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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Nr. 2 Berlin, 12. Januar 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Dies» Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-ssreis: durch den Luchhandrl oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Lnbwlg PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. H ft halt* 3urn neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. —Die W och e. 9 IIl/sstII ♦ — Carl Biberseld. Von C l e m e n s Berg. — Gefangenen-Seel - sorge. PonLiynWolff, Tempelburg. — Jüdische GestaltenbeiMariev.Ebner- Eschenbach. Von GeorgiJ. P l'o t ke. — Zwei amerikanische Präsidenten und die Juden. Von Gotthard Deutsch. — Feuilleton: Der verlorene Sohn. Von Joseph Pata i. Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte Übersetzung'aus dem Magyarischen pon Dr. Adolph Kohut. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Bemerkung der Redaktion. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Berlin-Steglitz, Breslau, Hamburg, Hannover, Göttingen, Wiesbaden, Prag, Budapest- Lemberg. — Von Nah und Fern. Lum neuen Jahrgang. Von L u d lv i g Geige r. III. Ziv n i s m u s. as ich über den Zionismus denke, habe ich oft gesagt, daß ich mir fast ersparen könnte, davon zu reden. Ich verkenne nicht - auch das Folgende habe ich oft genug eingestanden - das Gute, das durch den Zionismus erwirkt worden ist: die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, den wohl-, tätigen Zwang, der auf die Lauen ausgeübt worden ist und der sie genötigt hat, ihr Judentum zu bekennen Und sich als Juden zu fühlen, aber ich sah und sehe in dem Zionismus die schlimmste Gefahr für das deutsche Judentum. Seine zwar mehrfach veränderte, aber seiner ganzen Anschallung zugrunde liegende Idee eines jüdischen S t a a t e s erscheint mir als verderblich, seine ewige Deklamation von einem jüdischen Volke widerspricht meiner innersten Ueberzeugung, daß ein jüdisches Volk seit der Zerstörung des alten jüdischen Staates nicht mehr existiert und daß wir Inden iä Mitglieder desjenigen Volkes sind, dem wir durch unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Gesittung angehören, und der ferneren Ansicht, daß wir mit den Juden anderer Länder nicht durch ein Volksbewußtsein, sondern nur durch die religiöse 'Gemeinschaft verbunden sind. Der große Eifer, dem wir in kesner Weise leugnen, ja, nicht einmal bemängeln wollen, mit dem sich die Zionisten Deutschlands zu dem Eintritt ins deutsche Heer gedrängt, die Tapferkeit und der Mut, die sie während des lang andauernden Krieges bezeugt haben, kann und soll von uns durchaus anerkannt werden, aber sie widersprechen nach unserem Dafürhalten der von ihnen immer wieder gepredigten Ansicht, daß sie einen: anderen Volke als dem deutschen angehören. Aus diesen Gründen erkennen wir für den Zionismus die größte Gefahr für das deutsche Judentum und an dieser Erkenntnis werden wir nicht irre durch die Bevorzugung, die augenscheinlich den Zionisten jetzt durch manche maßgebenden politischen Kreise zuteil wird. Wir erachten es daher nach wie vor als eine der hauptsächlichsten Aufgaben unserer Zeitung, -Front zu machen gegen den Zionismus als Deutsche und als Juden, denn nicht bloß für das deutsche Judentum, für die jüdische Religion selbst liegt in dem Zionismus eine 'furchtbare. Gefahr. Wir erkennen mit Hermann Cohen, daß der Zionismus auf die Religion, auf den Prophetismus, auf den großen und erhabenen Idealismus, der im Judentum steckt, viel zu wenig Rücksicht nimmt und durch seine Bevorzugung, ja, fast ausschließliche Betonung des nationalen Elementes das Religiöse untergrübt, ja geradezu vernichtet. IV. Antisemitismus. Wir leben bekanntlich in den Zeiten des Burgfriedens. Wie wenig dieser jedoch von seiten der Antisemiten gewahrt wird, haben wir in den letzten Nummern unserer Zeitschrift vielfach hervorzuheben Gelegenheit gehabt. Neuerdings soll, wie mir berichtet wird, eine Nummer des antisemitischen Blattes „Auf Vorposten" erschienen sein, in der mir die Ehre einer besonderen Bekämpfung zuteil wird: ich befinde mich seit längerer Zeit aber in der beneidenswerten Lage, von den Anwürfen dieses Blättchens nur indirekt, nicht direkt zu erfahren, und würde, wenn ich solche Anrempeleien zu lesen bekäme, mich nach einem Goetheschen Worte in der Ueberzeugung bestärken, daß das Gekläffe dieser Meute „nur beweist, daß wir reiten". Tie Beschimpfungen seitens kleiner Hetzblätter sind an sich belanglos, gewinnen aber eine gewisse Bedeutung dadurch, daß sie ein bedenkliches Anzeichen für die Zukunft darstellen. Denn es ist leider vorauszusehen, daß der Antisemitismus der Massen nach dem Kriege eher zu als abnehmen wird. Die Erfahrung nämlich hat gelehrt, daß nach den glorreichen Erhebungen der Deutschen ein starker Nationalismus, ein unbedingtes Teutonentum erwachte, das in seiner Betonung des Deutschtums alles Fremde verachtete, ja, beiseite stieß und unter diese Fremden die Juden, einbezog. So geschah es bald nach 1815, indem schon 1819 kleine Judenverfolgungen iü Deutschland inszeniert wurden und die bald einsetzende Reaktion den Juden die ihnen 1812 erteilten Freiheiten zu nehmen begann. (Ausschluß der Juden von Universitäten, Entfernung aus den Aemtern, Verbot deutschen Gottesdienstes und jeder Kulturnenerung, selbst Versuche,, sie von der Militärpflicht zu befreien.) Nach 1870 erfolgte nach einer kurzen Freiheits- und Gleichheitsepoche, die durch das Gesetz gewährleistet und auch in die Praxis übergegangen war, ein um so stärkerer Rückschlag in der öffentlichen Meinung, der leider auch jetzt noch nicht gewichen ist. Erwägen wir die jüngsten Vorgänge, die berüchtigte Judenstatistik, so haben wir begründeten Anlaß, mit Bangen in die Zukunft zu sehen. Ist diese Statistik auch, wie von seiten des Kriegsministeriums erklärt worden ist, nicht von antisemitischer Gesinnung eingegeben, so ist sie sicher geeignet, in manchen Kreisen die bereits von solcher Anschauung Erfüllten in dieser zu stärken, in anderen, die davon nichts oder wenig spürten, solche zu erzeugen. lieber das, was die Antisemiten seit Jahrzehnten den Juden vorwarfen, brauchen wir nicht mehr zu reden; wir haben uns

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