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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 gesiegt. Wahrend nach dein Evangelium (Ätatth. 7,7; Lukas 11,9) der Rat erteilt wird: „Suchet, so werdet ihr finden", sagt uns der Talmud (Sanhedrin 97, a): „Der Messias, eine „Mezia" und ein Skorpion, kommen dann, wenn man am wenigsten an sie denkt." In dem von Jsaac Leeser, dem viel zu wenig gewürdigten Pionier jüdischer Literatur in Amerika (1806 -1868), herausgegebenen „Lccident" (Band I, S. 490 491, 1848), findet sich folgender interessanter Briefwechsel, welcher allgemeine Beachtung verdient: Monticello, 1. September 1820. Thomas Iefferson dankt Herrn Tr. De la Motta für die freundliche Uebersendung der beredten Ansprache, welche er bei der Einweihung der Synagoge von Savannah gehalten hat. Diese Rede erweckt in ihm die willkommene Betrachtung, daß sein Vaterland der erste Staat war, der Menschheit zwei höchst heilsame Lehren vorzulegen, nämlich, daß der Mensch zur Selbstregierung befähigt ist, und daß Glaubensfreiheit das wirksamste Mittel (anodyne) gegen Religionsstreitigkeiten ist. Das Grundprinzip der bürgerlichen Regierung ist das gerade Gegenteil religiöser Politik. In der bürgerlichen Politik heißt es: „Bereinigt stehen wir, getrennt fallen wir." Er (Iefferson) beglückwünscht sich besonders dazu, die Juden in ihre bürgerlichen Rechte wieder eingesetzt zu sehen lind hofft zu erleben, daß sie ihren Platz auf deil Lehrstühlen der Wissenschaft und in der Folge auf den knrulischen Stühlen der Regierung einnehnien iverdeu. Mit hochachtungsvollem Gruße. Herrn Tr. Jakob De la Motta, Savannah, Georgia." Dieselbe Rede schickt Dr. De ln Motta auch au den vierten Präsidenten der Bereinigten Staaten, James Madison (1809 1817). Er erhielt darauf folgende Antwort: Montpellier, August 1820. Geehrter Herr! Für Ihren Brief vom 7. d. M. und die bcigelcgte Ansprache, gehalten bei der Einweihung der Synagoge in Savannah, wollen Sie meinen Dank cntgegennehinen. Die Geschichte der Juden wird für alle Zeiten interessant bleiben. Tie neueste Epoche dieser Geschichte ist so wenig bekannt, daß jeder Lichtstrahl, darauf geworfen, seinen Wert hat. Einer der charakteristischen Züge des politischcir Systems der Bereinigten Staaten ist die allen Religionsgenvssenschaften zugesicherte vollkommene Gleichheit vor dem Gesetze, und es tut einem besoilders wohl, in dem Patriotismus (good citizenship) derjenigen, die anderwärts am meisten mit Mißtrauen betrachtet und verfolgt wurden, den Beweis erbracht zu sehen, daß diese gerechte und wohlwollende Politik die Probe bestanden hat. Bvllständige gesetzliche Gleichberechtigung ist, wie man voranssetzen muß, die sicherste Garantie der Loyalität und Vaterlandsliebe und am besten darauf berechnet, die gegenseitige Achtung und das gegenseitige Wohlwollen unter Bürgern verschiedenen Glaubens zu befördern, welche für den bürgerlichen Frieden am nötigsten und für die Beförderung der Wahrheit am ivichtigsten sind. Ihre Tarstellnng der Lage der Inden in Ihrer Gemeinde beweist die Richtigkeit dieser Betrachtungen. Mit dem Ausdrucke meiner Hochachtung und besten Wünschen James Madison. Ueber den Empfänger dieser Briese ist wenig bekannt. Jakob De la Motta war in Philadelphia als Sohn einer der alteingesessenen portugiesischen Familien geboren, die sich dort während des Revolutionskrieges niedergelassen hatten. Er diente einige Zeit in der Bnndesarmee, praktizierte später in Savannah, Georgia und in Eharleston, Süd - Carolina, Städten, die damals die zahlreichsten jüdischen Gemeinden zählten, und starb in Eharleston am 13. Februar 1845 im Alter von etwa 65 Jahren. Die Predigt selbst habe ich nicht zu Gesichte bekommen; vielleicht ist sie nur als Manuskript gesandt lvorden. Predigten waren damals höchst selten, da es keine in Amerika, oder auch in England ausgebildete Prediger gab. Die amerikanischen Gemeinden behalfen sich zumeist mit Vorbetern aus ihrer eigenen Mitte. Im ganzen dürfte es damals nur sechs Gemeinden auf dem Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten gegeben haben, die portugiesische Gemeinde in New Dork, von der sich erst im Jahre 1824 die polnische „Bnai .leslmrun" - Gemeinde abzweigte; zwei in Philadelphia, die portugiesische Mikweh Israel- und die deutsche Rodef Shalom - Gemeinde, wohl die älteste deutsche Gemeinde des Landes, dann die beiden im 18. Jahrhundert entstandenen portugiesischen Gemeinden in Savannah und Charleston und die ebenfalls portugiesische Gemeinde in Richmond, Virginia, zu denen eventuell noch die im 17. Jahrhundert entstandene portugiesische Gemeinde in Newport, Rhode Island, zu rechnen wäre, deren Synagoge damals schon geschlossen war, da die Gemeinde den Ort, der seine Bedeutung als Handelshafen verloren hatte, verließ und die Synagoge, eine Stiftung des Philanthropen Juda Touro, dessen Vater dort Hazan gelvesen war, nur von dem aus den Einkünften einer Stiftung besoldeten Hazan besucht wurde. Erst in neuerer Zeit hat sich eine aus russischen Einwanderern gebildete Gemeinde in Newport angesiedelt und die im Jahre 1657 gebildete Zweitälteste Gemeinde des Landes wieder belebt. ES* Der verlorene Sohn. Von Joseph P a t a i. Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolph K o h u t. (1. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ls der Morgen graute und mit seinen blutroten Strahlen den dunstigen Raum erfüllte, saßen die Gäste noch immer um den Tisch, aber die meisten hörten nur noch schlaftrunken auf die Späße der widerstandsfähigeren Zecher. Herr v. Branicky wollte eben einen einnickenden Standesgenosien anulken. Er hatte auch bereits einen rauchenden Papierstreifen zurechtgemacht, als plötzlich ein fremder Diener in den Saal stürzte und keuchend verkündete, daß die griechisch-orthodoxen Bauern in Jedlinsk revoltiert hätten, und daß sie die Herren und die Juden ermordeten. Da sprangen die halbberauschten Gäste erschrocken von ihren Sitzen auf. „Wir müssen sofort von Potocky Soldaten verlangen!" „Potocky steckt nur das Geld für den Unterhalt seiner Soldaten ein, aber seine Reisigen befinden sich nur auf dem Papier!" „Da müssen wir schnell einen Kurier nach Warschau abgehen lassen, daß sie uns russische Soldaten schicken." Die Gäste stürzten aus dem Saal, jeder rief nach seinem Kutscher, und nach wenigen Minuten blieb der Schloßherr allein. Er erteilte seine Befehle, ließ die Tore der Festung schließen, stellte in jede Ecke eine Wache und verteilte Waffen unter die Dienerschaft. Tann begab er sich in sein Schlafgemach. Als er eintrat, blitzten ihm aus dem Halbdunkel des wappengeschmückten Bettes die leuchtenden schwarzen Augen eines Knaben entgegen, die von den dichten, schwarzen Locken' beinahe verdeckt waren.

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