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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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nur die Frage vorzulegen: Was wollen die Antisemiten nun, worauf gründen sie ihre Vorwürfe? Die wider uns erhobenen Anklagen lassen sich in folgenden drei Punkten zusammenfassen: Man beschuldigt uns erstens der Drückebergerei, zweitens des Wuchers, drittens der Feigheit ün Kriege. Punkt 2 und 3 lassen sich schnell abmachen. Die Feigheit ist unserer festen Ueberzeugung nach völlig unerwiesen. Die 8000 Eisernen Kreuze zweiter, die 80 Kreuze erster Klasse sprechen eine eindringliche Sprache. In jeder größeren Zeitung, auch in vielen kleineren, liest man täglich Todesanzeigen jüdischer Familien, die Väter, Brüder, Söhne oder andere Verwandte beklagen. Tie Juden haben sich nach einstimmigen Zeugnissen ihrer Vorgesetzten, welche in den Briefen an die Hinterbliebenen und in den Lobsprüchen an die noch Lebenden niedergelegt sind, tapfer und -schneidig, mutig und geschickt erwiesen; sie haben, wo sie auch immer Verwendung fanden, vollauf ihre Pflicht getan. Auch in bezug auf den Wucher mit Lebensmitteln, denn nur um diesen -handelt es sich in den augenblicklichen Anklagen, wird ein besonderer Vorwurf gegen die Juden sich nicht erheben lassen. Gesündigt mag auch von manchen Juden worden sein, aber gewiß nicht mehr als von den Bekennern anderer Religionen. Sicherlich ist dies, wo es auch immer vorgekommen sein mag, ein verabschenungswürdiges Verfahren. Während Groß- und Kleinhändler, wie man hätte annehmen sollen, in dieser entbehrungsreichen Zeit hätten wetteifern müssen, die von ihnen erlangten Waren preiswürdig. d. h. wohl mit angemessenem, aber nicht zu starkem Nutzen zu verkaufen, um an ihrem Platze dazu beizutragen, die Volksmassen zu ernähren und dadurch zu unserem Siege beizutragen, bemühen sich, wie leider konstatiert werden muß, im Gegenteil alle, Produzenten und Händler, die von ihnen erzeugten oder irgendwie in ihre Hände gekommenen Waren solange wie möglich zurückzuhaltcn und, wenn sie dies nicht mehr imstande find, sie zu unerhörten, lächerlichen oder vielmehr bejammernswerten Preisen loszuschlagcn, in der sicheren Erwartung, daß sie für diese horrende Forderungen, mögen sie auch in keinem Verhältnis zu dem Wert der Waren stehen, bereite Käufer finden. Es ist aber erwiesen, denn man braucht nur in den Zeitungen die vielfach mitgeteilten Namen der wegen Preisüberschveitung Verurteilten zu lesen, daß diese gewissenlosen, auf die Not der Bevölkerung spekulierenden Gewerbetreibenden zum allergrößten Teil N i ch t j u d e n sind. Schwieriger gestaltet sich die Frage der sogenannten Drückebergerei. Man wirft den Juden vor, daß ein großer, wie manche meinen, ungeheurer Prozentsatz verstanden habe, sich dem eigentlichen-Heeresdienste, der Tätigkeit an der Front, zu entziehen, sich entweder habe reklamieren oder zu einem leichteren, ungefährlichen Dienst hinter der Front habe versetzen lassen. Vielleicht bringt in diese Angelegenheit die schon erwähnte Statistik eine Klärung. Zunächst muß man freilich bemerken, daß man bei beiden Behauptungen einen schweren Vorwurf gegen die nichtjüdische Militärbehörde und gegen die Aerzte überhaupt erhebt, denn die Gewährung der Reklamation, wenn von Juden nachgesucht, kann nicht von ihnen, sondern muß von der Behörde verfügt werden, und eine Erklärung der vollen oder halben Dienstunfähigkeit geht von den Militärärzten aus, die, wenn auch manche Juden sich unter ihnen befinden, hauptsächlich dem christlichen Glauben angehören. Man bedenke also, welch ungeheuerliches Wagnis hier von den Antisemiten versucht wird, indem diese deutsche Beamte einer Pflichtverletzung, -einer unrechtmäßigen Begünstigung der Juden bezichtigen- Wenn aber wirklich Inden in größerer Anzahl, als ihr im Prozentsatz entspricht, sich in Schreibstuben der Garnisonen aufhalten, bei Kriegsgesellschaften tätig sind, so ist nur zu wünschen, daß das neue Gesetz über den Zivilhilfsdienst alle 14 - diejenigen, die zwar nicht zur Front, wohl aber -zum Etappen- und Garnisondienst tauglich find, dazu verwende. Im allgemeinen glauben wir nicht, daß Juden wirklich ihre patriotische Pflicht so weit vernachlässigt haben, daß sie unlautere oder zwar gesetzmäßig erlaubte, aber doch der großen Sache nicht völlig entsprechende Mittel angewendet haben, um sich der heiligsten Pflicht, der gegen das Vaterland, zu entziehen; sollte dies aber wider Erwarten doch der Fall sein, so müßte im eigensten Interesse der Juden selbst darin energischer Wandel geschaffen werden. Freilich sei es gestattet, nicht etwa zur Bemäntelung der Angelegenheit, sondern zur Erklärung etwaiger Vorgänge auf folgendes hinzuweisen. Mir sind Beispiele genug bekannt, daß intelligente jüdische Jünglinge und Männer, die militärisch ausgebildet wurden, aber wegen organischer Fehler oder allgemeiner Schwächlichkeit schließlich zum Heeresdienste nicht tauglich befunden worden sind, nun dazu ausersehen wurden, in kaufmännischen Betrieben, die mit der Volksernährung zu tun haben, oder in wissenschaftlichen Instituten, die für den Heeresdienst arbeiten, oder in Wohltätigkeitsanstalten, die für die Verwundeten zu sorgen haben, 'mit voller und ganzer Kraft tätig sind, und mir ist ebenso bekannt, daß sie diese ihre Tätigkeit mit voller und ganzer Kraft unermüdet vom Morgen bis zum Abend ausüben und damit einerseits eine Arbeit leisten, die ihren Fähigkeiten vollkommen entspricht, anderseits derartig ist, daß sie nur gerade von ihnen oder jedenfalls von ihnen in hervorragender Weise geleistet wird und daß diese Ausübung ihrer Pflicht dem Vaterlande wesentlichen Vorteil bringt. Es wäre nicht bloß eine Ungerechtigkeit, sondern geradezu ein Widersinn, derartige Männer, die an ihrem Platz das Ersprießliche für die Allgemeinheit und die große Sache des Vaterlandes wirken, in Garnison- oder Etappendienst zu versetzen, einer reglementsmäßigen Gleichartigkeit wegen, und etwa an ihre Stelle Aeltere zu berufen, die gerade dieser von jenen vorzüglich geleisteten Arbeit nicht völlig gewachsen sind. Und noch ein anderes ist zu erwähnen. Es ist eine leider nur zu bekannte Tatsache, daß jüdische Rekruten, selbst ältere Landsturmmänner seitens der ihnen direkt Uebergeordneten. der Unteroffiziere und der Feldwebel, ihres Glaubens wegen schwer zu leiden haben, daß sie Beschimpfungen erdulden müssen, selbst Tätlichkeiten ausgesetzt sind. Nicht minder bekannt ist, daß selbst tüchtige junge jüdische Männer, die sich ausgezeichnet, das Eiserne Kreuz erlangt haben, zu Unteroffizieren, ja zu Offizierstellvertretern aufgerückt sind, nur sehr schwer die Ernennung zu Offizieren erhalten, selbst wenn wider sie nichts spricht als ihr Glauben. Glücklicherweise gibt es ja Beispiele genug, nicht nur im württembergischen und bayerischen, sondern auch im preußischen Heere, daß die allertüchtigsten sich durchsetzen, aber die Mehrzahl scheitert in ihre» Versuchen trotz ihrer Bravour, trotz ihrer Beliebtheit bei den Kameraden, trotz des Wohlwollens mancher Hauptleute infolge des Umstandes, daß das Offizierskorps die Wahl nicht vornimmt. Solche Vorgänge, die geeignet sind, die Dienstfreudigkeit der Offiziersaspiranten zu mindern, haben vielleicht manchmal die unselige Folge, daß jüdische Landsturmmänner, natürlich nur solche, die infolge von Kränklichkeit oder organischer Fehler in die Heimat zurückgeschickt worden sind, den Dienst in Schreibstuben und Kriegsgesellschaften begehren und mit aller Macht beizubehalten bestrebt sind. Aber >vir wiederholen, wir vermögen nicht zu glauben, daß die Vorwürfe der Antisemiten gegen die Juden in irgendwelcher Weise berechtigt sind; wir leben vielmehr der festen Ueberzeugung, daß die Juden sich in keiner Weise ungerechte Vorteile verschafft, unpatriotisch in den Besitz ungefährlicher Stellungen gesetzt haben, sondern daß sie sich ebenso wie ihre andersgläubigen Volksgenossen der heiligen Pflicht gegen ihr

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