Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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so war es dev weittragende Plan Rudolf Mosses, das Anzeigenwesen, in -dem sich Angebot und Nachfrage dev Volkswirtschaft sammeln, auf eine breitere Grundlage zu stellen. Er wollte eine Zentralstelle schaffen die als Vermittlerin.'zwischen Publikum und Zeitung diente und den Verkehr in beiderseitigem Interesse einheitlicher und bequemer gestaltete, ohne die Kosten der einzelnen Anzeige im mindesten 'zu erhöhen. Das Publikum wurde so der Mühe des direkten Verkehrs mit den Zeitungen enthoben und zugleich mit fachkundigen Informationen bedient; für die Zeitungen anderseits ließ sich ein. erheblicher Teil der Arbeit ersparen und der Jnserententreis erweitern. Auf diesen Grundgedanken baute Rudolf Mosse fein Unternehmen auf, das mit kleinen Anfängen einsetzte nlld sich im Lauf der vergangenen fünfzig Jahre ständig vergrößert hat. Aus dem ersten, bescheidenen Jnlandsverkehr hat sich nach und nach ein Weltverkehr entwickelt; an die Stelle der engen Räume, in denen die Firma am 1. Januar 1867 ihre Tätigkeit begann, ist allmählich das riesige Geschäftshaus Jerusalemer und Schützenstraße-Ecke getreten, das ein charakteristisches Wahrzeichen des Berliner Zeitnugsviertels geworden! Wenn man so, wie ichjetzt,-'in einem Zimmer bei einer!; leuchtenden Petroleumlampe sitzt und derartige Zeilen uiederj schreibt, so überfallen einenunheimliche Gedanken. Jndiesem selben Zimmer, am gleichen Tisch, bei der gleichen Lampe Hoden; Russen gesessen. So weiß man nicht, wem der Dank dafür ge- - buhrt, daß man hier so ganz sorgenfrei leben kann. Fast drei- . viertel Jahr hatten die Kosaken diese wichtige Stadt in ihrer Gewalt gehabt. Sie haben getan, was ihnen beliebte. Zerstört haben sie allerdings sehr wenig. Ihre Spezialität waren die Verhaftungen, und zwar hauptsächlich von Juden. Sie konnten die Juden leicht auffinden, da die Polen vor den! Häusern und in den Fenstern — rm Gegensatz zu den ersteren , — Heiligenbilder zu hängen hatten und haben. Es ist mir nun, nachdem ich eine große Strecke Galiziens (Tarnow, I Grodek, Przemhsl usw.) gesehen und Erkundigungen Vorgeist. Hier su\b alle Einrichtungen getroffen, um das inserierende Publikum aufs rascheste fachmännisch zu bedienen; hier sind eine eigene, technisch auf der Höhe stehende Druckerei sowie ein Zeichmbureau und ein photographisches Atelier tätig, um der Annonce die! moderne Ausgestaltung zu geben, die ihr auch-einen künstterischen! Wert verleiht. Dem Hauptgeschäftshaus sind 3 4 S t a d t f i l i a l e n j angegliedert, denen sich 5 B o r o r t f i l i a l e n anschließen. Darüber! hinaus hat die Firma ili allerr großen Plätzen des Deutschen Reiches und im Auslande, insbesondere in Oesterreich-Ungarn und der Schrveiz,! neuerdings auch im Königreich Polen (Warschau), eigene Z lv e i g - > ge schäfte begründet, die den Verkehr des Publikums mit der Zei-! tungswelt vermitteln. Im ganzen sind zurzeit in Berlin 863, außer-! halb Berlins 512 kauftnünnische Beamte tätig. Hinzu kommen noch etwa 260 Agenturen im In- und Ausland. Die Berliner Druckerei | beschäftigt ca. 1000 Personen. j Dein Verkehr mit Publikum und Zeitung dient auch der Z e i - : t u n gskatalog von Rudolf Viosse, ein wvhlbewährter Führer auf j derrr Gebiet der Zeitungsreklame, sowie Rudolf M o s s e s N o r -! mal-Zeilen m e s s e r , der eine sichere Handhabe für die Bestim-! mung der Zeilenzahl bietet, die eine Annonce in'einer velievigen Zeitung einnimmt. Die Tätigkeit der Firma blieb aber keineswegs auf die Anzeigenvermittluug beschränkt, fonbern bald schon gesellte sich zu der Annoncen- Expeditiou eine Verlagsabteilung. Reben den verschiedenen Zeitungen, unter rvelchen das „ B e r l i n er Tageblatt" zuerst ins Leben trat, wurde dem Buchverlag besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auf diesem Gebiet seien der „ B ä d e r - A l m a n ach " , das bekannte Buch für die gesamte Aerztewelt, und das „Deutsche Reichs- A d r e ß b u ch für I n d n st r i e, G e w e r b e u n d H a n d e l" in erster Linie genannt. Die neueste Erscheinung des Adreßbnch-Berlages ist ein G e s a m t a d r e ß b n ch des Königreichs Pole n. Nach dem Tode des früheren Mitinhabers der Firma, Emil Blosse, steht, zusammen mit dem jetzigen Teilnehmer, Herrn Hans Lachrnann- Mosse, Herr Rudolf Mosse nach wie vor in voller Rüstigkeit an der Spitze des Gesamtunternehmens. Gerade in den Wirrnissen des Krieges hat das von ihm gegründete Haus als ein Muster deutscher Schaffenskraft und Zähigkeit seine Daseinsberechtigung bewiesen. Wenn der Friede erst wieder Beruhigung geschaffen haben wird, dars die Annoncen-Expedition Rlldolf Mosse darauf rechnen, den alten Erfolgen neue beizufügen und damit zur Ausbreitung des deutschen Handels und Verkehrs auch in Zukunft beizutragen. . Unsere herzlichsten Wünsche begleiten dies Haus und seine Leiter bei dem Eintritt in das zweite halbe Jahrhundert eiyer großartigen Wirksamkeit. Aeurs aus Lemberg. Von E l i ä S N a ch t (Berlin), zurzeit Lemberg. Dn Lemberg ist es bitter kalt. Unsere gemütlichen Berliner schimpfen gern auf das dortige Wetter. Ich rate ihnen, einige Tage hier in der galizischen Hauptstadt zu verleben, sie würden in ihrem Leben Berlin nicht mehr verlaßen. j nommen habe, klar geworden, daß die Russen die Juden sestgenommen haben, da es auf das Befreiungsgeld ankam. Für 50 oder 10V Rubel konnte man sich loskaufen. Für Geld und Schnaps gingen sie ins Feuer, auch für einen — Juden. Damit die Treibereien nicht zu bunt werden, haben sie einige Glaubensgenossen an den Galgen gebracht, andere erdrosselt und wieder andere als Geiseln verschleppt. Sie mußten es tim, um den Kosakenrus nicht zu verlieren. Ein eigenartiges Erlebnis begegnete einem hiesigen Wein- Händler. Die Russen kehrten bei ihm ständig ein und brachten ihm Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Als ein russischer Unteroffizier eines Tages den Laden freudestrahlend mit den Worten „Premysl nasch" (unser) betrat, fiel der jüdische Wirt in Ohnmacht. Als er erwachte, befand er sich beim Stadtkommandanten als Spion angeklagt. Er wurde eingesperrt und in Ketten gelegt. Nach acht schweren, entbehrungsreichen Tagen erwarb er sich, nachdem er 100 Rubel entrichtet hatte, die Freiheit. Als den Russen hier der Boden zu heiß wurde, dachten viele Soldaten an ihr persönliches Wohl. Sie behandelten die Juden dann milder, aber mit der Bedingung: sobald der Rückzug beginnt, sollte man sie verstecken, damit sie in Gefangenschaft gerieten, wo sie sicherlich besser ausgehoben sein würden als bei den Ihrigen. Auf diese Weise sind viele, ja mehr, als . man sich denken mag, in österreichische Gefangenschaft geraten. So kämpfen die Moskowiter! Was uns hauptsächlich interessiert, sind unsere Glaubensgenossen. Es ist leider ein trauriges Kapitel. Sie sehen elend und bedauernswert aus. Schmutzig und abgerissen. Tragen leidende, kränkliche Gesichter zur Schau. So mancher von ihnen hat schon bessere Tage gesehen. Von ihrem Streimil, Kaftan, Bart und Peies können sie sich nicht trennen. Sie werden alles, alles verlieren; ihre Tradition, ihre Geschichte und ihren alten Glauben aber niemals. Nichts ist imstande, ihnen dieses Triumvirat zu nehmen. Sie sind in der Lage, Tage mit trockenem Brot zu leben, sie können vieles entbehren, nur — ihr Bethaus nicht. Der Tempel ist ihnen alles. Sprechen sie doch hier zu ihrem Retter, zu ihrem Helfer. Was ihnen am meisten in ihrer entsetzlich jämmerlichen Lage hilft, ist die Hoffnung. Der Jude hofft, und wenn er auch tagtäglich Enttäuschungen erlebt. Sein Gott wird ihn einst glücklich machen, wenn nicht aus dieser trügerischen Welt, so doch auf der anderen. Betrachtet man ein solches Bethaus, so füllen die Gelehrten' gesichter sofort auf. Sie sitzen den ganzen Abend, beim Schein einiger Kerzen, den Kopf über große, staubige Folianten, und stüdieren . . . Schaukeln ihren Körper und diskutieren die schwierigen Stellen laut und fast singend. Alte weißbärtige talmudische Gelehrte. Was uns aber eklig und abschenerregend berührt, ist der Schmutz, der Kehricht. Die Feder sträubt sich, das zu beschreiben, was der Schmutz in sich verbirgt.