Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 19 -—- Such eine andere, echt jüdische Tugend, zum Ausdruck: der Familiensinn! Biele Gefangene sind schon seit Oktober 1914 interniert und seit dieser Zeit ohne Nachricht von ihren Angehörigen. Sie wissen nicht, ob Vater und Mutter oder Fmu und Kinder noch leben, ob sie von den russischen Horden verschleppt oder ermordet wurden. Diese Seelenpein ist schlimmer wie die Gefangenschaft! Bei jedem Besuche wurde ich bestürmt, ihre Briefe zu befördern, was streng untersagt ist. In einigen Fällen ist es mir gelungen, eine Verbindung herzustellen, doch mußte ich die Briefe der Kommandantur vorlegen. Alle diese, so sehr berechtigten Wünsche zu befriedigen, ist nicht möglich, und daher habe ich einen Ausweg gefunden: eine gedruckte Karte an die aufgegebenen Adressen mit folgendem Text zu versenden; ein Verfahren, das amtlich gebilligt wurde: „Mitteilung aus dem Gefangenenlager H a m m e r st e i n. Ich halte alle drei Wochen in dem oben bezeichneten Gefangenenlager einen Gottesdienst und habe dort wiederholt Ihren Angehörigen:. besucht und gesprochen.^ Er hat mich gebeten. Ihnen mitzuteilen, daß er vollkommen gesund ist, und ich darf hinznfügen, daß unsere Gefangenen in Hammerstein sehr gut behandelt werden, so daß Sie seinetwegen ohne Sorge sein können. Ich bitte Sie, ihm zu schreiben, wie es Ihnen und Ihrer Familie geht, und den Brief an meine Adresse zu richten. Der Brief darf aber nur Nachrichten über Ihre Familie enthalten und muß offen zur Post gegeben werden. Prediger LionWolff. Tempelbnrg, Pommern. Carl Liberfeld, Breslau. Im Interesse meiner Schutzbefohlenen bitte ich um gefällige Rücksendung dieser Karte, falls sie unbestellbar sein sollte." Allen -Amtsgenossen in ähnlicher Lage gebe ich anheim, dasselbe zu tun; es gelingt in vielen Fällen, diese schwerste Sorge von den Aermsten zu beseitigen. Nachbemerkung der Redaktion: Derselbe Verfasser schreibt der „Kölnischen Zeitung": Die russischen Kriegsgefangenen bei den „Barbaren". Wenn wir „Barbaren" empört sind, so oft wir hören, daß unsere tapferen Heldensöhne, die das Unglück hatten, in Gefangenschaft zu geraten, in den feindlichen Kriegsgefangenenlagern schlecht oder gar brutal behandelt werden, so steigert sich die Entrüstung bei den Lesern, die Gelegenheit haben, die Kriegsgefangenen in unseren Lagern zu beobachten. In erster Reihe sind es die Seelsorger der verschiedenen Konfessionen, die fortwährend mit den Gefangenen in Berührung kommen. Seit länger als zwei Jahreil besuche ich die Gefangenenlager auf dem Truppenübungsplatz H a m m e t ft e i n in Westpreußen. Dort hatte ich, bald nach dem Siege bei Tannenberg, bei etwa 1000 jüdischen Gefangenen die Seelsorge übernommen, deren Gesamtzahl mit Ab- und Zugang während zwei Jahren 2000 bis 3000 beträgt. Soweit die Andersgläubigen der deutschen Sprache mächtig sind, habe ich oft auch mit diesen gesprochen, aber nie habe ich ein Wort der Klage über schlechte Behandlung oder gar Mißhandlung gehört. Meine Schutzbefohlenen werden, soweit sie nicht in großer Zahl zur Arbeit auf Gütern kommandiert sind, wo sie zugleich Dolmetscher sind, als Aufseher, Schreiber und Dolmetscher im Lager beschäftigt. Sie haben dort alle Einrichtungen getroffen, die sie in der Heimat hatten: eine eingerichtete Synagoge, in der sie täglich Gottesdienst halten, ein gut organisierter Wohltätigkeitsverein zur Unterstützung gänzlich unbemittelter Kameraden, ein Studierzimmer, worin sie in gewohnter Weise den Talmud lernen und moderne Sprachen studieren. Die Arbeitssäle für Korbflechterei, Drechslerarbeiten, Laubsägeirnd Tischlerarbeiten haben die Kriegsgefangenen gemeinsam. Die angefertigten, zum Teil kunstvollendeten Gegenstände werden im Lager von Offizieren usw. gern gekauft. Der beste Beweis für die gute Behandlung der Kriegsgefangenen und für die mustergültigen hygienischen Einrichtungen des Lagers, das 100 000 Insassen aufnehmen kann, ist, daß von der genannten Zahl meiner Schutzbefohlenen innerhalb 26 Monaten nur zwei gestorben sind, deren Ruhestätten ich demnächst mit zwei Denkmälern, wofür die Kameraden die Kosten gesammelt, versehen werde. Wollte Gott, daß alle unsere in Gefangenschaft geratenen Söhne, trotz der mangelnden Freiheit in feindlichen Ländern eine solche Behandlung erführen! Jüdilche Gettslten bri Marie o. Lbmr-Llchmbach. Von Georg I. P l o t k c. ie letzte überragende Gestalt aus jener Verwandtschaft JäLJ’ gütiger geistiger Dichterköpfe, die uns die Blüte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert ausmachten, ist aus dieser verworrenen, planetarischen Existenz geschwunden. Es ist ein Abschnitt der deutschen Literatur entscheidend damit beschlossen. All die Dichter, die das Goethesche Humanitätserbe in sich ausgenommen hatten, von Gustav Freytag über Paul Hehse bis zu Marie von Ebner-Eschenbach, sie besitzen in ihrer großen Kunst ein Gemeinsames: sie wissen, daß ihr