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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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Polnische Volk aufzu-viegeln. Bei der ersten Begegnung im Hause der Gräfin Aniela wird Rosenzweig innerlich erschüttert und bei der Heimkehr erfüllt ihn ein tiefes Unbehagen, das er dadurch loszuwerden sucht, daß er den polnischen Sendboten als Narren bezeichnet; und doch kann er dies durchgeistigte Äpostelgesicht, den schwärmerischen Ausdruck seiner Augen nicht vergessen; eine Art zorniger Beschämung packt ihn. Er gedenkt all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehentlich zu ihm ausgestreckt hatten und sagt sich: „Nie hast du geholfen, außer im Beruf. Und was wir dem zuliebe tun, tuen wir uns selbst zuliebe. Seine Schuldigkeit hat er erfüllt in seinem ganzen Umfang. Aber Schuldigkeit — es liegt schon im Worte — ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie, seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines restlos vermehrten Wohlstandes, den er durch sie erworben und gegen die Achtung der Menschen." Von nun an kreisen seine Gedanken mit der grüblerischen Schärfe seiner Rasse um die Gestalt Dembowskis, und unter dem Eindruck, den er von ihm empfangen hat, beginnt er sich innerlich zu wandeln. Er begeht kleine Handlungen der Wohltätigkeit und sucht tiefer und tiefer in die geistigen und sittlichen Voraussetzungen jenes Schwärmers einzudringen. Dembowski hat sich freiwillig seines reichen Besitztums entäußert, zugunsten der Güterlosen und für die revolutionären Zwecke. Es ist ein erbitterter Kampf, den Rosenzweig in sich aussicht. Er hält Dembowski manchmal für einen Geisteskranken; aber er kann ihm die heimliche Hochachtung nicht versagen, wie jeder kluge Mensch, und sei er selber ein noch so schwieriger Charakter, sie gegenüber wahrer Größe hegt. Es ist nun echt jüdisch, wie Rosen-; zweig nach und nach immer mehr die Ideen des Dembowski! selber zu erleben sucht, sich mit dem Studium der bisher von! ihm so verachteten Bauernseele beschäftigt und dabei zu Er-! gebnissen gelangt, die denen des Polnischen Sendboten durchj aus ähnlich sind.! Bei der Beobachtung seines von ihm so verachteten Dieners - Josef, dem er einst das Leben gerettet hat, wird ihm der! Kunsttrieb des armen Jungen, der ihm sein Haus verschönt, j und seine landwirtschaftliche Tüchtigkeit bewußt. Und gleichzeitig rührt chn tief die Demut, mit der dieser arme Mitmensch seine schweren Arbeiten nun schon seit Jahren verrichtet. Dieses Einzelschicksal erweitert sich ihm zum allgemeinen Los der polnischen arbeitenden Klassen, für deren Befreiung und Gleichberechtigung sich Eduard Dembowski rückhaltlos einsetzt. Er fährt zu der entscheidenden Versammlung, zu der Dembowski die Magnaten und Bauern der Gegend zusammenberufen hat; er hört, wie dieser Adlige seine eigene Entwicklung zum Sozialisten schildert, den langen Weg, der ihn dazu führte: „Je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer ward es mir, Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen, die Nächstenliebe!" Diese Nächstenliebe ist ihm die Voraussetzung zur Befreiung, und darum müssen die Mächtigen und Reichen entbehren und sühnen. Die Magnaten fallen infolge dieses Aufrufs zur freigewählten Armut von Dembowski ab, der jüdische Gastwirt, in dessen Haus die Versammlung stattfindet, hat inzwischen seinen verkrüppelten Sohn „wie einen Windstoß" nach der Stadt geschickt, um den gefürchteten Dembowski verhaften zu lassen. Und Rosenzweig, im Tiefsten aufgewühlt, er, der Nachkomme der unterdrückten Juden, rettet -diesen Apostel des Mitleids und erkauft das Schweigen des verräterischen Dorfjuden,! indem er ihm die doppelte Summe bezahlt, die auf den Kopf Dembowskis gesetzt ist. Die Reden des polnischen Schwärmers scheinen für ihn in eine Zukunft zu weisen, die zugleich die messianische Hoffnung des Judentums ist. Er ist in allen Fugen seines Lebens erschüttert, empfindet die höchste aller Wonnen, aus den hemmenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie ans einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hat, scheint ihm Plötzlich wertlos, die Arbeit verächtlich, die er auf Erwerb seines Reichtums verwandt hat. „Beschämung erfüllt seine Seele: aber mit Entzücken gab er sich ihr hin, als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens." Nur der eine Glaube trübt ihm die reine Seligkeit dieser inneren Wandlung: Er hätte Dembowski zurufen niögen, daß das Land seiner Verheißung aus Erden keine Stätte hat, und daß er sich damit begnügen müsse, die Sehnsucht danach erweckt zu haben, denn schon das sei Befreiung. Dembowski wird gerettet und erstattet später Rosenzweig die Summe zurück, mit der das Schweigen des elenden Dorfjuden erkauft worden war. Und dieses Geld schenkt Rosenzweig seinem Joses als Heiratsgut. Von nun an gibt er seine Kraft und sein Geld hin für Werke der Wohltätigkeit, und sein Gedanke an Dembowski ist immer der, er möge ungeheilt von seinen Schwärmerideen der Menschenbeglücknng sterben. Nach langen Jahren trifft dann Rosenzweig aus einer seiner Fahrten den allgemein totgeglaubten Eduard Dembowski wieder, als Bauer, in bescheidener Tagelöhnerarbeit den Grundstein legend zu dem gewaltigen Menschheitswerke, das zu vollbringen seiner Zeit nicht gegeben war; und Nathanael Rosenzweig umarmt ihn und bekennt sich als sein Jünger, „einen den Sie aus den Reihen Ihrer eifrigsten Gegner geholt, einen, dessen Zweck irdischer Natur gewesen, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen, und dem Sie den Wert der unverlierbaren gelehrt haben! Sendbote! Da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren." Ich habe absichtlich diese grandiose Dichtung, aus der die slawisch-mystische Neigung Marie v. Cbner-Eschenbachs, bisweilen an den Grasen Tolstoi erinnernd, hervorleuchtet, ausführlich wiedererzählt; sie gehört zu Marie Ebners weniger bekannten Arbeiten, obwohl sie eine ihrer am höchsten stehenden ist. Es ist hier die Psychologie derart in Handlung umgesetzt, daß es sich erübrigt, eine Analyse der jüdischen Hauptgestalt zu geben. Jedenfalls steht es fest, daß, wenn auch Marie Ebner nur eine einzige dominierende jüdische Gestalt geschaffen hat, sie mit dieser einen Dichtung in die erste Reihe der Vorkämpfer gegen Rassen- und Klassenhaß getreten ist, zu denen aus der vorhergegangenen österreichischen Generation ein Mann ivie Franz Grillparzer gehört. Es bleibt uns zweifellos, daß diese Figur des jüdischen Kreisphysikus vollkommen verschieden ist sowohl von den konventionellen Judentypcn christlicher Autoren, also auch von den geschminkten edelmütigen und duldenden Israeliten der bekannten jüdischen Schriftsteller. Und zwar hat Marie Ebner hier Neues geschaffen, neue Perspektiven im Verfolg ihrer Entwicklungsgedanken gefunden - zugunsten einer höheren Wahrheit. Diese versöhnende Haltung der großen Menschenliebe, die nichts zu tun hat mit einer platten, alltäglichen Ethik, sondern eben eine auf dein Dornenwege der Erkenntnis gewonnene Güte ist, bleibt der allgemeingültige Begriff, unter dem auch jeglicher Judenhaß restlos verworfen wird. Die deutschen Juden werden Marie Ebner nicht vergessen! Lwei amerikanilchr Orälldrntrn und Me Juden. Von Gotthard Deutsch. 3n meiner Darstellung des an Leo M. Frank verübten Lynchmordes sagte ich (Nr. 41,1915, S. 490), daß mir von Beziehungen ThomasJeffersons, des dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten (1801—1807) zu Juden nichts bekannt sei. Inzwischen hat der Talmud über das Evangelium

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