Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229288--72814-3285259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und das Gespräch auf andere Dinge zu lenken Pflegte, Warum darf man vor ihm von keinem Juden reden? Und jenes jüdische Gebetbuch ließ ihm keine Ruhe. Wie kam es in den Besitz seines Pflegevaters, und warum beantwortete er seine Frage nicht? In diesem Augenblick fühlte er, daß der Graf ihm ganz fremd sei; er sei wohl ein sehr gutmütiger, alter Herr, der ihn in sein Herz geschlossen, weil er früh ohne Vater und Mutter geblieben, aber sein Herz, sein Blut und seine Seele gehörten nicht ihm. Fühlte er sich doch, so oft er in die Bibliothek bzw. die Gemäldegalerie trat, unter jenen gepanzerten und bewaffneten Gestalten immer so fremd, und doch mochte er jetzt fortwährend in jenem Saal sich aufhalten, nachdem er jenes jüdische Gebetbuch dort erblickt hatte. Plötzlich sprang er auS dem Bette. Ein Gedanke blitzte in seinem Gehirn aus. Er nahm seine Kleider und zog sich vorsichtig an, damit er seinen Pflegevater nicht aufwecke; dann schlich er sich auf Fußspitzen aus dem Schlasgemach. HI. Die Schloßdiencrschaft schlief noch. Jeromos öffnete leise die Tür und begab sich nach dem Hofe. Das Tor war bereits offen, die Knechte hatten sich schon auf die Felder begeben. Er blickte um sich; dann stahl er sich in den Gemüsegarten und von dort in den Obstgarten, über dessen niederen Zaun man leicht auf das Feld gelangen konnte. Draußen in weiter Ferne sah er die Pflugschar blinken. Er begab sich direkt dahin. Manchmal sank sein Fuß in den weichen Erdboden ein, und er mußte mehrere Male stehen bleiben, um sich auszuruhen. Endlich gelangte er zu dem pflügenden Knecht und grüßte ihn schon von weitem. „Gott segne die Mvrgenarbeit, Vojtek!" Dieser blieb stehen, blickte hinter sich und zog rasch seinen Hut. „Guten Morgen, junger Herr! Ach, so früh sind Sie schon ausgestanden?" ' „Du bist ja auch schon früh auf, und doch bist du alt!" „O ich," seufzte der Knecht, „ich bin nur ein Diener, ich muß es, aber der junge Herr braucht nicht zu gehorchen und kann so lange schlafen, wie er will." „Also ich bin ein Herr, und doch hast du mir einmal gesagt, daß ich ein kleiner häßlicher Jude sei!" Vojtek senkte den Blick und sagte errötend: „Der junge Herr ist so nachtragend, und doch hätten Sie den Fehlgriff eines alten Dieners vergeben können! Ich war sehr erzürnt und wußte nicht, was ich redete." Jeromos sah voll Mitleid auf den alten, treuen Knecht. „Sage mir doch, Vojtek, bist du mir noch böse, weil mcm Vater dich meinetwegen bestraft hat?" „Es hat mich allerdings damals sehr geschmerzt, denn ich hatte bis dahin noch keine Strafe erlitten; aber der gnädige Herr Graf war im Recht, und ich habe diese Kleinigkeit nun schon lange wieder vergessen." „Warum nanntest du mich aber gerade einen Juden? Vojtek dachte nach. Auf diese Frage konnte er nicht antworten. . . . Ilm doch aber wenigstens etwas zu sagen, antwortete er stotternd: „Warum ich Sie gerade so nannte? Nun, cs war eben so eine Redensart ..." „Aber warum hast du kein anderes Schimpfwort gebraucht?" forschte Jeromos ungeduldig weiter. (Fortsetzung folgt.) Literarilchr Mitteilungen. ---- Spinozas Briefwechsel und andere Do turn e n t e. Ausgewählt und übertragen von I. B l u w st ein. 19t 6. Im Insel-Verlag zu Leipzig. Was von Spinoza stammt. Zweifellos einem der größten Denker, der aus unseren Reihen hervorgegangen ist, hat Anspruch darauf, in einer jüdischen Zeitung erwähnt zu werden. Freilich muß man daran denken, daß Spinoza als 23jähriger, obgleich er sich bis dahin äußerlich zu seiner Glaubensgenossenschaft gehalten, ja sie mit Spenden bedacht hatte, aus der Synagoge ausgestoßen wurde und daher, da seine Briefe erst sechs Jahre später (1661) beginnen, keine brieflichen Beziehungen zu Juden unterhalten hat. Daher finden wir weder Briefe von noch an Juden in dieser Sammlung, die ja freilich, wie man erwähnen muß, nur eine Auswahl und nicht eine vollständige Zusammenstellung aller Briefe ist. Nach dem Register wird nur an zwei Stellen über Judentum gehandelt; von Juden wird nur einer, nämlich Rabbi Chasdai , erwähnt; von Sabbathai Zewi ist gleichfalls einmal die Rede, freilich nur in den Anmerkungen zur Erklärung eines Briefes von Oldenburg, der ausführlich auf die Berichte einging, die damals über die Rückkehr der Juden nach ihrem Ursprungslande umliefen. Der Hinweis aus Chasdai findet sich in einem Briefe Spinozas an Ludwig Meyer (1683). Der Brief geht auf den Gegensatz von Ursache und Wirkung ein. Von den beiden Stellen, die über Juden handeln, ist die eine nur eine kurze Bemerkung über das Christentum als Nachfolgerin der jüdischen Religion. Die andere unbedeutende findet sich in einer Anmerkung. Gewährt so unser Band kein wesentlich jüdisches Interesse, so verdient er Beachtung durch die Persönlichkeit, von der er herrührt. Der von dem Herausgeber gut getroffenen Auswahl werden als Anhang ergänzende Stellen aus den Werken des Philosophen hinzugesügt. Eine ausführliche, verständlich geschriebene Einleitung, die über Spinozas Leben und Philosophie handelt, ist dem reichhaltigen und gut ausgestatteten Bande beigegeben. L. G. * — Her b e B lü te n. Kriegserlebtes von BrunoKrs ch. Buchschmuck von L. Medgyes. 1916. Druck und Verlag der Vereinigten graphischen Anstalten Koppe-Bellmann A.-G. (Prag-Smichow). Ein Kriegsbüchlein, das dadurch interessant ist, daß Dichter und Illustrator seit Kriegsbeginn im Felde stehen und doch nicht ausschließlich vom Kriege reden, sondern die stille Sehnsucht nach der Heimat verkünden. Der Umstand, daß mir die Publikation zugeschickt worden ist, und auch der Name des Verfassers läßt mich vermuten, daß der Verfasser, vielleicht auch der Zeichner Juden sind. Nur aus diesem Grunde erwähne ich das zierlich ausgestattete Schriftchen, das freilich nichts Jüdisches enthält und in seinem poetischen Teile kein Zeugnis besonderer Begabung ablegt. L. G. Sprrchsaal. Sehr geehrte Redaktion! Die in dem Berichte über die Repräsentantensitzung vom 31. Dezember v. I. wiedergegebene Aeußerung: „Ich habe nichts dagegen, wenn zwei Gebetbücher in einer Synagoge eingeführt würden", habe ich nicht getan. Ich habe vielmehr nur festgestellt, daß die von Herrn Kommerzienrat Gerson Simon vorgeschlagene Beschränkung der Berliner Gemeinde auf den Gebrauch nur zweier Gebetbücher, eines für orgellose und eines für Orgelshnagogen, den Bedürfnissen der verschiedenen Richtungen nicht genüge und daß es vielleicht ganz angebracht sei, den Betern wie es in den Vorschlägen der gemischten Deputation geschehen — in demselben Geüetbuche für ihre Andacht auswahlsweise mehrere Texte zur Verfügung zu stellen. Selbstverständlich bezieht sich dies aus die „stille" Andacht, ein Verfahren, das übrigens meines Wissens sich auch schon in älteren Gebetbüchern findet. Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ganz ergebenster Berlin, 7. Januar 1917. Minden. Lemerkung der Sedsktion. Da unsere nach der Erhöhung des Briefportos in Deutschland erlassene erste Erklärung keinen Erfolg gehabt hat, so sehen wir uns genötigt, folgendes zu bemerken: Zusendungen unbekannter Autoren, auch unverlangte Sendungen früherer Mitarbeiter, denen kein Rückporto beigelegt ist, werden unfrankiert zurückgesendet oder vernichtet. Bei der sich stets steigernden Fülle 'der Einsendungen ist ein anderes Verfahren seitens der Redaktion unmöglich. Wir bitten dringend die Einsender von Beiträgen, dieses gerechtfertigte Verlangen zu beachten. Berlin, den 8. Januar 1917. Die Redaktion.