Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Deutschland zu bezwingen oder auch nur zu schwächen, wir-für die in den feindlichen Ländern wohnenden Juden kaum ein Rückschlag zu befürchten sein, denn dw Geschichte hat gelehrt, daß erfolgreiche Taten der Westmächte noch immer dazu gedient haben, die Idee der Freiheit in diesen Ländern zu befördern. Man denke an die Zeiten Crömwells in England, an die Napoleons in Frankreich, an die Cavours in Italien. Die Stärkung der äußeren Macht in diesen Ländern hat, wenn auch das Nationalbewußtsein gefördert, doch keinen nationalen Taumel erzeugt, kein völkisches Empfinden erregt und in dem gesamten Volke niemals Einheimische und Fremde unterschieden. So haben sich auch die Ostjuden, die sich zahlreich in Frankreich und England angesiedelt hatten, der russischen Tyrannei entfliehend — weniger oder gar nicht in Italien — nach und nach, sobald ein Jahrzehnt oder ein Menschenalter vergangen war, als Franzosen und Engländer zu fühlen begonnen und ungehindert teilnehmen können an den Segnungen der Freiheit. Anders im gegenwärtigen Kriege. In Frankreich hat man die russischen Juden an die Front geschickt, in England gewagt, ihnen mit einer Rücksendung zu ihren Peinigern zu drohen, und wenn man auch diese schreckliche Drohung nicht ausgeführt hat, so hat man.die alte Tradition, die Duldung und Gastfreundschaft einschloß, schmählich vergessen. Wie wird es diesen Arinen in der Zukunft ergehen? Vermag das Bündnis mit Rußland den gegenwärtigen Krieg zu überdauern, was man freilich für widersinnig, ja für unmöglich halten sollte, da es aller Vernunft widerspricht, daß eine freie Republik wie Frankreich auf die Dauer mit einem Thrannenstaat wie Rußland zusammengehen kann, und da Englands und Rußlands Interessen im Orient sich so feindselig gegenüberstehen, daß ein dauerndes Zusammengehen beider Nationen absolut ausgeschlossen erscheint, bleibt troßdem ein Bündnis jener Staaten mit Rußland bestehen, so scheint die Sicherheit der Unglückseligen, die der Knechtschaft entronnen zu sein glaubten, arg gefährdet. Das ist aber nur ein Teil, und zwar der kleinere der Ostjudenfrage. Der andere ist der: Was wird aus den Ostjuden, die in ihren Ländern bleiben? Unter diesen Ostjuden hat man zwei Teile zu unterscheiden: 1. die in den Teilen Rußlands, die noch in den Händen des Zaren sich befinden, leben und 2. die Juden in dem ehemaligen Königreich Polen, das seit kurzem diesen Namen wiedercrlangt hat und hoffentlich dauernden Bestand behält. Was die Juden in dein eigentlichen Rußland betrifft, so sehen wir deren Zukunft nur mit Angst und Schrecken an. Für sie kann man, wenn nicht etwa durch eine Revolution die innerrussischen Verhältnisse völlig geändert werden, die ewige Dauer der schrecklichen Gesetzes- und Rechtlosigkeit erwarten. Man sagt zwar, viele befinden sich bei diesem Zustand recht wohl, sie wüßten, daß sie kein Recht zu beanspruchen hätten, aber daß sie durch Bestechung imstande seien, ein leidliches Leben zu führen. Sie wünschten gar nichts anderes und betrachteten sich als Russen, die in keinem anderen Lande zu leben begehrten. Demgegenüber wird man freilich zugeben müssen, daß es kein menschenwürdiges Dasein ist, daß es kein Behagen, keine Sicherheit aufkoinmen läßt und daß es vor allen Dingen durchaus keine Zukunft, keine innere Entwicklung verbürgt. Sollten sich aber die inneren Zustände Rußlands ändern, sollte die innere Mißwirtschaft, die Bestechungsmethode, die seit Jahrhunderten in Rußland üblich ist, aufhören, so kann es den Juden besser gehen, wenn die Erleuchtung, schlechter, wenn die Barbarei wächst. Ter Geschichtsforscher und der Menschenfreund aber, beide in ihrem Glauben an Fortschritt und Veredlung nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte irre geworden, vermögen auf eine Besserung der russischem HMände nicht zu hoffen. Unterliegt aber Putzlanhin diesemÜtckge, dann wächst gewiß die- Bärbarei ' WE, ftÄchMren^ODiM««. Bei der völligen Verarmung des Landes, bei -dem Grimme der in ihrem Volksbewußtsein gekränkten Hordel werd« Wd müssen die Juden die traurigen und unschuldigen Opfer werden. Außer den Juden im eigentlichen Rußland, d. h. den /K> bieten, wo Juden in größerer Anzahl wohnen dürfen „kommy aber die Millionen in Betracht, die im ehemaligen Könkgr^ü Polen zusammengedrängt sind, jenem Gebiete, das nun wrA um zu einem Staate zusammengesaßt worden ist. Ehe- >. letzthin in diesem Blatte ausführlich mitgeteilten $ee- , nungen getroffen worden sind, ja, bis vor wenigen Mow I stand die Frage über diese Juden im Vordergrund des Jntz ' esses. Im Hinblick auf die Möglichkeit, daß Rußland tii den Besitz dieser Länderteile gelangen könnte, wurde die Gefahr, daß die dortigen Juden, um ihren Quälgeistern zu entrinnen, massenhaft nach Deutschland einwandern würden, erüMch-Be». sprochen. Diese Gefahr mußte freilich denen, die die dortigen Verhältnisse kennen, nicht so dringend erscheinen, weil die Juden trotz ihrer schwerer Lage an ihrer Heimat hängen.? Gleichwohl entstand eine eifrige Debatte über ihr Schicksal.? Während die Alldeutschen nach Einwanderungsverboten schrien, um Deutschland vor dieser Ueberflutung zu schirmen, sah ein Teil der Juden, nicht bloß der zionistisch gesinnte, in dem Millionenzuwachs Polnischer Juden für Deutschland eine willkommene Stärkung, da nach ihrer Meinung unter diesen Juden bildungsfähige und arbeitswillige Elemente sich befänden. Der andere Teil dagegen fürchtete durch diesen Zuwachs eines großen Haufens, der in Tracht, Sprache, Sitten sich von den einheimischen deutschen Juden nachteilig unterschied, eine schwere Schädigung für das deutsche Judentum. Auch darüber erhoben sich lebhafte Diskussionen, welche Sprache für den Unterricht der Zurückgebliebenen gewÄhlt werden sollte: Deutsch, Jiddisch oder Polnisch, selbst für das Hebräische wurde plädiert: eine Diskusiion, die gerade in diesen Blättern eifrig erörtert wurde. Alle diese Untersuchungen haben sich nun als rein akademische herausgestellt. Durch die neue Gesamtorganisation der jüdischen Verhältnisse in dem eben geschaffenen Königreich Polen ist die Sprachenfrage gelöst, ist den Juden eine wirkliche Heimstätte geschaffen und der feste Grund zu einer gedeihlichen Entwicklung gelegt, die ein Segen für die seit Jahrhunderten geknechteten Israeliten werden kann und, wie wir zuversichtlich hoffen dürfen, werden wird. Denn auch die Aufgabe unseres Blattes wird es in Zukunft sein, die Entwicklung dieser Judenschaft in Polen aufmerksam zn verfolgen. Bisher wissen wir wenig, wie die polnischen Juden und die jüdischen Polen über diese neue Organisation denken und wie sie sich in den frisch geschaffenen Zuständen fühlen. Unsere sichere Erwartung ist, daß sich die polnischen Juden zu jüdischen Polen, zu treuen, anhänglichen Bürgern eines Landes entwickeln werden, das sie nun in ganz anderer Weise als früher als ihr Vaterland betrachten können. II. Internat! vnalis in u s. Mit der Ostjudenfrage hängt der Internationalismus nahe zusammen. Nichts hat den Antisemitismus so gefördert wie das Märchen vom internationalen Judentum. Unsere Feinde haben fälschlich, aber gewiß nicht ohne wohlüberlegte Absicht in der „Alliance Jsraölite Universelle" einen Geheimbuvd gesehen, der die Aufgabe verfolge, die Juden aller Länder zu einer Einheit zusammenziischließm und Verschwörungen wider die Regierungen oder gegen die Völker anzuzetteln. Man