Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Talent nichts ist, wenn sie der Liebe nicht haben. Paul Hehse und Marie Ebner sind beide üi ihrer aristokratischen Haltung zum schärfsten Erfassen alles Lieblichen und Leidvollen im Menschenleben gelangt. Sie haben uns beide ein sozialethisches Vermächtnis hinterlassen. In Metternichs Tage reicht Marie Ebners Jugend zurück. Die inneren Kämpfe des französischen Bürgerkönigtnms dringen bis zu ihr, in den 48er Kämpfen reiste ihre geistig aristokratische Natur zur Künstlerschast. Alle positive Kraft und ebenso das Bewußtsein des Gegensatzes zu dem seichten und mäßig begabten österreichischen Adel verband sich in ihr mit dem Willen fortzusetzen und in einer gewandelten Zeit künstlerisch zu vollstrecken, was bei Goethe in der kühlen Höhe des Ideals geblieben war. Sie ist zeitlos wie Hehse, als der unverlierbare Persönlichkeitstypns des der Entwicklung, der Erfüllung großer Menschheitsgedanken gläubig Hingegebenen. Wenn wir ihre Poetischen Leistungen historisch zu werten versuchen, so erkennen wir, daß in ihrer slawisch-germanischen Mischlingsnatur die inneren Kämpfe von Rassen, Ständen und Stämmen in der verbündeten Monarchie „zum ewigen Frieden" gelangt sind. Diese Erlösung vom Gegensätzlichen, vom Haß, von entwicklungsfeindlichen Mächten, die frohe Botschaft der großen Menschenliebe erstreckt sich für diese Aristokratin natürlich auch auf die Juden. Sie hat nicht nur in ihrem persönlichen Leben viele jüdische Freunde gehabt, von denen ich nur Anton Bettelheim, ihren bedeutsamen literarischen Herold, nenne, sondern sie hat auch in ihren Dichtungen versucht, die durch Stand und Stamm ihren gräflichen Kreisen besonders fremden Juden dichterisch zu fassen und an dem Evangelium ihrer großen Weltanschauung teilnehmen zu lassen. Es sind zwei Dichtungen, in denen sie sich mit jüdischen Gestalten beschäftigt. „Der K r e i s P h y s i k n s " aus ihren „Dorf- und Schloßgeschichten" (1883) und „Der Vorzugss ch ü l c r " aus den späten Erzählungen „Aus Herbsttagen" (1901). Wenn ich zuerst über die letztgenannte Erzählung spreche, die sie mit der leise zitternden Hand einer siebzigjährigen Greisin niedergeschrieben hat, so geschieht das deswegen, weil hier die jüdische Gestalt nur episodisch ist. Das volle Licht fällt in dieser Erzählung, in der sich Marie Ebner mit dem Problem des Schülerselbstmvrdes erschütternd auscinandersetzt, auf den armen Jungen Georg Pfänner, während ästhetisch genommen der gleichaltrige Hausierer Salomon Levi eigentlich in seiner ganzen Erscheinung nur ein beliebtes Klischee ist. Wir müssen, >vas das Aeußere dieses Juden angeht, an die jüdischen Gestalten Gustav Freytags und an der» alten Trödler Frendenstein aus Raubes "Hu.ngerpastor" denken. In seinen späteren Dichtungen hat ja Raabe bekanntlich diese konventionellen jüdischen Figuren überwunden. Der Salomon Levi trügt schiefgetretene Schuhe, eineu schwarzen Kaftan und einen alten Zylinder und natürlich glänzende rabenschwarze Schläsenlocken. Sein Warenlager, das er an einem fettigen Riemen mit sich hernmträgt, besteht aus den bekannten Hausiererrequisiten und allerhand Spielzeug, und der junge Pfänner beneidet ihn um seines ungebundenen Lebens willen, und weil er nicht in die Schule zu gehen braucht. Abyr in dieseur Hausierer lebt die ganze Sehnsucht seines Volkes, die Rahel Varnhagen mit dem Worte, nmn soll ihr helfen, nicht dumm zu bleiben, ausgedrückt hat. All seinen Plunder möchte er verkaufen, um mit dem erlösten Geld seinen Wissenshunger zu befriedigen und studieren zu können. Und so wollen die beiden, der nicht sehr begabte und stets zum Lernen angetriebene Ehristenjunge und der bildungshungrige arme jüdische Hausierer, gern miteinander tauschen. Dieser Hausierer wird ehrlich und durchaus anständig geschildert; wie der junge Pfänner ihn einigemal nicht anspricht, da fragt er ihn, ob vielleicht eine künstliche Nachtigall, die er ihm der- . - ■ '<V kauft hat, sich nicht ' (bewährt habe, «hineinschauen kann msin ja nicht, und vielleicht wünscht der junge Herr eine andere," die er ihm zum halben Preis geben will. An dem Tage seines Opfertodes, auf dem Wege zum Wasser, in dem er sich ertränkt, trifft Georg Pfänner den Salomon und von dem nimmt er AbschiÄ», denn der ist auch elend, weil es ihm eine Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu fitzen, aus der Georg entfloh, „und der aus und ab wandeln mußte, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, in Staub und Sonnenbrand" und so krank mit seiner schmächtigen Gestalt vom Tragen des schweren Warenkastens aussah. Und der Vorzugsschüler schenkt dem Salomon für seine müden Füße die neuen Halbschuhe, die er nun doch nicht mehr braucht, und gleich darauf springt er ins Wasser, wo er den Tod findet. „Mit gellenden Weherufen drängt sich Salomon durch die Menge zum User hin. Die Schuhe hat er von sich geworfen, streute seine Waren im Lausen achtlos aus . . . „Gott, Gott' Ins Wasser gesprungen — in den Tod gegangen, er, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut gegen ihn gewesen war." Dieser junge Hausierer Salomon Levi ist also in seinem Aussehen eine konventionelle Natur, im übrigen aber ist er, obwohl er in dieser Erzählung eine bescheidene Nolle spielt, auch überhaucht von dem Glanz edleren, sehnsüchtigen Menschentums, das mit allen guten und starken Trieben sich züm Lichte der Erkenntnis hindrängt. Viel bedeutsamer ist die Gestalt des Kreisphysikus in der gleichnamigen Novelle, denn da wird eine Entwicklung gegeben, eine Entwicklung aus der Enge des Ueberlieferten, aus den Gefühlen des niedriggeborenen und schwer kämpfenden, gegenüber dem Fremden ungütigen Juden zu selbstloser Größe. Diese Gestalt ist bedeutend genug, sie mit denen anderer Autoren zu vergleichen, die das jüdische Stoffgebiet beherrschen, >vie etwa Sacher Masoch, Kompert und Franzos. Jüdisches Volksleben versucht Marie Ebner nicht zu gestalten, hingegen ist sie von aller literarischer Koketterie frei, von der dicken Schminke einer banalen Ethik, die wir bei aller Hochachtung bei jenen anderen Schriftstellern nicht übersehen sollten. In diesem Arzt NathanaelRosenzwcig, dem Kreisphysikus der Marie Ebner, ist der ausgesprochene jüdische Rassengeist so klar geschildert, daß es für uns ein Rätsel bleiben muß, wie stark die Gefühlslogik dieser Dichterin sich der realen Folgerichtigkeit einer ihr so wesensfremden Welt nähert. Rosenzweig hat eine entbehrungsreiche Jugend erlebt, bis zur Erschöpfung hat er arbeiten müssen, „um lehrend die Möglichkeit zu erlangen, selbst zu lernen". Nun ist es natürlich der Inbegriff seines Daseins, Geld zu erwerben um jeden Preis, den der Ehrlichkeit ausgenommen, ja nichts umsonst herzugeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidigen Regungen kennen, keine hemmende Rücksicht. Ein Gefühl hegt er nur seiner alten Großmutter gegenüber, für die er in kindlicher Pietät sorgt. Er verdient sich nun einen großen Ruf als Arzt und wird ein wohlhabender Mann. Seine Umgebung verachtet er, weil sie dumm ist. Ms Diener hat er einen Knaben ins Haus genommen, den er in einer Schneenacht auf der Landstraße vorm Erfrieren gerettet hat. Wenn er auch für den Jungen sorgt, er behandelt ihn lieblos, weil er ihn für einen „Ehamer" hält, einen „der aus Büchern nichts zu lernen vermochte". Eine erste weiche Regung überkommt ihn, wie seine Mutter stirbt, der einzige Mensch aus der Welt, der zu ihm „mein Kind" gesagt hat. Und nun wird in unnachahmlicher Weise in das Leben dieses pflichttreuen, überlegenen Egoisten das Schicksal jenes merkwürdigen Schwärmers Eduard Dembowski verwoben, der in edlem Feuer, unter Hingabe seiner ganzen Persönlichkeit für die Befreiung Polens sich einsetzt und auch in die Gegend kommt, wo der Kreisphysikus wohnt, um das 1