Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229287--72792-3285236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. -.DA. JüdM^Mnbevgs, die M Fünftel der Einwohnerzahl chMHacheü HW VÜV^ Mmyhner^ — 46VV9 Juden), leben HauptschWchvom Handel, vertreten aber auch den Handwerkerstand voll und ganz. So steht man Juden als Schmiede, Wh«ster) Mechaniker, Schlosser, Träger usw. Diese letzteren Men in einem Viertel für sich. Die Bessersituierten sind in der ganzen Stadt wohnhaft. Die offizielle Sprache ist die polnische. Nur die Jllden und die wenigen Deutschen (jetzt sind ungeheuer viele deutsche Soldaten hier) sprechen Deutsch. Die Juden sind die Träger und Erhalter der deutschen Sprache. Sie sind die Vermittler. Sie helfen uns in allen Hinsichten. Nur derjenige, der in die Lage kommt, in einer solchen Gegend, wo nur Slawisch gesprochen wird, einige Zeit verbringen zu müssen, nur, der kann es bewerten, was für einen Kulturwert die Juden besitzen. Ihre Güte und ihr Mitgefühl sind weltgeschichtlich. . „Sei hilfreich und edel," hat Goethe gesagt; das trW bei ihnen wörtlich zu. Ich bin noch keinem Juden begegnender mich nicht unterstützt, mir geholfen hätte, und wäre ihm dadurch ein Nachteil entstanden. Sein Herz trägt er zur Schau. Die Lemberger Juden besitzen ein jüdisches Theater, wo „Isaak auf dem Altar" usw. aufgeführt wird. Hin täglich im Jargon erscheinendes Tageblatt hält die jüdische Bevölkerung auf dem laufenden. Das Blatt bringt die Generalstabsberichte, die Verordnungen, lokale Berichte usw. Erst die Geschichte dieses Krieges wird das Gute ans Licht bringen, das die Juden für ihr Vaterland getan haben. Erst dann werden wir erfahren, wieviel jüdisches, hoffnungsvolles Leben der heißen Scholle geopfert wurde. Wir wollen hoffen — da wir Juden sind —, daß wir diese Opfer nicht vergebens gebracht haben, daß man uns nicht sagen wird: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, nun kann er gehen, sondern: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, und nun soll er den änderen Bürgern gleichberechigt sein. Fiat! ' Geh. 5ufti?rat Dr. lö. Gngrr. Von E d. B a e r w a l d. m 6. Januar 1917 begeht Geh: Justizrat Dr. Berthold Geiger in Frankfurt a. M. den siebzigsten Geburtstag. Dem ältesten Sohn Abraham Geigers, des großen Reformators des Judentums, gilt bei diesem Anlaß herzlichster Gruß und Glückwunsch. In Breslau, zu einer Zeit geboren, in der sein Vater sich in schweren Kämpfen mit den rückständigen Anschauungen Tiktins seine Stellung innerhalb der Gemeinde und der deutschen Judenheit zu begründen wußte, hat Berthold Geiger sein Leben im wesentlichen innerhalb der Mauern der Stadt Frankfurt a. M. zugebracht, in der seine Familie seit Jahrhunderten ansässig ist. Die Studentenzeit führte ihn in die Reihen der Burschenschaft; im Kriege gegen Frankreich betätigte er sich als freiwilliger Krankenträger. Beides Zeichen der freiheitlich-vaterländischen Gesinnung, die ihn sein Leben hindurch beherrschte. Das Referendariat blieb ebenso wie zuvor das Abiturientenexamen dem jungen Ooetor juris erspart, der damit als einer der letzten den Ueberrest der „berechtigten Eigentümlichkeiten" reichsstädtischer Zeit genießen durfte, und so konnte er sich schon mit 22 Jahren als Advokat in Frankfurt a. M. niederlassen. Mt Feuereifer widmete er sich in den ersten Jahrzehnten seiner Tätigkeit, vor allem der Verteidigung in Strafsachen, zu der glänzende Beredsamkeit, scharfe Dialektik und eine angeborene Opposition gegen die Ueberspannung staatlicher Machtfülle ihn besonders hinzogen. Was er in nahezu fünfzig Jahren als begeisterter Anwalt des Rechts geleistet hat, kann an dieser Stelle nicht geschildert werden; es sei nur daraus hingewiesen, daß er nicht in der Arbeit des Tages aufging, es vielmehr als seine Pflicht ansah, seine Bernfsgenossen zu wissenschaftlicher Betätigung, zur Wahrung ihrer Standesinteressen und zur Fürsorge für wirtschaftlich notleidende Mitglieder der Anwaltschaft zusammenzufassen. So wurde er Begründer des Frankfurter Anwaltsvereins, den er seit einem Dierteljahrhundert kraftvoll leitet; jahrelang präsidierte er der Frankfurter Notarvereinigung und übte das mühevolle Amt eines Vertrauensmannes der Hilfskasse für deutsche Rechtsanwälte ans. Seit mehr als zwei Jahrzehnten entsendet ihn das Vertrauen der Anwaltschaft des Oberlandesgerichts Frankfurt a. M. in den Vorstand der Anwaltskammer; seit einem Jahre nimmt er in ihm die Stelle eines Vorsitzenden ein und bekleidet damit das höchste Ehrenamt, das einem Anwalt zuteil werden kann, als erster unter den jüdischen Kollegen seines Bezirks. Schon früh betätigte sich Berthold Geiger auf politischem Gebiet. Er war einer der Gründer des Vereins der Fortschrittspartei in Frankfurt am Main und jahrelang einer ihrer eifrigsten Führer in der Provinz Hessen-Nassau. Als Stadtverordneter entfaltete er nahezu ein Dierteljahrhundert hindurch eine ausgedehnte fruchtbare Tätigkeit als das eifrigste, kritischste und kenntnisreichste Mitglied der Versammlung, und noch heute arbeitet er in städtischen Ehrenämtern, im Kommunal- und Provinziallandtag sowie im Hessen-Naussauischen Provinzialausschuß an vorderster Stelle mit der Kraft eines Jünglings. Daß es den Sohn Abraham Geigers, den Schwiegersohn seines Freundes und Gesinnungsgenossen Jacob Auerbach, schon früh zur Betätigung seiner jüdischen Gesinnung hinzog, erscheint selbstverständlich. Mochten auch die eigenartigen Verhältnisse in der Frankfurter Gemeinde es leider nicht ermöglichen, einer in grundsätzlichen Fragen jedes Kompromiß ablehnenden, scharf ausgeprägten Persönlichkeit wie Berthold Geh. Justizrat Dr. Berthold Geiger in Frankfurt a. M.