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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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29 D i e k o lt f i> f f i ü n e M e Zähl u n g im Heere. Ein zurückgezogener Befehl. Den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" ist ein bemerkenswerter Schriftwechsel zur Verfügung gestellt worden. Vom 24. November 1916 ist ein von Major Schlieben-Troschke gezeichneter „Befehl des Ersatzbataillons des Fußartilleriepegiments 4" datiert: „Ich befehle hiermit, daß alle im Bereiche des Bataillons als Schreiber, Ordonnanz oder in ähnlichen Stellen verwendeten Unteroffiziere und Mannschaften israelitischer Konfession von diesem Posten ab ge löst und, soweit sie k. v. sind, sofort ins Feld geschickt werden. Zum 1. 12. Meldung, daß diesem Befehl entsprochen bzw. namentliche Meldung der noch im Bataillon Befindlichen unter Angabe des Grundes." Der Rabbiner der Synagogengemeinde zu Magdeburg, Dr. Lange, hat am 19. Dezember „als der von feiner Exzellenz dem Herrn General zugelassene Seelsorger für Soldaten, Verwundete und Gefangene mosaischer Konfession" in einer Eingabe an das stellvertretende Generalkommando des IV. Armeekorps zu Magdeburg gegen den vorstehenden Befehl, „der eine Zeichnung derjüdischen Soldaten gegenüber den Andersgläubigen darstellt", protestiert. Das stellvertretende Generalkommando des IV. Armeekorps hat daraus am 3. Januar nach Prüfung der Angelegenheit ergebenst mitgeteilt, „daß der Herr Generalinspekteur der Fußartillerie bereits Veranlassung genommen hat, das Ersatzbataillon Fußartillerieregiment Nr. 4 auf die Unzulässigkeit des angewendeten Verfahrens hinzuweisen". Das stellvertretende Generalkommando sieht aus diesem Grunde die Angelegenheit als erledigt an. # Die vor vielen Wochen in unserem Blatte zuerst gebrachte Verordnung über die Organisation der Juden in Polen wird erst seit kurzer Zeit Gegenstand näherer Besprechungen in den größeren politischen Blättern. Aus einem größeren Artikel des Justizrats Waldstein in der „Frankfurter Zeitung" wird nach der Inhaltsangabe jener Verordnung über ihre Ausnahme in den beteiligten Kreisen folgendes bemerkt: Von zionistischer und jüdisch-nationaler Seite ist eingewendet worden, man hätte statt einer jüdischen Religionsgemeinschaft .eine naitiona l e jüdische K-ubturgemeinschaft mit ausreichender Autonomie schassen sollen-. Wir wollen hier aus die Streitfrage der jüdischen- National-i-tät irr Polen und ihrer gesonderten autonomen! Gestaltung innerhalb des- Staatsganzen nicht eingehen; sie gehört nicht hierher. Denn sie ist eine Frage der Gesa mtversassungdes Landes und kann nur gemeinsam mit dieser gelöst werden. Wichtig um-berfreulich bleibt es -unter -allen Umständen, daß die deutsche Regierung ofsensichtbich bemüht ist, auch dem jüdischen Volk-steil in Polen zu. Helsen- .undgerecht zuwerden in bewußter Abkehr von den barbarischen- Methoden' der russischen Regierung; das beweist die vorliegende Ordnung. Es ist d-ah-er. zu erwarten, daß das gleiche Bestreben sie auch bei der Regelung der staatlichen Verhältnisse und der Verfassung leiten wird. Daß auf diesem Gebiete große Schwierigkeiten und- Streitfragen zu überwinden' sind, entgeht niemandem, und es kommt vielleicht weniger daraus an, ob sie m dieser oderjener Form gelöst werden, -als auf den Geist der Verwaltung, -auf den Geist, in welchem die Gesetze ausg-esührt werden-. Diese Schwierigkeitensind in der Schichtung der jüdischen. Bevölkerung -und -in -ihrem- 'unerfreulichen Verhältnis zu. der christlichen Mehrheit der Bevölkerung' begründet, ferner auch in denr primitiven wirtschaftlichen Zustande der Juden: U-ebelstände, -an denen die Juden selbst höchstens einen Teil der Schuld tragen un-dsichtlich nicht den größten-. A-uch die Assim-ikanten stehen -der neuen Verordnung im allgemeinen nicht' unfreundlich.gegenüber. Allerdings gibt -es -unter ihnen Leute, die überhaupt von keiner Judenordnu-ng, sei -es auf staatlichem- oder religiösem. Gebiet, etwas wissenwollen. Sie dünkensich himmelhoch erhaben über denorthodoxen Judenimlangen Rock und sind' im Grunde doch von dem Ghetto-, vondemsie sich weltenweit entfernt glauben-, insoferninnerlich abhängig, als sie gänzlich durch, die Furcht vor dem- Ghetto beherrscht werden und jede jüdische Erinnerung, demgemäß auch jede jüdische Organisation als peinlichen Uebvrrest verwerfen. Sie ziehen -den jetzigen- Zustand der Anarchie und der Verwilderung auch der verständigsten und tolerantesten Ordnung vor. Aber diese würdelosen, von aller Geschichte los-gerissenen Menschen sind -auch unter den polnischen As-stmilanten beiweitem nicht der herrschende Typus, und auch von -ihnen wird hoffentlich mancher durch erne freundlichere Entwicklung eines Besseren belehrt werden und sich dann in Reih und Glied stellen. Eine ähnliche Erscheinung zeigt stch b-egrersticyerweist, aus entgegengesetzten- Gründen, bei einem Teile der O r t h o do x i e. Er wünscht, daß der gegenwärtige Zustand bleibe, und furchtet eine Störungseiner Zirkel. Auch das ist aber eine vereinzelte Erscheinung, und sie findet sich namentlich -nicht bei der führenden Warschauer Orthodoxie. Die Mehrheit -aller Parteien ist verständig un-d erkennt die Refo-rmbedürstigteit des gegenwärtigen Zustandes an. Man mußte in der Verordnung auf die Orthodoxie Rücksicht nehmen und hat di-es getan. Dennman durfte nicht im Wege staatlichen Zwanges -in die religiöse Entwicklung als solche eingreifen, auch nicht im Sinn-e einer Liberalisierung; man hätte hiermit auch keinen- Erfolg oder höchstens den entgegengesetzten -erzielt. 80 Prozent der polnischen Judensindorthodox und haben ihre idealen Werte bisher .ausschließlich -im orthodoxen Glauben und Herkommen ihrer Väter gefunden; sie -allein haben sie im Elend ausrechterhalten u-n-d ihr- Menschentum gerettet. Diese Werte zu vernichten, ohne gleichzeitigneue Kulturwerte zu schaffen., ist keine Ausgabe der Staatsverwaltung. Das wäre nicht Liberalismus gewesen, sondern ein nu-r sich selbst ausgeklärt dünken der Abso lutismus. Ausgabe der Staatsv-erwaltun-g kann es nur sein, freie Bahn zu schassen für eine von innen heraus kommende Entwicklung unddie Schaffung eines Gemein-defr-ieden-s für alle Richtungen-. Auf diesen Gedanken beruht sichtlich auch die den Rabbinern in der neuen Ordnung eingerä-umte bedeutsame Stellung. Den neuen S-el-bstverwaltungs-- körpern. hätte bei. der -orthodoxen Mehrheit die -erforderliche Autorität gefehlt bei, Ausschaltung -ihrer religiösen Führer, der Rabbiner. Innere Hebung der Rabbiner, aber nicht ihre Ausschaltung war hiernach geboten. Der Rabbiner muß ein Organ- und Hauptträger der Entwicklungbleiben. Diese -muß sich m i t ihm und nicht gege n ihn vollziehen. Ein anderer Artikel der „Kölnischen Volkszeitung" spricht allerdings entgegen der Meinung der Redaktion, die die Möglichkeit einer weitgehenden Assimilation der Juden mit dem polnischen Volke für undenkbar hält, am Schlüsse einer großen Ausführung, die der Darlegung des Inhalts des Organisationspatents gewidmet ist, folgende Ansicht aus: Die Regelung der- Organisation der Juden, in Polenbietet -nach menschlichem Ermessen die Gewähr, daß -in absehbarer Zeit das kulturelle Niveau der Juden sich hebt, und daß gerade 'dadurch als selbstverständliche Folge die Verschmelzung der Juden mit dem polnischen Volke un-dbmv polnischen Staate eintr-itt. Ueber dieselbe Angelegenheit endlich handelt ausführlich ein Artikel der „Frankfurter Nachrichten", der sich nicht bloß über die Lage der Juden im Königreiche Polen, sondern über die Schicksale unserer Glaubensgenossen im Osten überhaupt verbreitet und in sehr ruhiger, objektiver Art die Verhältnisse darlegt. Der Schluß der gediegenen Ausführungen des wohlunterrichteten Korrespondenten mag an dieser Stelle wiedergegeben werden. Er lautet: Was die Befreiung aus wirtschaftlicher Not angeht, so endet alle Weisheit der Vorschläge in dem -einen Rate: „ A rbeitsgelege n - heit", und zwar je nach Eignung in Fabriken, im Handwerk, im Handel, im Ackerbau usw. Besonders im neuen Königreiche Polen wird, iure bedeutende Volkswirtschaftler sich äußern, die Gelegenheit zur wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Massen günstig werden, sofern nur Polen und Juden die seither durch Rußland geschürten Streitigkeiten begraben. Es wäre ja allzu günstig gedacht, wollte man verkennen, daß die polnisch-jüdische Industrie durch die politische Neuregelung der Dinge in ihrer Heimat nicht unter Umständen Schaden litte. Nun ist es zwar ein Unsinn, zu behaupten, daß der russische Markt künftig den Polen verschlossen bleiben werde, so beispielsweise in der Textilindustrie, wo die polnische Ausfuhr nach Jnnenrußland in den letzten Friedensjahren allein die Summe von 200 bis 300 Millionen Mark erreichte; denn Rußland selbst hat ein gewisses Interesse daran, polnische Erzeugnisse zu bekommen, da es selber für über 100 Millionen Mark Rohstoffe den polnischen Textilfabriken

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