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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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und durchleuchtet. Auch der künftige Literaturhistoriker wird an diesem Gelegenheitspoeten durchaus nicht ohne Aufmerken vorübergehen dürfen — freilich nur eine Gedichtsammlung 1882 bei Trewendt und Granier erschienen, und die „Kriegsglossen" aus dem Allegro-Verlag Breslau -- mehr weiß der große deutsche Buchhandel von ihm nicht aufzuzeigen. Nur daß in jedem dieser beiden Bände wie in der vielbestaunteu Nußschale im Louvre, iy der ein kostbarer indischer Schal verborgen, eine Fülle feiner, echter Poesie steckt: die Balladen „U, 9" und „Weddigen" aus den „Glossen" verdienen in jedem Schullesebuch der Neuzeit einen Ehrenplatz 311t* Erweckung echter Vaterlandsliebe unserer Jugend —- seine Lieder: „Abends über die Berge geht", „Reue", „Herbst im Frühling" tönen die weiche Schwermut wider, die wir in den Weisen der großen Romantiker lieben. Auch als Kritiker und noch mehr als Dramatiker hat Biberfeld (trotz aufreibender Berufsfronde und der Last zahlreicher Ehrenämter) den Kennern Erfreuendes geschrieben; seine Festspiele „Bor hundert Jahren", „Pallas und Germania", „Die schlesische Muse" gefielen außerordentlich, während seinem Libretto „Der neue Dirigent" der anhaltende Erfolg leider ausblieb. Der Text ermangelte eben des üblichen Operettenblödsinns, um große Tantiemen zu erzielen. Ein viel zu wenig bekanntes, unendlich stimmungsvolles Gedicht: „Die Gasse schweigt" bekennt des Dichters Anhänglichkeit für die alten Bräuche der Väter, wie überhaupt Typisch-Jüdisches in bestem Sinne sich in vielen Dichtungen Biberfelds offenbart: ein blendender Witz, die Waffe der Unterdrückten, eine erstaunliche Virtuosität und Vielgestaltigkeit der Sprache, an der oft noch ein Abscheinen vom Glanz des Orients zu spüren, während eine große Hilfsbereitschaft gegen jeden, der ihn anruft, und der altjüdische Drang, dem Bedürftigen wohlzutun, den Menschen Biberfeld auszeichnen, obwohl ihm das Geschick sein Plus an GeistesschätzM unerbittlich an materiellen Gütern abgezogen. Ein Verdienst aber kann Earl Biberfeld nicht hoch genug angerechnet werden: seit über drei Jahrzehnten ist er Haupt und Seele der seit alters her berühmten „Breslauer Dichterschule" und als deren Führer der eigentliche Vater der neuschlesischen Literatur. Es trügt gewiß mehr Dornen als Lorbeeren ein, das reizbare Geschlecht der Dichter 51t leiten, und wenn einer auf diesem Wege Liliencron entdeckt hat, Paul Barsch und Palll Keller gefördert (die originellen Schöpfer der besten humoristischen Romane der Neuzeit: „Von einem, der auszog", und „Das letzte Märchen"), Salzer bekanntgemacht und verheißungsvollen Talenten, wie Armin T. Wegner. Silbergleit. K. W. Goldschnüdt, den Weg geebnet, so darf man wohl mit Recht von ihm sagen: „daß er den Besten seiner Zeit genug getan und so gelebt für alle Zeiten". Gkkangenen-Lkrllorgr. Bon Lion Wolfs, Tempelburg, aß der Weltkrieg ganz neue Verhältnisse auf allen Gebieten des Lebens geschaffen, ist eine Binsenweisheit, die man nicht näher zu begründen braucht. Selbst an unsere Rabbiner und Religionslehrer, die in Städten mit einer Garnison oder Gefangenenlager wirken, hat die schwere Zeit außergewöhnliche Forderungen gestellt. Es ist ganz gleichgültig, ob diese Funktionäre mit oder ohne rabbinische Autorisation ihres Amtes walten, wenn sie nur ihre nicht leichte Aufgabe verstehen und mit Ernst und Würde ausüben; denn sie stehen vor ganz neue» Aufgaben, für welche cs keine Agenden gibt und für die uns, wenigstens nicht für die Gefangenenseelsorge, jede Erfahrung fehlt, die erst durch die Praxis erworben werden muß. 18 \ Tie Heeresverwaltung fordert für die Garnisonen, daß die jüdischen Mannschaften alle vier Wochen am Freitagabend oder Sabbatmorgen einem Gottesdienst beiwohnen müssen, der mit einer Predigt verbunden ist. Ebenso soll in den Ge- : fangenenlagern mit jüdischen Insassen alle Monate ein solcher Gottesdienst stattfinden. Ich glaube nach einer Praxis voll zloci Jahren auf; diesem Gebiete es aussprechen zu dürfen, daß dem Gottesdienst bziv. der Predigt für die Gefangenen nur eine sekundäre Bedeutung beizumessen ist. Bei den jüdischen Gefangenen aus Frankreich und England, denen die deutsche Sprache fremd; ist, sollte die Predigt in der betreffenden Landessprache gehalten; werden. Inwieweit die Herren Amtsgenossen dazu imstande sind, soll hier nicht untersucht werden. Im November 1914 fand ich beim Antritt meines Amtes j in dein Gefangenenlager zu Hammerstein in Westpreußen,! unter 65 000 russischen Gefangenen 800 bis 1000 Juden in zwei! getrennten Lagern; von diesen Juden sprach der größte Teil j Deutsch. Daß man bei ihnen trotzdem die moderne Kanzelsprache nicht anwenden darf, ist wohl klar. Noch weniger darf man in den Jargon verfallen, weil öfters deutsche Offiziere dein Gottesdienste beiwohnen. Ich habe es übrigens erlebt, daß ein gewöhnlicher Soldat die Predigt in klassisches i Hebräisch übersetzte. Bei aller Andacht Vvn seiten der Teilnehmer ist, wie bereits bemerkt, der Gottesdienst nicht unsere Hauptaufgabe, sondern : . die Seelsorge, eine Bezeichnung, die wir sonst nicht gern für unsere Tätigkeit anwenden, die hier aber am! Platze ist. Die Gefangenen bedürfen des Trostes und der Ermutigung, : die wir ihnen durch Ansprache und Unterredung zu geben suchen.; Sie bedürfen aber auch des Rates, und wo es möglich ist, des; Beistandes, und ich habe fast immer für bescheidene Wünsche i ein freundliches Entgegenkommen bei der Kommandantur ' gefunden. So unerklärlich es auch ist, so habe ich doch gefunden, daß die Vertreter der „echt russischen Leute" sich auch im Ge-; fangenenlager bemerkbar machen. Hat eine Gruppe oder eine! Erdhütte das Mißgeschick, einen nichtjüdischen russischen Aufi scher (Feldwebel) über sich zu haben, so jammern die Inden über schlechte Behandlung, Schikanen und Drohungen, denen sic täglich und stündlich ausgesetzt sind. I Solange Polen und der größte Teil der baltischen Provinz.! noch nicht vvn unseren Truppen besetzt war, haben unsere! armen Glaubensbrüder der Stunde ihrer Befreiung mit Zittern entgegengesehen; jetzt danken sie Gott, daß ihnen unter einer neuen humanen Regierung ein besseres Los winkt. Trotzdem drohen ihre Kameraden und Leidensgenossen, daß sie nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft mit den Inden abrechnen werden — dagegen sollen die früheren Po-! grome ein Kinderspiel gewesen sein! Diesen Pvgromhelden! wurden in dem Lager die Giftzähne ausgezogen, Auf meine Anzeige hat die Kommandantur sofort Abhilfe geschaffen. Es ist bezeichnend für den Charakter und für die Ethik dieser „Aermsten der Armen", daß sie in erster Reihe den Wunsch j nach rabbinischer Literatur, Gebetbüchern nndRitnalien äußern, j Es konnten in dieser Beziehung Viele Wünsche befriedigt! werden. Sie haben nicht allein alle drei Wochen einen gemeinschaftlichen Gottesdienst, sondern sie haben sich selbst eine passende Gebetstätte errichtet, worin sie täglich und am Sabbat abwechselnd Gottesdienst halten. Ein zweiter Gebetraimi wird demnächst in dem anderen Lager eingerichtet werden. Spricht der Wunsch nach rgbbinischer Lektüre usw. für den religiösen Sinn der Internierten, so kommt hier aber

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