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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Notenwechsel irgendwelche Möglichkeit zu Verhandlungen vorbereitet wird. Dem Uneingeweihten bleibt es völlig unklar, worauf denn eigentlich die Ententemächte ihre Hoffnung gründen. Die Kriegstätigkeit der letzten Wochen beweist nur, daß die Deutschen und ihre Verbündeten nirgends weichen, daß sie vielmehr im Westen und im Süden allen erbitterten Angriffen standhalten, daß sie in Rumänien stetig vorschreiten. In der Dobrudscha ist kein Feind mehr zu erblicken, und wenn auch noch Wochen vergehen können, ehe ganz Rumänien in der Hand der verbündeten Mächte ist, so scheint doch das Schicksal dieses unglücklichen Landes, das aber durch seine Verbrechen seine Vernichtung wohl verdient hat, völlig besiegelt. Unsere Gegner können ihr Heil und ihren Sieg, den sie immer wieder verkünden, nur aus eine gewaltige Offensive gründen, die sie gleichzeitig im Westen, Süden und Osten vorzunehmen gedenken. Sie prahlen mit ihrer kolossalen Uebermacht und reden immer von neuem von einer Erschöpfung Deutschlands. Das sind freilich, soweit wir urteilen können, Phrasen, die schon in den Jahren 1915 und 1916 zu wiederholten Malen ausgesprochen worden sind und sich immer wieder als unbegründete Prahlereien erwiesen haben. Mißlingen auch, wie wir sicher erwarten, diese Hoffnungen im Frühjahr 1917, so mag man erwarten, daß die wider uns Verbündeten, durch ihre eigene Erschöpfung gezwungen, endlich die Hand zum Frieden reichen. Dann aber werden sie zu ihrem eigenen Schaden erkennen müssen, daß ihr unverantwortliches, auf vermeintliche Gerechtigkeit gestütztes Gebaren auch die furchtbare Strafe erleidet, die es verdient. * Der Schmo l l e r sche Aufsatz, auf den wir schon in Nr. 1 hingewiesen haben, ist seitdem ununterbrochen Gegenstand der Erörterungen der Tagespresse geworden. Die freisinnigen Blätter haben ohne jede Ausnahme die Ausführungen des großen Gelehrten mißbilligt, die konservativen und antisemitischen ihnen beigestimmt. Es liegt für uns kein Alllaß vor, unsere schon einmal geäußerte Anschauung zu wiederholen. Schmollers Aeußerungen sind leider eine Kennzeichnung des bei hochstehenden Männern vorhandenen latenten Antisemitismus. Von dem in den Massen der Fanatiker verbreiteten Judenhaß gibt das Antisemitenblätt „Auf Vorposten" Kunde. Es zeigt aber zugleich, wie verschroben in allgemeinpolitischen Dingen diese Herren sind und wie gefährlich sie deutscher Macht und deutschem Ansehen werden können. In seiner letzten Nummer versteigt sich jenes Blättchen zu folgenden. geradezil hirnverbrannten Friedensbedingungen, die von den. Deutschen aufgestellt werden sollen, die nur der Kuriosität halber an dieser Stelle eine Mitteilung verdienen. Sie lauten so: „Die südafrikanischen Kolonien bilden einen Staatenbund unter der Oberherrschaft Deutschlands, die übrigen englischen Kolonien in Afrika fallen an Deutschland. Aegypten und Zypern werden an die Türkei, Gibraltar an Spanien zurückgegeben, der Suezkanal wird der Verwaltung von Deutschland, Oesterreich-Ungarn und der Türkei unterstellt. Alle übrigen Besitzungen, die England in anderen Weltteilen und im Mittotmeer sich ungeeignet hat, werden den Staaten zugeteilt, zu denen sie nach der geographischen Lage oder nach der Zusammensetzung der Bevölkerung .gehören, soweit die Mittelmächte sie nicht als Flottenstützpunkt gebrauchen. Die englische Kriegsflotte wird an Deutschland ausgeliefert, das davon einen Teil an Oesterreich- Ungarn abgibt. England zahlt die Kriegskosteu der Mittelmächte in einer von uns noch näher zu bestimmenden Form und ferner eine Entschädigung von hundert Milliarden, die -in monatlichen Teilzahlungen von je einer Milliarde erfolgt. Sie darf nicht \n Gold gezahlt werden, es muß vielmehr der Neichsbank ein Guthaben von einer Milliarde bei der Bank von England eingeräumt und die Kriegsentschädigung durch monatliche Zuzählung von einer Milliarde geleistet! werden. Eine Zinsvergütung wird nicht verlangt. Die Anstifter ' des Krieges: Sir Edward Grey, Herbert Henry Asquith und Lloyd George sowie die Besatzung des Hilfskreuzers „Bcwalong" werden der deutschen Regierung zur Aburteilung ausg-eliesert. Die.Grafschaften Hampshire, Sussex, Surrey, Middlesex, Kent und Essex werden von zehn deutschen Armeekorps auf Kosten der Regierung von Großbritannien besetzt und erst nach Erfüllung aller Forderungen geräumt." Gegen derartige sinnlose Uebertreibungen muß jeder verständig Denkende Front machen, und es ist daher durchaus unserer Ansicht entsprechend, wenn Robert Breuer in der Zeitschrift „Schaubühne" dem Abdruck solchen Unsinns die Worte hinzufügt: „Der „Bund zur Wahrung deutscher Volksehre" nennt diese Forderungen maßvoll: halbwegs vernünftige Leute werden fragen, wie es möglich ist, daß gegenwärtig, da jede Arbeitsleistung nützlich sein soll, und jede Materialverschwendung zu vermeiden ist, solch ein offenkundiger Unfug vor sich geben kann. Die irrsinnigen Kriegsfovderungen einiger englischer Blätter sind uns bekannt: sie können nicht entschuldigen, daß der „Bund zur Wahrung deutscher Volksehre" das selten gewordene Schmieröl mißbraucht und Druckmaschinen für derartigen Stumpfsinn entwertet. Was aber.viel wichtiger ist und zugleich bedauerlicher: es gibt also in Deutschland heute noch Menschen oder wenigstens „Menschen", deren Gehirn mißbildet genug ist, iurt solchen Wust von Dummheit und Frivolität aufzunehmen." Nach einigen weiteren Bemerkungen gegen diese überpatriotischen Tollheiten legt derselbe Schriftsteller dar, wie diese Herren Pangermanismus mit dem Kampfe gegen alles Jüdische verbinden, denn er schreibt: Was aber nun den „Verband gegen die jüdische Ueberhebung" betrifft, so finden sich im Zeichen des Eberkopfes noch allerlei reizvolle Bekenntnisse. Etwa dieses: „Es -erscheint uns allerdings würdiger, daß der eiserne Stern Davids die jüdische Heldenbrust schmücke als das germanische eiserne Kreuz." Oder: „Zahlreiche Juden wurden in den alten Kulturländern nobilitiert, und wenn sie damit auch nicht die Einlaßkarte in wirklich vornehme Kreise erhalten hatten, so sind sie dock in einen großen Teil der Gesellschaft eingedrungen: auch konnten sie in Deutschland wie in Oesterreich erbeblicken Grundbesitz erwerben." Nebenbei wird an den altdeutschen Spruch erinnert: „Die Juden seynd einem Land soviel nutz, als die Mäus dem Kornboden." Als ein besonders feiner Zug ist die Nachricht zu betrachten, „daß die jüngere Tochter des Chefs des Marinekabinetts Admiral v. Müller mit dem Direktor der Deutschen Bank Karl Strauß verheiratet ist". Weitere Beispiele sind überflüssig: überflüssig scheint auch der Hinweis, daß solch eine Zeitschrift, wenn man dergleichen so nennen will, kein Daseinsrecht hat. Toleranz mag eine ganz schöne Einrichtung sein; es ist aber ohne Zweifel gefährlich, kondensierte Wahnbakterien für fünfzig Pfennig jedem Dummkopf zugänglich zu machen. Das ist dann nicht mehr Freiheit des Wortes, sondern Vogelfreiheit der Ungebildeten und Hysterischen gegenüber dem Fanatismus und der Unsauberkeit. Ich möchte also meinen, daß dieses verseuchte Wildschwein zur Strecke gebracht werden sollte. Wir können pur sagen, daß wir uns diesem Wunsche von Herzen anschließen. — Von einer neuen antisemitischen Gemeinschaft meldet ein Inserat des „Hammer", das folgendermaßen lautet: Die D e u t s ch g l ä u b i g e Gemeinschaft sammelt d e u ts chg e b or e n e M e n s ch e n, Herdftätten und.Sippen auf der Grundlage deutschen Glaubens zu gegenseitiger Förderung und Festigung. Freunde deutsch religiöser Bestrebungen werden gebeten, mit uns Fühlung zu nehmen. Auskunft erteilen: Was die Herren (ich will meine Leser mit der Aufzählung der Auskunsterteilenden verschonen) eigentlich wollen, wird nicht recht klar. Erfahren wir es, so soll es unseren Lesern nicht vorenthalten sein. Erfreulicher als derartige Verirrungen ist eine Tatsache, die in nachstehendem Artikel des „Berliner Tageblattes" berichtet wird:

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