Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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deshalb wird der Betreffende gehängt.aber Konföderation ist eben ^HWtKonföderation, und däs-ist nicht strafbar. ' Mei diefer Erllärüng bevuhigte sich die Dienerschaft, nur der Küchenmeister machte ein bekümmertes Gesicht. »Ich sage nur das eine, es wird ein großes Unglück entstehen; auch in Podolien meinte man, daß es nur eine Konföderation sei.Jch diente damals bei. dem Grafen v. Krasinsky, und es kamen russische, Soldaten und haben alle erstochen, a«ch die Dienerschaft, und nur ich allein konnte flüchten. Ich wiederhole.- daß daraus großes Unheil entstehen wird." „Jene machten gegen die Russen eine Konföderation," beruhigte ihn der Lakai, „aber unser Herr ist ein Verwandter ches Königs und hält es mit den Russen." Diese. Erläuterung beruhigte auch den Küchenmeister und ly aller Seelenruhe schlug er nun wieder die Sahne für die ^"'WiiDHltzentze Nachspeise. Drinnen im großen Saale hielt gerade der Fürst Radziwill üM Sitvmir eine Rede: " „Wir dürfen niemand vertrauen als uns selbst! Auf dem polnischen Thron sitzt ein Piast, Blut von unserem Blute, aber tt'wagt keinen Schritt zu tun ohne die russische Zarin, und von der Zarewnä kann man nie wissen, was sie im Schilde fichrt. Warschau ist von 40 000 Soldaten besetzt. An der ungarischen Grenze lagern in dem verpfändeten polnischen Zips 50 000 Oesterreicher und von Danzig her nahen 30 000 preußische Bewaffnete. Was will man von uns? Der König von Preußen und der österreichische Thronfolger hatten schon zweimal eine Zusammenkunft in Neustadt, und zwischen der Zarin und dem König sind die Kuriere fortwährend unterwegs. Diese Wölfe werden uns zerreißen, und wir zanken uns -wegen des Glaubens, anstatt daß wir Wacht halten. Wir alle, die wir treue Söhne Polens sind, müssen einig Zusammenhalten!" „Aber wenn die Katholiken die Andersgläubigen des Rechtes, Aemter zu bekleiden, verlustig erklärt haben?" warf Herr v. Podosky dazwischen. „Und der Bischof von Krakau hat wieder einen Brief vom Papst erhalten, daß man den ungläubigen Bekennern der griechischen Orthodoxie keine Rechte tzinräumen sollte", ergänzte ein zweiter. „Will man denn die Thorner Dissidentenmetzeleien wiederholen?" „Die Jesuiten Hetzen wieder gegen uns!" . „Man muß mit ihnen so Verfahren wie in Podolien." Als alle diese Zwischenrufe verstummten, erhob Fürst von Radziwill sein Glas und beendete seinen Toast mit den Worten: „Wir dürfen unseren Brüdern gegenüber keine Ungeduld Munden. Geben wir uns Mühe, alle einig zu sein, ob Katholiken oder Griechisch-Orthodöxe, ob Protestanten »der Calvinisten." „Oder Juden!" warf lachend der temperamentvolle Herr v. Branicky dazwischen, der sich nicht länger mäßigen konnte. Kaum eicklangen diese Worte, als der ganze Saal in ein homerisches Gelächter ausbrach. Die hitzige Stimmung ging im Gelächter unter. Und als wenn in diesen beiden Worten ein eigentümlicher Zauber verborgen gewesen wäre, der nach Belieben die Menschen umgestalten könnte, besiegte der Unterhaltungstrieb die Revolutionäre. Halb berauscht griffen sie nach ihren Masern und tranken dem ausgelassenen Junker zu. „Hoch, Branicky!" '„Ttinken wir auf seine Gesundheit!" „Morgen ist ja auch noch Zeit, traurig zu sein!" " „Es lebe Branicky!" „Und die Juden!" Auf diesen Zwischenruf folgte aufs neue wieherndes Gelächter. Der alte Graf Lescinsky, der nie von etwas sprach, ohne seine „ehemaligen königlichen Verwandten" erwähnt zu haben, beeilte sich, die Gelegenheit zu ergreifen: „Ihr lacht, und doch sind das sehr traurige Sachen. Ja, als noch ein Blutsverwandter von mir auf dem polnischen Throne saß, war das ganz anders. Damals gab es keinen Glaubensunterschied. Damals wurde derjenige, der kein Katholik war, nicht als Dissident verspottet. Alsbald wird man ihn wohl einen Juden schimpfen." „Es lebe Lescinsky!" klang es von allen Seiten. „Trinken wir auf das Wohl des wackeren verewigten Königs!" Die Gläser wurden rasch hintereinander gefüllt und leerten sich ebenso schnell wieder; der Saal erfüllte sich mit Weindunst und Tabakrauch. Herr v. Branicky streckte seine beiden Beine auf den Tisch, während er seine Hände faltete und es sich auf dem Fauteuil bequem machte. Dann schrie er mit heiserer Stimme: „Hört, ihr Freunde, heute habe ich einen großartigen Spaß mit meinem jüdischen Pächter gehabt. Er kam ins Schloß, um seine Pacht für den Sommer zu bezahlen. Ich führte ihn ins Empfangszimmer, nahm ihm das Geld ab und bot ihm dann Schinken und Wein an. Der Jude zog sich entsetzt zurück, ich aber brüllte ihn an: „Wenn dein Herr dir etwas anbietet, so mußt du es essen!" Der Jude begann an seinem Bart zu kauen; da ries ich zwei Knechte herein. Der eine packte ihn bei der Hand, während der andere ihm den Wein heruntergoß und auch ein paar Stücke Schinken in den Mund stopfte. Der Jude kreischte aus wie ein Schakal - wir haben uns großartig unterhalten." „Mein Jude war noch viel prächtiger", unterbrach ihn Herr v. Podosky. „Statt daß er mir die Pacht, die ich so notwendig hatte, gebracht hätte, kam er, um mich anzuflehen, noch einige Monate zu warten, da er wegen des großen Schneefalls den ganzen Winter nichts verdient habe. „Gut denn, ich will warten," sagte ich, „aber du mußt mir deinen Bart und deine Ohrlöckchen zum Pfände lassen." Hierauf ließ ich den Kutscher hercinrufen und er schnitt dem Juden den Bart und die „Peies" radikal ab. Aber da begann der Unglückselige zu schreien: „Wie, soll ich so geschändet nach Hause gehen?" Worauf ich erwiderte: „Nun gut, geh' nicht weg, sondern bleib' hier, bis dein- Bart wieder gewachsen ist." Dann gab ich dem Kutscher den Befehl, den Juden ins Kellergesängnis zu werfen." „Ja, dann wird er aber nichts verdienen und nicht zahlen können", bemerkte der sanfte Graf v. Ponyatovsky, der Schloßherr von Radom. „Seit wann bist du der Patron der Söhne Jakobs geworden?" warf der Besitzer von Sitomir ein. „Auch du hast deinem Pächter anders gepredigt, solange du einen hattest," ergänzte Herr v. Zartoriskh. „Ja, du hast gut reden, da dich der Jude so meidet wie schlechtes Geld." „Na, Ponyatovsky, du hast doch aber deinem Juden damals eine schöne Bescherung zuteil werden lassen. Es ist kein Wunder, daß du seit jener Zeit keinen Pächter mehr hast!" Diefe letzte Bemerkung machte wieder der zügellose Herr v. Branicky, der seit seinen vorigen Zwischenbemerkungen wieder einige Gläser hinter die Binde gegosfen hatte und dessen Stimme jetzt ganz heiser war. In nüchternem Zustande hätte er vielleicht den Schloßherrn mit dieser Rückerinnerung verschont, denn er wußte ja selbst, daß sich der Graf v. Ponyatovsky seit jener Zeit ganz verändert hatte, und daß sich seiner immer eine große Traurigkeit bemächtigte, wenn er an diesen entsetzlichen Fall dachte, den er nachher mit