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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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„Schläfst du nicht mehr, inein Sohn?" fragte ihn der alte Herr zärtlich und leise. „Ich habe, gar nicht geschlafen," erwiderte Jeromos. „Fehlt dir denn etwas?" meinte besorgt Graf v. Ponyatovskh. „Nicht doch, ich konnte nur nicht einschlafen," antwortete; der Kleine. \ „Und worüber hast du dir dein Köpfchen zerbrochen?" „Ueber alles mögliche, was mir nur einfiel." „Aber du wirst dich doch an etwas Bestimmtes erinnern?" 1 „Ach, es ist ja Torheit ..." „Aber, ich bitte dich, sage mir's." Jeromos erhob sein schönes lockiges Haupt und, sich auf; seinen Arm stützend, beugte er sich zu seinem Pflegevater. „Du weiht doch, Väterchen, daß wir gestern, bevor dein Besuch kam, in deiner Gemäldegalerie-Bibliothek die Bücher besahen. Da war auch ein kleines, dickes Büchlein, aus dessen; Rücken so merkwürdige vergoldete Buchstaben! standen. Ich | fragte dich, was das für ein Buch sei, und du sagtest, ein! jüdisches Gebetbuch. Du hattest es eilig und wolltest es mir! nicht zeigen, aber ich war so neugierig, was die Juden wohl j beten mögen. Gewiß etwas anderes als in den schönen j Kapellen." j „Nicht doch, mein Sohn ..."! „Ja, weißt du, Väterchen, wenn hier anläßlich des Marktes zu Lublin die Juden auf der Landstraße einhergehen, und die Knaben der Diener ihnen nachlausen, sie schmähen und Steine nach ihnen werfen, da bedaure ich immer die Armen. Und jetzt, wo ich das jüdische Gebetbuch gesehen habe, da hätte ich gern gewußt, was die Juden eigentlich von Gott verlangen." „Aber du kannst es ja doch nicht lesen! Und selbst wenn du es könntest, würdest du es doch nicht verstehen." „Warum nicht, Väterchen? Sieh, ich glaube, daß ich es verstanden habe. Du weißt, daß mich das Gebetbuch so lockte, daß ich deshalb nicht schlafen konnte und immer daran denken mußte. Da zündete ich ein Licht an und ging in die Bibliothek. Es war so sonderbar. Schon von fern erblickte ich die wunderlichen Buchstaben im Bücherschrank. Ich ging hin, nahm das Gebetbuch heraus und blätterte darin. Die Buchstaben schienen mir fast zu leben. Ein jeder sah beinahe wie ein lebendiger Jude aus. Auch die Gemälde an den Wänden ringsherum schienen Leben zu bekommen. Es war, als ob unsere Ahnen bewaffnet und gepanzert zu neuem Leben erwachten, und als wenn die lebenden Buchstaben noch immer tiefgebeugt vor ihnen stünden. Der eine neigte sein Haupt, der zweite krümmte ganz seinen Rücken, weißt du, ganz so, wie der Getreidejude es tut, wenn du mit ihm sprichst. Da glaube ich, daß ich die Buchstaben verstanden habe. Tie Inden flehen in ihren Gebeten 31t Gott, daß er sie gerade machen möge, und ihnen gestatte, aufrecht zu stehen." „Aber, mein Sohn," unterbrach ihn der Graf, der sich von seiner Ueberraschung kaum erholen konnte. Der alte Herr war schon an das frühreife Reden seines Pflegekindes gewöhnt, und es war ihm nichts Neues, daß Jeromos der Schwärmerei seiner träumerischen Seele in überschwänglichen Worten Ausdruck gab und daß er ihin seine Träume erzählte. Oft kam ihm der Gedanke, daß aus dein Knaben entweder ein Geistlicher oder Dichter werden wiirde, aber jetzt verblüffte ihn etwas anderes. Jeromos war in Gedanken versunken, doch plötzlich nahm er wieder das Wort: „Sage mir doch, Väterchen, von wem hast bu denn eigentlich dieses Gebetbuch bekommen?" Ponyatovsky war verdutzt; auf diese Frage war er nicht vorbereitet; auch wußte er nicht sogleich, was er antworten sollte. Tann, sich zusammennehmend, näherte er sich dem. Knaben, und ihn: seine schwarzen Locken zurückstreichend, sagte er: „Dieses Buch, mein Sohn, habe ich schon lange." „Seit wann denn?" „Seit etwa dreizehn Jahren." Jeromos blickte liebevoll auf den alten Herrn. „Sage mir doch, Väterchen, gibt es bei uns in Polen viele Inden?" „Sehr viele." „Wie viele denn?" „Etwa eine Million." „Und werden sie alle verhöhnt?" Der Fürst, der inzwischen auf dem breiten Samtdiwan sich ausgestreckt hatte, antwortete auf diese letzte Frage: „Frage nicht danach," während der Knabe fortfuhr: „Weißt du, mein lieber Vater, ich bedaure sie sehr. Einst, als wir beim Onkel Lubjensky waren, kam zu ihm ein Jude, der ihm sehr viel Geld übergab, und als er hinausging, hetzte der Onkel die Hunde auf ihn, und sic zerrissen ihm den Kaftan und bissen seine Beine blutig. Damals war ich zornig auf Onkel Lubjensky." Jeromos hielt einige Augenblicke inne, dann bemerkte er aufs neue: „Sage mir doch, Vater: mein eigentlicher Vater, der gestorben ist, hat auch er die Juden verfolgt?" Poniatovsky erbleichte. „Kannst du dich dessen erinnern," fuhr Jeromos fort, „daß ich einst — es ist schon lange her -- dir klagte, daß der alte Knecht Vojtek mich einen kleinen häßlichen Juden schimpfte, weil ich ihm Staub in die Augen geworfen hatte? Aber du hast gesagt, daß Vojtek betrunken sei und nicht wisse, was er spreche. Damals bat ich dich, daß du mir die Geschichte meines verewigten Vaters und meiner lieben Mutter erzählen möchtest, aber du meintest, daß, wenn ich groß sein werde, du mir alles sagen wolltest. Nicht wahr, jetzt bin ich doch groß genug, werde ich doch bald dreizehn Jahre alt!" Der Knabe wartete auf eine Antwort und beugte sich aus dem Bette, aber er mußte bemerken, daß der alte Herr mit geschlossenen Augen auf dem Diwan lag. Er glaubte, daß er eingeschlasen sei, und wollte ihn nicht weiter stören. Mit geschlossenen Augen zwar, aber wach sann Pvnhatovsky über die Geschichte seiner großen Sünde nach; dunkle Szenen zogen vor seinem Geiste vorüber und warfen einen trüben Schleier auf seine Seele, und er schlief erst dann ein, als seine aufgepeitschte Phantasie gänzlich ermattete. Auch jetzt konnte Jeromos nicht einschlafen. In seinen! Kopse jagten sich die Gedanken; unwillkürlich tauchte in ihm der Gedanke aus, ob es keinen Zusammenhang zwischen den beiden Tatsachen gäbe, daß einst Vojtek, der alte Diener, ihn einen kleinen häßlichen Juden geschmäht hatte und daß sein Pflegevater ihm nicht den wahren Namen seiner Eltern verraten wollte. Er erinnerte sich daran, daß Ponyatovsky damals den alten Knecht rufen ließ und in inaßlosem Zorn ihn anschrie: „Und du wagtest, gegen meinen strengsten Befehl zu handeln?" Dann gab er den Auftrag, daß Vojtek auf zwei Tage in den dunklen Keller gesperrt werde und daß man ihm weder zu essen noch zu trinken, weder Brot noch Wasser gäbe. - - Warum war denn die Bestrafung so streng? Ist es denn etwas so Furchtbares, ein Jude zu sein? Wenn die Kinder die auf den Lubliner Markt gehenden Juden mit Steinen bewarfen, wünschte er sich selbst, Jude zu sein, um diesen Rangen zu zeigen, wie man reisende Fremde zu behandeln habe, und es fiel ihm ein, daß, so oft irgendein Gast vor ihm von den Juden zu reden begann, sein Pflegevater immer abzuwinkcn

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