Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. I Berlin, 5. Januar lv. Brttigr zur „Allgemelnen Leikong deK JubentomK". Rorrrlpondmrrn und Mchrtchtrn. LrutWsnL. L K Berlin, 31. Dezember. In. der heutigen Sitzung der RepWentäntenversammlung gedachte der Vorsitzende Herr Direktor Dr. Minden zunächst des Verlustes, den die Gemeinde durch den Tod des'Herrn Justizrats Samuel Meyer erlitten hat. „Er stand an der Spitze der Wohlfahrtseinrichtungen und leistete Vorzügliches. - Es wird schwer sein, .einen ihm ebenbürtigen Nachfolger zu finden. Wir werden -ihm ein treues Gedenken bewahren." Die Versammlung hörte den Nachruf stehend an. Der Vorsitzende gibt dann der Versammlung Kenntnis von dem 25jährigen AmtsjubMum des Herrn Emil Pi neu § als Mitglied der Armenkvmmission, mit dem Wunsche, daß es dem Jubilar vergönnt sein möge, noch viele Jahre sein segensreiches Wirken fortsetzen zu können. — Herr Isidor Rosenberg hat der Gemeinde zu dauernder Pflege zweier Gräber einen Betrag von, 3000 Mark, zur Errichtung einer Jahrzeitstistung nr der Alitetsversorgungsanstalt 1500 Mark überwiesen, Fräulein Posalie Forell zur Abhaltung von Jahrzeiten und Pflege zweier Gräber 1100 Mark, Herr Rentier Robert Goldschmidt der Altersversorgungsanstalt zur Errichtung einer Jahrzeitstiftung und Instandh altung von Gräbern 5000 Mart zu gewendet. — Bei Pu nkt 5 der Vorlage, betreffend den Ritus der Synagoge Kottbuser Ufer, entsteht eine lange, äußerst lebhafte Debatte. Die Versammlung hatte bereits am 24. August den Vorstand ermächtigt, die Gebetordnung für die Synagoge Kottbuser Ufer auf die Zeit von höchstens vier Monaten selbständig zu regeln. Die Vorschläge der eingesetzten Deputation waren den Gemeinderabbinern zur Begutachtung vorgelegt worden. Auf Grund dieser Gutachten-erklärt der Vorstand, nicht in der Lage zu fein, sich ohne weiteres auf den Boden der Beschlüsse der gemischten Deputation zu stellen und sich in dieser Frage endgültig schlüssig zu machen. Er beantragt eine Verlängerung von drei Monaten. Der erste Referent Herr Professor Kali sch er spricht sein Bedauern aus, -daß die Gutachten sich durch Kürze auszeichn-en und daß die Rabbiner mit Ausnahme des Herrn Professor May bäum ein Kollektivgutachten abgaben und inklusive Herrn Dr. Maybaum zu dein Schluß kamen, die Beschlüsse der Deputation hätten den konservativen Boden verlassen, wenn die Opfergebete ausgeschaltet würden. Herr Professor Kalischer fährt fort: „Es ist unmöglich, für alle Zeiten eine Gebotordnung beizubehalten, wie sie sich in zwei Jahrtausenden herausgebildet hat. Unser Gebetbuch P kein einheitliches Ganze. Jede Zeit hat ihren Teil dazu beigetragen, die Gebete zu erweitern, und darum auch sind wir berechtigt, eine Aettderung vorzunehmen. Die Gebete bezüglich der Opfer, die wir in der Mussaf-Tesilla finden, sind auch nach Ausspruch des vorzüglichen Gelehrten Dr. Ellbogen erst spät einaesührt worden; nach Maimonides sind sie sogar eine Konzession an das Heidentum. Tatsächlich ist inr Tempel viel Opferblut geflossen; daran I wird der Betende stets erinnert. Daß Aenderungen inv Gebetbuche! gestattet sind, davon legte auch der verstorbene orthodoxe Gelehrte Professor B e r I i n e r Zeugnis ab. Ich bitte den Vorstand, eine neue Deputation zu wählen lind in gemeinsamer Beratung mit uns zu verhandeln, die Herren Rabbiner aber aufzufordern, ein, au sführliches wissenschaftliches Gutachten einzeln zu erteilen und die Frist aus zwei Monate abzuändern." Den Ausführungen des Herrn Professor Kalischer schließt sich Herr Professor Blaschke in länger er Rede an. Von seiten des Vorstandes entgtzgnet Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld: Es kommt nicht auf unseren Standpunkt, sondern auf den der Gemeindemitglieder an. Die Mehrzahl der Bewohner am Kottbuser Tor wolle einen konservativen Gottesdienst; danach müsse die Verwaltung sich richten. Herr Kommerzienrat Gerson Simon bittet, um Klarheit zrr 'schaffen,' zwei Gebetbücher zu verfassen, das eine für konservative, das andere für liberale Synagogen. Herr Lew in ski erklärt, er müsse beider zugeben, daß die Synagoge Kottbuser Ufer wenig besucht sei; wenn aber dort ein neuer Ritus eingeführt würde, laufe man Gefahr, 'die Synagoge schließen zu müssen. Herr Kommerzienrat E i s n e r betont, daß es sehr wünschenswert sei, dort einen konservativen Gottesdienst .zu haben, damit die Mitglieder des Luisenstädtischen Brüdervereins unbehindert den Tempel besuchen könnten. Herr Syndikus Lilienthal bittet, doch klare Verhältnisse zu schassen. Wir wissen ja alle genau, was konservativ ist und was nicht. Herr Direktor Dr. Minden erklärt, es sei ein Vorzug des Judentums, daß jeder beten könne, was er wolle; ein Zwang solle nicht stattfinden. Er habe nichts dagegen, wenn zwei Gebetbücher in einer Synagoge eingeführt würden, dann sei beiden Richtungen geholfen. -Herr Benas Levh sagt: Der Herr Syndikus hat in der Debatte ein wahres Wärt ausgesprochen: Lassen Sie uns klare Verhältnisse schassen. Das ist eben der Fehler bei der ganzen Frage der Gestaltung des Gottesdienstes in der Synagoge am Kottbuser Ufer gewesen, daß Unklarheit gelvesen und geblieben ist. Zuerst verlangten wir Liberalen eine Orgel und ein liberales Gebetbuch für diese Synagoge. Der Vorstand erklärte, daß die Hälfte der dort wohnenden Glaubensgenossen, konservativ, die Hälfte liberal sei. Wir ftimmten schwere!: Herzens zu, daß die Orgel fortfalle, und verlangten nur, daß ein Gebetbuch eingesührt werde, wie es Professor Blaschke verlangt hat, damit auch unsere liberalen Glaubensgenossen dort beten könnten.' Jetzt wird nun auch verlangt, daß das letzte, was wir für die Liberalen durchsetzen wollten, aufgegeben werden soll. Dem können wir im Interesse der liberalen Mitglieder, die wir zu vertreten haben, nicht zustimmen. Es beteiligten sich noch an der Debatte die Herren Löwenberg und Gelverberat P l o t k e. Endlich wurde beschlossen, eine neue Deputation zu wählen und nach zwei Monaten zu beraten. — Es folgen hierauf Neuwahlen für verschiedene Verwaltungskommissioneii. — Infolge der warmen Fürsprache des Herrn Professor Türk werden Teuerungszulagen ohne Debatte, bewilligt, ebenso 720 Mark zur Aufnahme zlveier Knaben für das zweite Waisenhaus bis zur Freiwerdung etatinäßiger Stellen, den: Deutsch-Israelischen Gemeindebund für 1917 15 000 Mark, dem Religionsverein Oranienburger Vorstadt für 1916/17 zur Erhöhung der Lehr ergeh älter 260 Mark, der Ohmstedel scheu Höheren Knabenschule zur Vermehrung von Religionsunterricht an der Vorschule dieser Anstalt 80 Mark jährlich. - Bei dem Beschluß, das Grab des Schriftstellers Robert Linderer in Gemeindepflege zu übernehmen, führt der Referent Herr Benas L e v y ungefähr folgendes aus: „Wir ehren uns selbst, wenn wir das Andenken des Mannes ehren, der das in diesem Kriege zu so großer Berühmtheit gelangte Flaggenlied erdacht und verfaßt hat. Auf allen Schiffen und j auf allen U-Booten unserer Marine singen es voller Begeisterung unsere tapferen Matrosen. Bei den neuen Anfeindungen, die wir Juden jetzt zu erleiden haben, verdient es ausdrücklich hervorgehoben zu werden, daß es ein Jude gelvesen ist, der die begeisternden .patriotischen Verse geschrieben hat. . Hierauf gab Herr Direktor Dr. Minden eine Uebersicht über die Tätigkeit der Versammlung in den letzten drei Jahren, dankte für das Vertrauen, das ihn: durch die Wahl zum Vorsitzenden erwiesen wurde, und gedachte mit ehrenden Worten der in dieser Zeit dahingeschiedenen Mitglieder. Er schloß die Sitzung mit den Worten: „Es erwecke nicht den Anschein, als ob der Friede in nächster Zeit bei uns einkehren Nverde. Aber hoffen wollen wir es. Gott segne unser deutsches Vaterland und gebe uns Kraft für ein gedeihliches und weiteres Wirken in unserer Gemeinde!" E. M. Berlin, 2. Januar. Tie Berlin c r j ü d i s ch e G e - in e inde ist auf dem Gebiet der Kriegs h i l f e mit vorbildlicher Fürsorglichkeit wiederum über die Leistungen aller Groß-Berliner 'Verwaltungen .hinausgegängen. Während die bisherige Kriegszulage, die für die verheirateten Beamten 30 Mark, für die unverheirateten 20 Mark monatlich betragen, hat, nur den Beamten , mit einem Einkommen unter 5000 Mark bewilligt wurde, soll jetzt den Beamten, die ein Gehalt von 5000 bis 7000 Mark beziehen, eine einmalige Zutage in Höhe von zwei Dritteln ihres Monatsgehaltes bewilligt werden/ Für jedes Kind wird ein einmaliger Betrag von 60 Mark gezahlt, jedoch soll die Gesamtzulage nicht mehr als ein Monatsgehalt betragen. Die Altersgrenze für den Bezug der Kinderzulage wird von 16 auf 18 Jahre hinaufgesetzt, falls die Kinder in diesem Alter noch die Schule, besuchen oder sonst noch keinen ausreichenden Erwerb haben bezw.. noch in Vorbereitung für einen Berus stehen. Für diejenigen Beamten, deren Gehalt weniger als 5000 Mark beträgt, wurde der bisher gewährte Monatssatz von 3 °Mark für jedes Kind ans 5 Mark erhöht. Auch die pensionierten