Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Geiger einen Platz innerhalbdcr Gemeindeverwaltung zu verschaffen, so hat er sich durch, hervorragende Verdienste um die Entwicklung der Gemeinde, um die liberale Sache in ganz Deutschland und um die gemeinsamen Angelegenheiten des deutschen Judentums erworben. In dem Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeindeleben, den sein hochbegabter Schwager, der viel zu früh dahingegangene Fritz Auerbach, begründet hatte, entfaltete Berthold Geiger vornehmlich in dem ersten Jahrzehnt seines Bestehens. eine rege Tätigkeit. Als sich -dann bald nach der Wende des Jahrhunderts hervorragende Männer zusanunensanden, um einer Stagnation und Gleichgültigkeit entgegenzuarbeiten, die sich innerhalb der Frankfurter Gemeinde geltend machte, trat Berthold Geiger zusammen mit Julius Plotke an die Spitze dieser Vereinigung. Sie hatte es sich zunächst zum Ziele gesetzt, die Teilnahme der liberalen Gemeindemitgliedex an der religiösen Betätigung neu zu beleben und ihrer Initiative ist es zu danken, daß aus kleinen Anfängen allmählich eine Reform des Gottesdienstes durch Verkürzung seiner Dauer, durch Beseitigung der vielfachen Wiederholungen und durch stärkere Betonung der deutschen Muttersprache erwuchs, die in dem Seligmannschen Gebetbuche den Abschluß fand; wenn, jetzt in dem -wundervollen Gotteshause an der Königsteiner Straße ein Gottesdienst gehalten wird, der einen erheblichen Fortschritt über die Reformen Abraham Geigers hinaus bedeutet und der als der liberalste Gottesdienst in einer Gemeindesynagvge Deutschlands gelten kann, so darf Berthold Geiger sich ein hervorragendes Verdienst an dieser neuen Schöpfung zuschreiben. Als weitere Aufgabe hatte die Vereinigung, der Geiger vorsaß, sich die Zusammenfassung des gesamten deutschen Judentums zu einer einheitlichen Organisation vorgezeichnet. In zäher Arbeit gelang es, diese Bestrebungen mit dem zuerst von Martin Philippsohn verfochtenen Gedanken eines „Judentags" zu verbinden. Aus diesen Bemühungen heraus erwuchs der Verband der deutschen Juden, und es war. wohl einer der Höhepunkte in Berthold Geigers Leben, als er die Versammlung leitete, aus welcher die Gründung des Verbundes, dessen Ausschuß er noch heute angehört, endlich in die Wege geleitet wurde. Der Ueberblick über Berthold Geigers umfassendes Wirken wäre unvollständig, wenn man nicht der sozialen Tätigkeit gedenken wollte, die er seit vierzig Jahren als Senior nnd eigentlicher Leiter der „Versorgungsanstalt für Israeliten" in Frankfurt am Main und in anderen wohltätigen Vereinigungen ausübt, und wenn man nicht darauf Hinweisen würde, wie vielen er im Verborgenen Gutes erwiesen hat. Gerade diese Seite seines Wesens kennzeichnet ihn, denn hinter einer anscheinend rauhen Schale birgt sich bei dem aufrechten Manne das gütigste Mitempfinden für die Not anderer, hinter seinem heute noch oft jugendlich dahinbrausenden Temperament eine reine Seele, und weit mehr als alle äußeren Ehren bedeutet ihm das Glück, das er im Kreise seiner Lieben findet,.und die Freude, die er genießt, wenn an den Freitagabenden Familie und Freunde sich zu behaglicher Geselligkeit in seinem gastlichen Hanse zusammensinden. Die ungebrochene Schaffenslust Berthold Geigers gibt uns die -Hoffnung, daß wir seine kraftvolle Erscheinung noch lange Jahre in den vordersten Reihen des liberalen deutschen Judentums finden nwrden, das allen Grund hat, ihn mit Stolz und Dankbarkeit den Seinen zu nennen. .- * Sri verlorene Sohn. Von Joseph Patau.- - - Erzählung ausdein Zeitalter der Teilung Polens. .. . , Einzig berechtigte llebersetzung-ans dem Magyarischen . von Dr.vAdol ph K oh üll. . ,, (Aachdruck 'verböte»!.)- Festungspalais neben der russisch-polnischen Stadt Radom sah Wohl noch nie eine so traurigeUnterhaltung wie die im Mai des Jahres 1772.. Die Marfeste der Grafen v. Ponyatovsky pflegten jahraus,-jahrein so. geräuschvoll vor sich zu gehen, daß die Einwohner des, StäÄchxns wegen des ihre Ruhe störenden.Treibens in der Rächt zu murren begannen. Aber es gab noch andere ,Grün-deJwaruin . man bei solchen Anlässen Klagen. erhob. Doch geschah dies mir zu Hause, im Familienkreise, zwischen denvier,Wänden; denn niemand hätte, es gern gehabt, daß seine Beschwerden zu den. Ohren des Schloßherrn gelangt wären, wenn man auch sich zuflüsterte, daß in der letzten Zeit der Graf nicht mehr so streng sei wie früher- Die Marunterhaltungen des Jahres 1772 unterschieden sich darin von den früheren Belustigungen, daß nur Männer erschienen, während sonst die Damen in der Mehrheit gewesen waren. Da man nicht tanzte, gab es auch keine Musik nnd keine Musiker, und während des ganzen Abends herrschte eine incrklvürdige Stille. Selbst der etvig jugendliche Herr v. Branicky, der sonst immer die ganze Gesellschaft durch seine sprühenden Einfälle zu belustigen verstand, lauschte diesmal aufmerksam auf die nacheinander ausgebrachten Trinksprüche und warf nur ab und zu ein heftig widersprechendes Wort dazwischen, worauf dann eine leidenschaftliche Debatte entstand. Auch den aus hundertjährigem Silbergeschirr aufgetragenen feinen Speisen wurde diesmal nicht so fleißig zugesprochen. Die Dienerschaft wartete mit Ungeduld, daßdie Schüsseln geleert würden; dann zog sie sich rasch, aber mit Würde in die Küche zurück und raunte den Köchen mit wichtigen Mienen zu: „Konföderation!" Der Küchenmeister erbleichte, und als das Stubenmädchen in der Küche erschien, um nach einer neuen Portion zu sehen, teilte er es auch ihr mit und sagte ebenfalls flüsternd: „Konföderation!" ’ . Das Stubenmädchen veränderte die Farbe und floh aus der. Küche. Und schon nach wenigen Minuten wußte die ganze Dienerschaft, daß in dem großen Saale des. Schlosses eine Konföderation abgehalten wurde, worauf sich dann alle voll Entsetzen in her Küche. zusammenrotteten, um die neuesten Nachrichten kennenzuternen. Immer wenn ein Diener mit llcren Platten aus dem Saale kam, stürzten sich alle auf ihn mit den Fragen: , i i; Nun, wie wird's denn? Wird man den König töten? Kommen die Soldaten? Wer wird der neue König sein? Und wird man das Schloß nicht in die Luft-sprepgen? * Und unser Herr zettelt die Verschwörung ar»? V Der alles wissende Hauptlakai indes, der sehr viel durch das Anhören der Unterhaltungen her Herren gelernt hatte, erklärte den wesentlichen Unterschied zwischen „Verschwörung" nnd „Konföderation". . . Z