regierung in Rußland, wenn wir gerade das Beispiel des Gegenteils geben? Sie sind es, meine Herren, die uns die Niederlage bereiten, denn Sie geben denen recht, die da sagen, daß das Wort der nationalen Gerechtigkeit im Munde der Verbündeten Lug und Trug sei, weil sich unter ihnen auch Rußland befindet, das nach wie vor eine nationale Verfolgung ausübt. Schon 1906 haben Sie, meine Herren, eine verhängnisvolle Rolle gespielt und die Autorität und das Prestige des Staates preisgegeben! . Es dürfen gar keine rechtlosen Bürger mehr unter uns sein, denn vergessen wir doch nicht, daß sich ein gewaltiger Kampf vor unseren Augen nicht nur, sondern vor dem Antlitz der fernsten Nachkommen abspielt! Das Wort „Wir kämpfen für Recht und Freiheit" darf nicht zur Lüge werden und diese Lüge darf nicht dem Feinde die unerhörte Stärke verleihen mit dem Bewußtsein, daß er einen Staat niederringen will, der keiner Gerechtigkeit fähig ist. Daher erheben wir an dieser Stelle, wo das Volk zu den Machthabern spricht, unsere Stimme zur Verteidigung der Gleichheit und des Rechtes aller Untertanen Rußlands ohne Unterschied des Standes, Vermögens und des Glaubens. Die Verletzung dieses Gesetzes wird sich als eine grausame Schwäche und als unverzeihlicher Fehler rächen, da es sich nicht nur um eine Ungerechtigkeit handelt, sondern auch um eine maßlose Unklugheit." * Des ferneren mag eine interessante Notiz wiedergegeben l werden, die die russischen Juden betrifft und die deutlich zeigt, in welcher Weise England das Gastrecht ehrt. Sie lautet: Zur Einstellung der russischen Juden in das englische Heer sind jetzt die Vorbereitungen beendigt. Der Plan der Regierung umfaßt nur die russischen Untertanen, die länger äks fünf Jahre in England wohnen. Drei Monate nach ihrer Einstellung in das Heer sollen sie naturalisiert werden. Es sollen besondere Kommissionen eingesetzt werden für diejenigen, die besondere Gründe zur Freilassung vom Dienst zu haben glauben. Die Entscheidung dieser Kommissionen ist endgültig, einen Appell an eine höhere Stelle gibt es nicht. * Wenden wir uns von den politischen zu den literarischen Angelegenheiten, so muß die interessante Tatsache hervorgehoben werden, daß in Amerika, woher wir zwar recht unregelmäßig, aber doch von Zeit zu Zeit Wochen- und Monatsschriften erhalten, die literarische Arbeit ununterbrochen wie in Friedenszeiten weitergeht. Zeugnis dafür ist folgendes: Die Amerikanisch-jüdisch-historische Gesellschaft feiert am 22. und 23. April 1917 das Fest ihres 25jährigen Bestehens. Sie will nn diesen Tagen eine Ausstellung von Bildern, Kupferstichen, Handschriften und Büchern veranstalten, die sich auf die Geschichte der Juden Amerikas bezieht, und in dieser Ausstellung alle möglichen Gegenstände einbegreisen, welche Interesse für die allgemeine Geschichte der Juden besitzen. Von Europa aus dürste eine solche Ausstellung schwerlich beschickt werden, trotzdem wünschen wir, daß sie zustande komme, und wir werden gern unseren Lesern berichten, sobald wir etwas Näheres darüber hören. Es ist recht schön, daß es ein Land in der Welt gibt, das unbeirrt von allen Stürmen seine ruhige Tätigkeit fortsetzt; wären nur auch wir endlich so weit, nicht ständig an den Weltbrand gemahnt zu lverden, sondern ausschließlich von den Segnungen der Friedensarbeit zu sprechen. * Den Schluß dieser Uebersicht mag der Hinweis auf einen Mann bilden, dessen 100. Geburtstag in die letzten Tage unseres Berichtsäbschnittes siel. Das eben ausgegebene Januarheft des „Gemeindeblattes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" macht darauf aufmerksam, daß Eli es er Land shuth (gestorben am 23. Mai 1887) am 5. Januar 1817 geboren wurde. Er war ein sehr gelehrter Mann, der sich während der letzten Jahrzehnte seines schweren und arbeitsreichen Lebens mit der recht bescheidenen Stellung eines Inspektors >der Altersversorgungsanstalt und des alten Friedhofes in der Großen Hamburger Straße

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