Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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gekommenen Schülern traten 4 in die Gärtnerei abteibnng und 1 in die Schneiderei der Anstalt als Lehrlinge ein. Der Gärtnererbetrieb hat im -laufenden Jahre auf allen Gebieten gute Erträgnisse geliefert. Insbesondere konnten die Erzeugnisse der Obst- und Gehölzschule in erheblichem Umfange abgesetzt werden. Die Obsternte war vorzüglich. Besonders hervorzuheben sind zwei Schenkungen. Der. verstorbene Siegfried Brünn vermachte der Anstalt neben einem Kapital von 30 000 Mark seine am Falkenhagener See bei Spandau belegenen etwa 65 Morgen großen Grundstückedie zur Selbständigmachung ehemaliger Ahlemer Zöglinge dienen sollen. Dieses Vermächtnis ist von ganz besonderer Bedeutung, weil es — neben dem bereits zu dem gleichen Zweck bestehenden „Hilfsfonds" — einer ganzen Anzahl von ehemaligen Ahlemern, die sich in ihrer Tätigkeit aus dem Gebiete des Garten- und Ackerbaues bewährt haben, 31t einer guten Zukunft verhelfen und somit die Bodenständigkeit unter unseren Glaubensgenossen zu fördern berufen sein wird. Die zweite Schenkung rührt von Herrn Kommerzienrat Joseph B e r 1 i in e r , Mitglied des Vorstandes, dem verdienstvollen Förderer aller sozialen Wohfahrtsbestrebungen, her. Zu Ehren und zuin ewigen Andenken an seinen ihm allzufrüh entrissenen einzigen Sohn will er die Drittel für einen großzügigen Neubau des Knabenhauses nebst Aula usw. zur Verfügung stellen. Mit dieser bedeutungsvollen Schenkung, die für die weitere Entwicklung der Anstalt von größter Wichtigkeit sein wird, wird Herr Kommerzienrat Berliner sich ein unvergängliches Denkmal in der Geschichte Ahlems setzen. Hoffentlich wird ein baldiger segensreicher Friede es ermöglichen, den Neubau in Angriff zu nehmen. — Göttingen, 5. Januar. Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Gustav Cohn, Direktor des Staatswissenschaftlichen Seminars und Ordinarius der Nationalökonomie, beging am 23. v. M. das goldene Toktorjubilüun. Geboren am 12. Dezember 1840 in Mnrienwerder, erhielt Cohn 1877 den 1. Preis des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen für das Werk „Untersuchungen über die englische Eifenbahnpolitik" (1874/75). Sein zweites Hauptwerk, „System der Nationalökonomie" (drei Bände, 1885/98), behandelt nach einem allgemeinen grundlegenden Teil die Finanzwissenschaft und das Handels- und Verkehrswesen. Weitere Werke: „Die deutsche Frauenbewegung" (1896), „Zur Geschichte und Politik des Verkehrswesens" (1900), „Zur Politik des deutschen Finanz-, Verkehrs- und Verwaltungswesens" (1905), „Betrachtungen über die Finanzreform des Reiches und über Verwandtes" (1913). Cohn ist ordentliches Mitglied der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften, Ehrenmitglied der American Economic Association. E/D Wiesbaden, 5. Januar. Das Garnisonkommaudo hatte bereitwilligst durch Tagesbefehl den jüdischen Soldaten der Garnison von 4 Uhr nachmittags an Befreiung vom Dienst anläßlich der Chanutäfeier gewährt, so daß rund 1 2 5 Soldaten, zu einem erheblichen Teil Verwundete aus den Lazaretten, an ihr teilnehmen konnten. Die Räume der Nassauloge erwiesen llch fast zu klein für diese große Zahl, und es bedurfte der ganzen Gewandtheit der Frauen -und Töchter unserer Logenbrüder, die die Bewirtung übernommen hatten, um ihres. Dienstes zu walten. Tie Feier begann mit einem weihevollen Harmoninmvorspiel des Herrn Ca pell. Darauf erfolgte das Anzünden der Channkalichter durch denselben und der gemeinschaftliche Gesang des Moaus zur Jeschuossi, der mächtig durch den Saal hallte. Sodann ergriff der derzeitige Präsident, Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. K ober, das Wort zu -einer Ansprache, iir der er etwa folgendes ausführte: So bescheiden das Chamckäli-cht auch leuchtet, so reich sind seine Lehren für uns als Deutsche und als Juden. Wären die Makkabäer auch nicht siegreich geblieben, so bliebe doch ewig denkwürdig und beispielgebend ihr ideales Streben, die selbstlose Hingabe ihrer Person und ihres ganzen Lebensglückes an die Religion und das Vaterland. Mögen auch wir durch selbstlose Hingabe an die Idee des Vaterlandes beispielgebend für andere sein! Zwar erinnert uns das Channtalicht ferner daran, daß nur Inden -einst Kämpfer und Sieger waren, aber mit Stolz dürfen wir auch sagen, daß wir in allen Kämpfen, die das Vaterland im letzten Jahrhundert geführt hat, freudigen Herzens teilnahmen, wie es die unparteiische Geschichtsschreibung anerkennt. Ja, wir haben in Preußen sogar um unsere Militärpflichtigkeit kämpfen müssen, bis sie durch eine Kabinettsorder des Königs Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1845 für die Juden Preußens allgemein wurde. Lassen wir uns darum auch nicht durch die uns tief kränkende Konfessionssratistit hindern, unsere Pflicht voll und ganz zu erfüllen. Der jüdische Soldat sei, um ein Wort des jüdischen Dichters Zuckermann zu gebrauchen, ein treuer Hüter vor dem Tore der Ehre der jüdischen Genvornschaft. Dem Kaiser aber, dem Schützer unseres Rechtes, dem hochgesinnten Anreger einer Friedenszusaminenknnft, gelte unser dankerfülltes Hoch. Darauf wurden die Mars-Söhne mit Kaffee, Kuchen, belegten Broten, Zigarren usw., soweit es die Kriegszeit gestattet, reichlich bewirtet. Musikalische und deklamatorische Darbietungen der Damen S t r n m p f, L u ß h e i in e r , Kommerzienrat Baum, der Herren Capell und Rechtsanwalt Dr. Rosenth>al sonne einzelner Soldatenwürzten die Zusammenkunft, so daß die Stunden schnell dahinslogen. Nachdem noch einer der Teilnehmer den Gastgebern herzlich gedankt und Herr Ferdinand Baum dem Dnmeukomitee den Tank übermittelt hatte, trennte man sich in dem Bewußtsein, einer gleichmäßig von echt jüdischem und deutschem Geist erfüllten Feier beigewohnt zu haben. Grsterreich-Angsrn. E/D Prag, 5. Jauuar. Am 2 7. v. M. fand hier die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Böhmen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Trauerkundgebuug für weiland Kaiser- Franz Joses I. und Huldigung für Kaiser Karl I. 2. Bericht des Präsidenten Tr. Kurrein (Teplitz). 3. Bericht des Kassierers Dr. Schwartz (Prag). 4. Tie Erhuminierung unserer Gefallenen vom religionsgesetzlichen Standpunkt, Referent Tr. S ch w a r tz (Prag). 5. Freie Anträge. 6. Zivei Predigtproben zur Weckung des sozialen Gewissens in schwerer Zeit. Referent Tr. Schwartz (Prag). 7. Wahl des Vorstandes. 8. Dr. Ziegler (Karlsbad): „Jeremia und die Reform Josias". An die kaiserliche Kabinettskanzlei wurde ein Telegramm äbgeschickt mit der Bitte, die Kundgebung der in alter Treue Versammelten an die Stufen des Thrones leiten zu wollen. Tie Berichte wurden mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Tie aktuellen Referate und gelehrten Vorträge fanden dankbare Zuhörer. Tie Wechselrede gestaltete sich naturgemäß sehr lebhaft; sie förderte manch guten Gedanken und praktischen Beschluß. Tie Not der Zeit ist an den Rabbinern nicht spurlos vornbergegangeu: ihre Arbeit ist schwer, ihre Sorge ernst! Für sie sorgt niemand. Zielbewnßte Orientierung der übergeordneten Behörden soll den wirtschaftlich Schwachen Hilfe bringen. Trotz aller Widerwärtigkeiten lverden die Berufenen in dem frommen Eifer für das hohe und heilige Amt nicht erlahmen, sondern nach wie vor um die Veredelung des Kultus und die Verbesserung des Religionsunterrichts sich redlich mühen. Vorschläge für ein besseres Verständnis der Liturgie wechselten ab mit Anregungen zur Herstellung brauchbarer Schulbibeln. Es loird auch iveiter stille Arbeit getan werden, deren Früchte reisen sollen, bis der erselmte Weltfrieden reif geworden ist. 0. W. Budapest, 5. Januar. „Eghenlöseg" meldet: Mit Genugtuung notieren wir es, daß die Teilnahme der ungarischjüdischen Konfession an dem öffentlich-rechtlichen Akt und an der historischen Feier der Krönung König Karls IV. in einer den gegenwärtigen Verhältnissen entsprechenden Weise geregelt wurde. Die Lösung der. Frage schien schwierig zu sein. Tie katholische Kirche hat bei der Krönung auf Grund eines uralten Rechtes eine dominierende Rolle inne. Tie später sich entwickelten christlichen Kirchen versehen wohl bei der Krönung keine religiösen Funktionen, sind jedoch dadurch, daß ein Teil ihrer Funktionäre in dieser ihrer Eigenschaft Mitglieder des Magnatenhanses sind, als Kirchengemeinschast beim Krönungsatt anwesend. Tie israelitische Konfession wurde wohl durch den Akt der Rezeption in die Reihe der historischen Konfessionen Ungarns erhoben, habe aber anderseits bisher im Magnatenhanse noch keine Vertretung erlangt. Tie ungarische Judenschaft tonnte jedoch anläßlich dieses nationalen Ereignisses nicht umgangen werden. Tie Frage wurde daher aus die Weise erledigt, daß in der Krönungskirche in Vertretung der Konfession bzw. der israelitischen Distrikte seitens der israelitischen Landeskanzlei erschienen sind: Tr. Franz Mezey, Vizepräsident der israelitischen Landeskanzlei, Tr. Sigmund Nein es, Neichstagsabgeordneter, und Tr. Isidor R o z a d e V a r h e l y , Reichstagsabgeordneter, als Distriktspräsidenten. Ans der Tribüne des Finanzministeriums erhielten Plätze zngewiesen: in Vertretung