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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-05 · Heft 1 (5.1.1917) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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■ * ' ■5”; •: . ’-i1 . 'W-^- ./-•••' V-;>•,'> ..." ■• '-■••-.% .. '.^ aber auch scholl durchgejührt sind. Wenn' dieverAsrte Verfasserin der modernen jüdischen Armenpflege .den,.Vorwurf der, „Regellosigkeit und Undiszipliniertheit" machte so Mt "dieses' doch zu weit.-Daß eine „religiöse Wohltat" unter Umstünden eine „soziale Missetat" werden kann, gebe ich zu. ÜDlctn hat sich aber auf dem Gebiete der jüdischen Armenpflege., was nicht verkannt werden sollte, seit Jahrzehnten eifrig bemüht, Herz und Verstand beim Geben in Einklang zn bringen. Ganz und gar den Grundsätzen der interkonfessionellen Armenpflege zu folgen vermag aber die jüdische Armenpflege nicht, denn dann wäre sie nicht mehr eine jüdische Armenpflege. Mißbräuchlicher Inanspruchnahme der jüdisclZen Armenpflege wird z. B. in Berlin seit mehr als zwei Jahrzehnten durch Einrichtung der Zentralstelle (Anskunftsstelle) tunlichst vorgebeugt. Alle größeren jüdischen Gemeinden, voran natürlich die Großgemeinde Berlin, haben seit etwa drei Jahrzehnten eine Neugestaltung der Armenpflege in die Wege geleitet, diese auf sozialem Fundamente ausgebaut und mit Erfolg durchgeführt. Ueberall ist man bestrebt, auf armenpflegerischen Gebiete erzieherisch zu wirken: „Nicht nur zu geben, sondern zu helfen." Ein ganzes Heer von Beamteten widmet — sowohl im Ehrenamt, wie im besoldeten — der modernen jüdischen Armenpflege h i u ge b u n g s- und verständnisvoll seine Kräfte. Wenn die verehrte. Verfasserin dem Judentum bei nicht strengster Durchführung der von ihr vorgeschlagenen sozialen Reformen auf dem Gebiete der werktätigen Nächstenliebe in absehbarer Zeit die. Auflösung prognostiziert, so ist diese Auffassung doch wohl allzu Pessimistisch. Die jüdische Wohltätigkeitspflege, eine der drei Grundsäulen des Judentums, bedurfte, wie allgemein zugegeben werden wird, gewisser Reformen und bedarf deren aitcf) noch fernerhin. Wie sich die jüdische 'Armenpflege aber auch in Zukunft äußerlich gestalten möge, das Judentum wird. wie seit mehreren tausend Jahren, auch fernerhin vor dem Untergange bewahrt bleiben. Auf keinem- Gebiete des Judentums gibt es ein so ausgeprägtes Gemeinschafttichkeits- und Vernntwortlichkeitsgefühl wie auf dem der Wohltätigkeit, das sich allzeit unabhängig erwiesen hat von der religiösen Richtung des e i n z e l n e n. Hochachtungsvoll Nathan E o h n , Burealtvorsteher. * Sehr geehrter Herr Geheimrät! In der letzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" unter Miszellen sprechen Sie Ihr Befremden aus über eine Bemerkung in „Grupps Kulturgeschichte" ' betreffs jüdischem Sklavenhandel. Ich gestattete mir, Sie auf mein Buch „Der Geldhandel der deutschen Juden während des Mittelalters" (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen von Schmoller, Heft 152, Leipzig 1910) hinzuweisen, lvo in § 3 S. 15 bis 19 über jüdischen Sklavenhandel im Mittelalter nach jüdischen und christlichen Quellen abgehandelt wird. Es wurde tatsächlich auch von Juden ein schwunghafter Sklavenhandel betrieben, was natürlich nicht von unserem heutigen Standpunkt, sondern nach den damaligen historischen Verhältnissen zu beurteilen ist. Die Zeugnisse beginnen mit dem frühesten Mittelalter und reichen bis 1209. Hochachtend Dr. H o f f m a n n. * Hochgeehrter Herr Geheimrat! Soeben lese ich in der jüngsten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Ihre Miszellen. Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß in Nr. 3, „Die weinende Rahel", der Titel sich auf Jeremia 31, 14 bezieht: „Eine Stimme wird in Ramah vernommen, Wehklagen, bitteres Weinen, Rahel weint um ihre Kinder, sie weigert sich, sich um ihre Kinder trösten zu lassen . . Vgl. auch daselbst V. 17 ff., wo von Abtrünnigen die Rede ist. Bruchsal, 23. Dezember 1916. In vorzüglicher Hochachtung Dr. G r z h m i s ch. O Jüdisch-Deutsch. An die Mitteilung von der Einstellung des Erscheinens der einzigen hebräischen Zeitschrift „Hazesirah" aus Mangel an Abonnenten knüpft die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Gemeindebote Nr. 50 „Von Nah und Fern") das berechtigte Bedauern: „Ein trauriges Zeichen der Zeit." „Die Magd hat die Herrin verdrängt." 1 „Nicht Hebräisch, sondern Jiddisch, der gelbe Fleck des Golut, soll auch ferner die Sprache der Juden sein!" In der Hauptsache ist und soll. dM Jüdisch-Deutsch die deutsche Schriftsprache. in hebräischen Lettern sein, welches sich zu einem eigenartigen Jargon — ohne jegliche Grammatik — äilsgebildet hat. Spezifisch Jüdisches enthält der Wortschatz des Jargons sehr wenig, außer Begriffsformen, mit denen die hebräischen 'Studien und das Judentum vertraut machten. V In der Jüdischen Presse" Nr. 27 wird selbst namens der „Deutschen Tageszeitung" hervorgehoben, daß die Ähnlichkeit des sogenannten Jiddisch — die Sprache der Ostjuden — mit mancher süddeutschen Mundart es unseren Truppen ermöglicht, mit der dort sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung ohne Schwierigkeit zu verkehren.. Es wird ein Aussatz aus der „Grodnoer Zeitung" wiedergegeben, inwieweit die sprachstammliche Verwandtschaft mit dem Deutschen auch'.sprach-, geistiger Natur ist. Und eigentümlich, in diesem „jiddischen" Aufsatz ist der tatsächliche Gehalt jüdischen Sprachguts verschwindend wenig; unter etwa 300 Wörtern sind bloß 8 hebräische Ausdrücke, 1 russisch; das Ganze ist ein altes, noch unentwickeltes Deutschwelches die Sprache, der Ostjuden ist. In aller Würdigung dieses Jargons als Mittler und Künder des Deutschtums in den polnischen Landen ist er nicht in einem Atemzuge mit unserer altehrwürdigen klassischen hebräischen Sprache zu nennen. Und doch, „sie setzten mich zur Weinberghüterin; meinen Weinberg, der mir eigen, habe ich nicht gehütet". Es ist vollkonnnen einleuchtend, wenn Grätz die Uebersetzung seiner „Volkstümlichen Geschichte der Juden" in den Jargon kategorisch mißbilligte; an die große Geschichte der Juden in elf Bänden wagte sich schon kein Jargonübersetzer heran, und selbst zu einer Uebersetzung der kleineren Volkstümlichen lehnte unser Geschichtschreiber die Erlaubnis entschieden ab. Seine diesbezügliche Antwort an Dr. S. Skomorowsky (Kiew) vom 9. Dezenrber 1887 lautet: „Gegen eine Uebersetzung meiner „Volkstümlichen Geschichte der Juden" im jüdischen Jargon m u ß.ich entschieden E i n s p r u ch erheben. Ein Jargon ist eine große Schmach für eine Volksklasse. Ich sage mit Rabbi Jehuda Hanassi: JlV? •»3V Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Doktor, eine solche Schandung meiner Geschichte zu verhindern." (Wochenschrift „Hamagid" (Lhck 1888) Nr. 5.) Gleichlautend ist der Spruch eines unserer alten Geistessürsten, des Patriarchen „Rabbi", für die Gegenwart: „Wozu denn die Mischsprache? Entweder die heilige h ebräische Sprache oder die L a n d e s s p r a ch e." Jeder andere große Gelehrte würde sich genau ebenso aus ästhetischen Gründen verbeten haben, feine modernen, in glänzend schöner Sprache verfaßten Werke in eine völlig unentwickelte, kulturell entlegene Sprache zu umschreiben. Ins Hebräische ist wohl die große Geschichte der Juden von Grätz mit freudiger Genugtuung des Verfassers und mit Subvention der größten jüdischen Organisation (Alliance) übertragen worden. Damals vor bald dreißig Jahren existierte eine ganze Anzahl hebräischer Tageszeitungen, Wochenschriften und Jahrbücher. Das nationale jüdische Leben war rege, und von keiner Seite ist die Absage des Geschichtschreibers an den Jargon irgendwie beanstandet worden; niemand hatte für die erborgte Sprache des Alltags — den Jargon — den Nimbus einer Nationalsprache beansprucht. Der geniale hebräische Denker Achad-Haam löst aus in seinem trefflichen Essai „Ein Sprachenstreit" hellseherische Sätze: „Erst jetzt, da der Jargon selbst aus dem Leben zu schwinden beginnt, verdunkelt, sich gleichzeitig auch das lebendige Empfinden in bezug auf seine Stellung und den Wert, den er sich im Herzen des Volkes erworben, und darum ist es jetzt möglich, ihn in einer romantischen Perspektive zu erblicken, ihm Kronen anzudichten, die er nicht besitzt, als ob er wirklich dem Volke lieb und wert wäre, wie dies bei einer Nationalsprache der Fall ist." „Was für künftige Geschlechter aufbewahrt zu werden verdient/ wird in hebräischer Uebersetzung bleiben, ebenso wie dies mit den Büchern , geschah, die arabisch und in anderen Sprachen geschrieben wurden, und alles übrige wird mit dem Jargon vergessen werden und spurlos vergehen. Kann denn ein Mensch daran zweifeln, daß der Jargon in zwei bis drei Generationen vergessen sein wird? Es ist ganz gleich, ob wir es wollen oder nicht — den Lauf des Lebens vermögen wir nicht zu ändern." Memel, 21. Dezember 1916. Leon S ch e i n h a u s.

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