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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-01-05 · Heft 1 (5.1.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 hat dieses Gerede gernverbreitet, obgleich die Statuten und Druckschriften der Gesellschaft, aller Welt zugänglich, aufs Äürste und deutlichste bekunden, daß sie nur dazu bestimmt ist, mit durchaus gesetzlichen Mitteln die Armut zu lindern und die Rechtlosigkeit zu bekämpfen. In diesen Betrachtungen jedoch handelt es sich nicht darum, was die Antisemiten meinen, sondern was wir ^deutschen Juden über die Alliance und ihre englische Schwestevgefellschaft denken und wie wir uns eine Verbindung der deutschen Juden mit denen anderer Länder I um gemeinschaftliche Sorge für die Juden im Osten vorstellen, 2..nd ob wir geneigt sind, in den Friedensjahren, die wir ^öffentlich noch erleben, diese gemeinschaftliche Tätigkeit fort- ' Hetzen. $ Was das erstere, die Verbindung der deutschen Juden mit wetten anderer Länder anbetrifft, so ist Frankreich und England zu unterscheiden. Wenn auch der gewaltige Krieg viele Ereignisse der letzten Jahre in den Hintergrund gedrängt und manches ehemals bedeutsam Erschienene als nichtig und unbedeutend weggewischt hat, so ist doch vielen noch die hochmütige und verächtliche Art in Erinnerung, mit der die französische Leitung der „Alliance Jsraölite Universelle" ihre deutschen Mitglieder behandelt hat. Anders hat sich die einen englischen Namen führende, freilich auch in Paris domizilierte und wesentlich von französischem Gelde gespeiste „Jewish Colonisatron Organisation" ihren deutschen Mitgliedern gegenübergestellt. Sie hatte die deutschen Vorstandsmitglieder gleichmäßig mit den anderen behandelt,, ihnen große Rechte eingeräumt, ihre Stimmen gern gehört. Die Bestrebungen beider Gesellschaften durften auf. unsere Sympathien rechnen. Die Bemühungen der Alliance, Schulen im Orient zu errichten, die Bevölkerung der östlichen Länder zum Handwerk und Ackerbau zu erziehen, mit reichen Geldspenden die Schäden gut zu machen, welche Unverstand und Aberglaube, Verfolgungssucht und die verbrecherische Politik einzelner Balkanstaaten hervorgerufen hatten, sind derart, daß jeder Jude sie gutheißen muß. Nur konnte uns nicht gefallen, daß die französische Gesellschaft von ihrem engherzigen nationalen' Standpunkte aus die französische Sprache bevorzugte und die deutsche auszuschließen sich bestrebte, und mit Recht wendete sich dagegen ein großer Kampf, der schon vor Ausbruch des Krieges zu unseren Gunsten entschieden war. Die großzügige Politik der I. C. A., den östlichen Juden,! denen ihre Heimat unerträglich geworden war, eine neue gesicherte Heimstätte, wohlverstanden außerhalb Palästinas, zu schaffen, ihnen durch Gewährung von Darlehen, Barmitteln, Ackerbaugerät die Möglichkeit zu gewähren, sich und ihren Kindern eine neue Heimat, eine aussichtsreiche Erwerbsmöglichkeit zu schaffen, ist unter den vorgeschlagenen Lösungen des Ostjudenproblems eine der bedeutsamsten und glückverheißendsten. Und doch wollen uns Zweifel beschleichen, die in dem Folgenden bestehen: ll. Soll uns in der Zukunft eine solche Wirksamkeit überhaupt beschäftigen und 2. können wir deutsche Juden, wenn wir wirklich derartige Bemühungen unterstützen, dies Hand in Hand mit den französischen und englischen Inden tun? Was den ersten Punkt betrifft, so habe ich persönlich stets den Standpunkt vertreten, bei dieser meiner Anschauung allerdings viel Widerspruch gefunden, daß uns - man verübte den derben Ausdruck nicht — das Hemd näher ist als der Roch das heißt daß unsere Sorge für die in Deutschland lebenden Juden unsere vornehmere, wenn nicht ausschließliche Aufgabe sein sollte als das Eintreten für die Juden außerhalb Deutschlands. Es scheint mir nicht unmöglich, , diese meine Gesinnung in Zukunft mehr Anhänger gewinn / wird,, als sie bisher gehabt hat. Zu dieser Ansicht bin ich gelangt, nicht aus engherzigem Deutschtum und gewiß nicht aus Abneigung gegen die fern wohnenden Glaubensgenossen, sondern aus der historischen und politischen Erwägung, daß es für die Deutschen im allgemeinen nicht wohlgetan ist, auch nur den Schein zu erwecken, daß sie sich in die inneren Angelegenheiten fremder Länder mischen, und in der Ueberzeugung, daß eine Gemeinschaft, die sich nicht selbst zu Helsen vermag, durch Unterstützungen, die ihr von auswärts zufließen, nur zu einem kurzen Scheinleben, nie zu dauerndem Dasein gebracht werden kann. Diejenigen aber, die diese Anschauung nicht teilen, mögen bedenken, daß ein Teil dieser Arbeit, das Hilfswerk für den Orient, in Zukunft vielleicht überflüssig fein wird. Ueberflüssig, so hoffen wir wenigstens, für die verhältnismäßig weniges Juden, die in Bulgarien leben, und für die vielen, die in der Türkei angesiedelt sind; denn wir leben der festen Ueberzeugung, daß diese beiden Staaten, deren Bündnis mit Deutschland nicht bloß durch die Not geschmiedet, sondern durch den inneren Zusammenhang und die gemeinsamen Interessen gerechtfertigt ist, auch weiter zusammenhalten werden und daß das deutsche Vorbild, die rechtliche Gleichstellung der Juden, auch auf diese Staaten wirken wird. Ernster Erwägung aber bedarf es, wenn wir deutsche Juden den in Rußland und Rumänien weilenden Glaubensgenossen weiter wie früher als Helfer zu erscheinen gedenken. Für eine solche Tätigkeit, die aus jüdischer Mildherzigkeit wohl angemessen scheint, sollte und müßte, meinen wir, und damit kommen wir zu dem zweiten Punkt, der Hilfsverein der deutschen Juden völlig ausreichen. Ist es denn nötig, daß wir zu solchem Zwecke Hand in Hand mit Frankreich gehen, dessen jüdische Komitees (ob nun das der Alliance, was stark bestritten worden ist, oder das Zentralkomitee der französischen Juden, das bewiesenermaßen so vvrgegangcn ist) so offen und energisch gegen Deutschland und damit auch gegen die deutschen Inden Partei ergriffen und die neutralen Mächte gegen uns, freilich vergeblich, aufgerufen haben? Und sollten wir nicht lieber einer Erweiterung des Hilfsvereins auch für die Kolvnisationstätigkeit das Wort reden, ehe wir aufs neue in das große englische Komitee eintreten? Vielleicht bietet man uns bei der Wiederkehr friedlicher Zeiten zu einem solchen Eintritt gern die Hand, weil man unseren Rat und — unser Geld braucht. Aber auch diese Herren haben sich während dieses Krieges so selbstbewußt, so hochfahrend, so deutschfeindlich gezeigt, daß es unseren: Stolz und unserer Ehre besser entsprechen würde, die alten Beziehungen nicht so schnell und ohne weiteres wieder auszunehmen. Die Woche. Berlin, den 2. Januar 1917. uf Amerika ist die Schweiz gefolgt. Auch sie ruft zrun Frieden auf und erklärt sich bereit, auf einem Kongreß die Vertreter der kriegführenden Mächte zu einer Beratung zu vereinigen. Endlich haben sich auch die drei nordischen Reiche zu einem gemeinsamen Friedensschritte vereinigt. Sv anerkennenswert alle diese Bemühungen auch sind, so vermögen wir an ihren Erfolg in keiner Weise zu glauben. Diese Erfolglosigkeit ist nicht begründet in einer Abneigung Deutschlands, vielmehr hat dieses in Gemeinschaft mit seinen Verbündeten seine FriedenShereitschaft offen und ernst verkündet, und es gehört die ganze Dreistigkeit unserer Feinde dazu, nicht an die Ehrlichkeit dieser Angebote zu glauben, sondern sie liegt in dem absoluten Unverständnis unserer Feinde

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