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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 Vaterland stets bewußt gewesen sind und daß sie es ungeachtet aller Angriffe und aller Zurücksetzungen stets bleiben werden. Wir erachten es daher als eine der hauptsächlichsten Aufgaben unseres Blattes, in diesem Jahr und für die Zukunft uns gegen alle unberechtigten Angriffe zu wehren. Wir lieben nicht den Streit, wir möchten viel lieber in Frieden und Eintracht gemeinsam mit unseren Volksgenossen zum Heile unseres geliebten Vaterlandes arbeiten, aber wir können nicht dulden, daß falsche Meinungen über unser Wollen und über unser Tun in weitesten Kreisen verbreitet werden und das allgemeine Volksbewußtsein vergiften. Es wird Sache unserer großen Organisationen sein, das Material zu sammeln für alles, was wir getan, geleistet und erduldet: wir werden gern alles, was uns in dieser Beziehung bekannt wird, unseren Lesern weitergeben, um das Verderbliche des Antisemitismus 31t erweisen und womöglich zu vernichten. V- L i b e r a l i s m it s. Unsere Zeitung hat ihren liberalen Standpunkt stets offen bekannt. Sie hat auch während der Kriegszeit nicht aufgehört, diese Fahne zu entfalten, und wird in der kommenden Zeit nichts unterlassen, was dazu dient, eine Verteidigerin des freien religiösen Gedankens 31t sein. Unsere orthodoxen Gegner meinen oft: Der Kampf, den wir führen, sei ein kleinlicher; es handle sich dabei bloß um Gebräuche: um Einführung der Orgel, um Berücksichtigung deutscher Gebete, um die Teilnahme der Frauen. Wir wollen die Bedeutung dieser Fragen keineswegs leugnen, aber die Gegner irren, wenn sie meinen, daß der Liberalismus bloß mit diesen Fragen zu tun habe. Gewiß verdienen sie volle Beachtung. Wir legen Wert daraus, daß der Gottesdienst stimmungsvoll gestaltet werde, und wir glauben, daß dies am besten durch die Begleitung der Orgel bei den Gemeindeliedern und bei dem kunstvollen Gesänge des Kantors geschieht, aber wir stellen keineswegs in Abrede, daß ein gilt geschulter Chor und ein gesangestüchtiger Kantor auch wohl fähig sind, ohne Lrgelbegleitung die Gemeinde 31t erbauen und Andacht in ihr zu erwecken. Wir halten es für wünschenswert, daß die deutsche Sprache Berücksichtigung in den Gebeten finde, nicht aus Neuerungssucht und nicht ails Prinzipienreiterei, sondern weit wir wissen, daß viele, nicht bloß Frauen und Kinder, sondern auch viele junge Männer des Hebräischen unkllndig sind, und weil wir verlangen, daß die Sprache des Gebetes nicht bloß die des Mundes, sondern die des Herzens sei, daß der Mensch sich 31t seinem Gotte in dem Tone wende, der ihm der vertrautere lmd der verständliche ist. Aber wir, namentlich wir Netteren . und des Hebräischen einigermaßen Kundigen, verschließen uns k. Keineswegs vor der Weihe, die die Klänge, die ältvertrauten, von der Jugend her in unseren Ohren tönenden, in lins erwecken; Nllr wollen wir nicht eine Sprache mit Heiligkeit umgeben, wer::: sie den meisten llnverstündlich erklingt, um nicht das Ehrwürdigste mit gehaltlosem Lallen 31t vertauschen. Größere Bedeutung gewähren wir der Teilnahme der Frauen. Wir erachten es als eine liberale Forderung, daß mit der Zurücksetzung der Frauen gebrochen wird. Es mag als geringfügig angesehen werden, ob Frauen in der Synagoge neben ihren Männern sitzen, aber das Zurückdrängen des weiblichen Geschlechts in abgeschlossene. Räume der Empore sehen wir als eine ungerechtfertigte Zurücksetzung an und meinen, daß eine Gleichstellung (in diesem Falle eine Gleichsetzung) keine Gefahren in sich birgt, vielmehr den Frauen bei: gebührenden Platz gewährt. Größeren Wert legen wir darauf, daß die Frauen, wenn sie auch nicht selbst am Gottesdienst aktiv beteiligt werden, doch in allem, was die Gemeindeverwaltung betrifft, mitzureden und mitzuhandeln haben sollen. Die Frage des Stimmrechts wollen wir nicht anfrollen, obgleich die Einräumung dieses Rechtes in der Gemeinde wie in Stadt und Staat nur eine Frage der Zeit ist, und obgleich wir von vornherein zugeben, die Gerechtigkeit verlange, daß die Witwen, die von ihren Renten leben, daß Frauen und Jungfrauen, die sich selbst ihren Lebensunterhalt verdienen, die also Steuern zahlen, mit dieser Erfüllung der Pflichten auch das Recht besitzen müssen, bei den Wahlen ihre Stimme abzugeben. Aber ihre Mitarbeit in der Gemeinde: an Wohttätigkeits- und Fürsvrgeanstalten, in den Kommissionen, wollen wir nicht entbehren; ivieviel sie im Armen-, Waisen-, selbst im Schulwesen leisten können, uw sie ja als Waisenmütter, Ehrendamen, Lehrerinnen bereits erfolgreich tätig sind, wird keiner leugnen, der die Verhältnisse kennt. Der wichtigste Punkt in diesen liberalen Forderungen, die von den Gegnern als einzige Grundsätze der freiheitlich gesinnten Partei aufgefaßt werden, ist aber unsere Stellung zu den Formen. Gewiß gibt es Gebräuche, die, durch das Alter geweiht, nun einmal als echt jüdisch gelten. Wir wollen von ihnen nicht lassen. Aber nur dagegen müssen wir protestieren, daß man uns einreden will, unsere ganze Religion bestehe nur in Gebräuchen, und daß man uns glauben machen will, diese seien die Grundpfeiler heiliger Gesinnung und gottgefälligen Tuns. Indessen der echte Liberalismus ist nicht mit dem Kampf für solche angebliche Neuerungen abgeschlossen. Das ist seine negative Seite, sein Kampf gegen den Rückschritt. Wir wollen uns nicht zurückschrauben lassen in eine finstere abgelebte Zeit, wir wollen nicht Schranken fortbestehen lassen, die errichtet wurden in Zeiten der Verfolgung und der notwendigen Abschließung. Sind wir auch keineswegs unduldsam, gewähren wir vielmehr auch jeden: das Recht, in feiner Weise seinem Gotte zu dienen, geben wir den Minoritäten die Möglichkeit, ihren Gewohnheiten in den Synagogen 311 folgen, ihre strengen Anforderungen für das rituelle Leben zu befriedigen, so verlangen wir auch das Recht für die Majorität. Wir wollen nicht immer bloß Konzessionen machen, sondern wir verlangen, daß auch uns die Betätigung unserer Anschauung gestattet werde. Eine andere Forderung des positiven Liberalismus ist die Verinnerlichung der Religion. Gewiß liegt - - das will keiner von uns äbstreiten in jenen alten Bräuchen an Wochentagen, Sabbaten und Festtagen ein großer Zauber. In den: Anlegen der Tefillim, in der Weihe der Sabbatlichter, in dem Anstecken der Chanukalichter, in den Gesängen des Seder, in dem Verweilen in der Laubhütte steckt ein großes Stück Poesie, aber wir glauben dennoch, daß die wahrhafte und echte Vertiefung des religiösen Gefühls nicht oder wenigstens nicht allein durch diese Gebräuche erzielt werden kann, sondern daß sie durch die L ehre bestimmt werden muß. Aus diesem Grunde legen wir einen so außerordentlichen Wert auf die deutsche Predigt und einen noch größerer: auf die immer weitere Ausbreitung des Religionsunterrichts. Gerade diesen Unterricht wollen wir bei voller Berücksichtigung der Hebräischen Sprache, bei allen: Eifer, den wir dem Verständnis der alten Gebete zuwenden, nicht ans Grammatik beschränkt sehen, sondern ihn der gründlichen Erlernung unserer Geschichte und unserer Literatur, dem vertieften Verständnis der Grundsätze unserer Religion zuwenden. Wir wollen biblische Geschichte unseren Kindern einprägen, aber im Zusammenhang mit diesen alten Dichtungen und Erzählungen die Wahrheit der Religion ihnen verkünden; wir wollen ihnen zeigen, daß eine E n t w i ck l it n g , ein Zusammenhang mit anderen Religionen, eine Einwirkung dieser auf das Judentum und ebenso ein Einfluß des Judentums auf die anderen Glaubensbekenntnisse stattgefunden hat. Wir wollen gerade durch einen Vergleich mit anderen Kulten, durch eindringendes Verständnis unserer Psalmen und Propheten und durch ein Hineinsühren

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