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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-05 · Heft 1 (5.1.1917) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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so viel Güte wieder gutzumachen bemüht war.' Auch jetzt warf er auf Branicky einen Blick, wie das verwundete Reh auf seine Jäger. In seinen traurigen Augen blitzte die schmerzliche Frage auf: Was willst du von mir? Weißt du nicht, daß die Wunden noch bluten? ... Nun sprach er kein Wort mehr; ein dunkler Schmerz Prägte sich in seinem Antlitz aus. Still blickte er von einem Gast zum anderen. Man merkte es ihm an, daß es ihm lieb gewesen wäre, wenn sich jetzt alle nach Hause begeben hätten. Er wäre gern allein geblieben, allein mit seinen Gedanken. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. H e b r ä i f ch e Grabsteine aus dem 13. bis 15. Jahrhundert in Wien und Umgebung.. Bon Dr. Bernhard W a ch - st ei n. Mit sieben Textabbildungen und vier Tafeln. Vorgelegt in der Sitzung am 1. Dezember 1915. Wien 1916. In Kommission bei Alfred Holder, k. u. k. Hof- und Universitätsbuchhändler der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Die Mitteilung alter, größtenteils defekter Grabsteine durch Wachstein ist höchst interessant; mit großer Kenntnis und vorsichtigen Konjekturen versucht der Herausgeber die schwer lesbaren Inschriften zu entziffern und gibt ausreichende Erklärungen zu seinem Text. Die Persönlichkeiten, deren Grabsteine hier veröffentlicht werden, bieten kein sonderliches Interesse, auch die Inschriften selbst, ebenso die Namen, unter denen mir Proba ausgefallen ist, sind nicht wesentlich neu. „Wenige und trübe waren seine Tage," heißt es in einer Inschrift; bei einem anderen, der erschlagen wurde, wird, wie mir scheint, nicht recht jüdisch gesagt „und so räche Gott sein Blut vor unseren Augen." Höchst merkwürdig ist die Inschrift: „Tie Säulen des Himmels erzitterten, die Grundfesten der Welt erbebten, Sonne und Mond verhüllten ihr Angesicht, Orion und Plejaden beugten ihr Haupt und die Hände des heiligen Volkes erschlafften, als verschieden ist Jizrach, der im Himmel verlangt wurde." Ueber diesen Jizrach wünschten wir nähere Mitteilung, erhalten sie aber leider nicht, auch über die auffällige Erwähnung des Orion und der Plejaden in einem jüdischen Grabsteine älterer Zeit empfangen wir keine weitere Belehrung. Doch sollen diese Bemerkungen nicht etwa einen Tadel des fleißigen und umsichtigen Herausgebers bedeuten; Altertumsfreunde werden gewiß auch diese neue Gabe des wackeren Gelehrten nach ihrem Wert zu schätzen wissen. L. G. * — D i e s r e m d e Frau. Von Paul Zisferer. Verlag von L. Fischer, Berlin. Nicht vom rein literarischen Standpunkt möchte ich hier diesen Roman aus dem österreichischen Judentum betrachten, um so weniger, als die reichsdeutsche nichtjüdische Presse und Lesewelt den künstlerischen Qualitäten nnb der ernsten Führung des Buches schon weit mehr Beachtung geschenkt hat als die leichtlebigere Heimat, in der der Leser mehr auf flüchtige Unterhaltung ausgeht. Bei unserer treuen Blutsbrüderschaft darf aber jedes Werk, das geeignet ist, deutsches und österreichisches Judentum einander seelisch näherzubringen, hüben und drüben auf erhöhtes Interesse rechnen. Deutsches und österreichisches Judentum! Innig verwandt und doch grundverschieden, so verschieden fast wie der Feind, gegen den es sich hüben und drüber: zu wehren hat, da der Antisemitismus bei uns und im Reich so verschiedene Formen angenommen hat. Das österreichische Judentum eine Zusammenfassung, die aus so vielen Partikularitäten zusammengesetzt ist und gerade aus diesen den Jung? brunnen seiner geistigen Kraft schöpft wie die gegenwärtig sich verjüngende Monarchie selbst. Wir haben nicht mir den Unterschied zwischen Ost- und Westjuden wie in Preußen, wo er selbst in „Jettchen Gebert" seinen literarischen Niederschlag gefunden, wir haben den zwischen Aschkenasim und Sephardim — und diese werden, je mehr unser Adler seine Fänge gegen den Balkan ausstreckt, eine unerwartet wichtige politische und geistige Rolle spielen —, sondern welche Mannigfaltigkeit selbst im deutschösterreichischen Judentum, das ja leider in den letzten Jahrzehnten so viele junge und schöpferische Kräfte an das Tschechentum, Polentum, Magharentum abgegeben hat. In echt jüdischer Weise muß der Witz in mehr oder weniger harmloser Art 10 -- ' : ' die Unterschiede zwischen böhmischem,, mährischem-pnd. ungarischem Judentum bei uns beleuchten,mnd erhellen. Aber welche Unterschiede erst im Wiener Judentum, einer Zusämmenfassung aller obiger Einzeleigenarten, wobei allerdings bedeutsame, befruchtende Faktoren stets aus dem Reich zuströmen. Ein eingeborenes Wiener Jndentum existiert kaum, die „Stadt - der Phaaken" verbraucht die jüdischen Schichten noch rascher als die übrigen; nur wenige können, wie ich, die Gräber ihrer Ahnen auf dem 1683 anfgekasseuen und poetischsten der Wiener Friedhöfe besuchen; die Kreise,, welche das Wiener. Inders tum. ausmachen sollten, die Nachkommen der. wenigen „Tolerierten", sind ja größtenteils so restlos im Adel und Hochadel aufgeganben, daß jetzt, nach hundert Jahren, den Abkömmlingen meist selbst die Kenntnis ihrer jüdischen Abstammung entschwunden ist. Sv ist Vas Wiener Judentum gänzlich auf die' Einwanderung von der Provinz angewiesen. Wien verwandelt die Söhne des Handwerker- und des Handelsstandes zu geistigen Arbeitern, führt sie in der nächsten Generation in soziale Höhe, verbraucht sie, oder gibt sie in das Christentum in-der dritten ab. . , . Diese Wechselwirkung zwischen Stadt und. Land will nun Zisferer in seiner Romanreihe schildern, nach den „Ahnen" und den „Buddenbrooks" der erste jüdische Familienzhklus unserer Literatur,. von dem „Die fremde Frau" der Anfang ist. Wenn unser, gleichfalls dem Judentum entstammender erster österreichischer Dichter^ Hugo von Hofmannsthal, neulich in seinem Vortrag vor dem deutschen Oberkommando in Warschau stolz unsere österreichische Literatur eine Literatur von Bauernsöhnen und -enkeln genannt hat und sie in ihrer Urwüchsigkeit, Volkstümlichkeit und Bodenbeständigkeit in Gegensatz zur deutschen Bildüngsliteratnr der.Pastorenföhne und -enkel gestellt hat,. so gilt dies merkwürdigerweise auch von dein jüdischen Großbauernabkömmling Zisferer, der durch die bunten Zufälle des Lebens seine Jugend in den höchster: aristokratischen Kreisen vor: Paris verlebt hat. Trotzdem darf Zisferer in mehr als einen: Sinne von seiner Kunst das Nosegger-Wort anwenden: „Meine Poesie ist ein Kind, das jeden Vorübergehenden freundlich anlacht, aber sich nicht von der Rockfalte der Mutter trennt", die Mutter, welche hier das mährische Judentum in seiner großbäuerlichen Gestalt ist. Das Buch spielt in einen: mährischen, in nächster Nähe der . ungarischen Grenze liegenden Wallfahrtsort, dessen Unterschicht slowakisch, die Oberschicht deutsch ist. In diesen Ort ist nun durch ein durch kriegerisches Verdienst von der Kaiserin Maria Theresia erworbenes Privileg ganz vereinzelt die jüdische Großbauern-, Brenner- und Bauernsamilie gestellt, die bei voller Wahrung ihrer. Religion und Sitten vollkommen im Bauerntum ausgegangen ist. Verhältnisse, wie sie bei uns, die meist keinen Mittelbesttz wie in Deutschland, sondern Großgrundbesitz und Bauerntum kennen, ganz gewöhnlich sind. Trotzdem beherrscht die Familie durch Betriebsamkeit, Sparsamkeit, höhere geistige Regsamkeit nach oben und unten die Stadt, gibt der Unterschicht Arbeit und Verdienstmöglichkeit, wirft bei aller Kleinlichkeit Licht und Sonne in das Leben der protestantischen und katholischen Kinderweltermöglicht durch ihre Kapitalskrast erst die Industrialisierung des Ortes, schenkt ihm den Abgeordneten, den Arzt, erhebt ihn zur Stadt, zun: Kurort, hält sich streng konservativ zum Hochadel, zur Kirche, die ihr die Erwerbsmöglichkeiten gibt, ist der geistige Mittelpunkt aller, wie wirklich in mährischen Orten alles, meist der Pfarrer an der Spitze, nach der Kirche „zum Juden" zusammenströmt, um die Wochenereignisse zn besprechen. Wie Zisferer aber einem Volke entstammt, wo die Frau nicht nur symbolisch - das Licht entzündet, so. gehl wie alle Lebenskräfte der-Stadt von dem düsteren jüdischen Patrizierhanse wieder alles Leben im Hause von der. armen jüdischen Hausiererstochtev aus, welche der Sohn in eigensinniger. Liebe aus der schweifenden Unterschicht in die seßhafte Oberschicht gehoben, die als legitime Gattin im Stall die Brautnacht und das Wochenbett durchleben muß, deren Reiz aber alle schließlich bezwingt. Eine jüdische und österreichische Figur in ihrer sittlichen Größe, ihren Sonderlingsinstinktenihren ästhetischen Neigungen, die bei uns selbst die Aermsten durchdringen, ihrem Wachstum im Ringen mit dem- Slawentum, ihrer absichtlich im Helldunkel gehaltenen Gestalt, deres nirgends wohler wird wie in den Dämmerstunden. Eine Frau, die den Sohn in andere Sphären hebt und vermutlich iw nächsten Roman die feste Stütze seines Großstadthauses werden wird, wie sie das sinkende und wankende ländliche allein aufrechterhält, während die eingeborenen

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