Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229287--72786-3285230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I. Jahrgang Nr. 1 GERMA NßfrÜn 5 b fWSftfÄ' Kölner Bibliothek Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse rvr <AHSvbichte lies deutschen Judentums Diese Zeitung erscheint wSchenNich. Abonnements Preis; durch den Luch- Handel oder die Post (in Verltn und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32*. vegriindet von Rabbiner vr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierufalemer Straße *6-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Htthtfllt* 3um neuen Jahrgang. Vau Ludwig Geiger. — Die TßNHFLHN. Woche. — Neues aus Lemberg. Von Elias Nacht (Berlin), zurzeit in Lemberg. — Geh. Iustizrat Dr. B. Geiger. Von Ed. Baerwald. — Feuilleton: Der verlorene Sohn. Von Joseph Pa t a i. Erzählung aus den, Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolph Kohut. — Literarische Mitteilungen. — Büchererulauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Posen, Frankfurt a. M., Metz, Wien. — Von Nah und Fern. Lum neuen Iahrgsng. Bon Ludwig Geiger. um achten Male ergreife ich das Wort zur Eröffnung eines neuen Jahrganges, zum dritten Male in diesem schweren und verhängnisvollen Kriege. Keine Betrachtung, scheint sie auch noch so fern liegenden Gegenständen zugewendet, läßt sich gegenwärtig anstellen, ohne daß sie zum Kriege schweift, und so kann auch diese Einleitung die Wirren nicht, umgehen, unter denen wir leben, hoffen und leiden. Wir haben in den Wochenübersichten seit Anfang des Krieges die Leser vertraut zu machen gesucht mit den Begebenheiten und sie unterrichtet von unseren Aussichten und Erwartungen. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die die Zusammenfassung der Ereignisse und die daran sich knüpfenden Erwägungen tadelten, mit dem Hinweis darauf, solches lese man zum Ueberdruß ja auch in anderen Zeitungen. Zu meiner Befriedigung dagegen kann ich konstatieren, daß urteilsfähige Männer in Berlin und anderwärts mein Streben billigten und anerkannten, daß es Recht und Pflicht gerade dieser Wochenschrift sei, die nicht von Tag zu Tag den Tatsachen in schneller Berichterstattung folgen kann, die Geschehnisse zu überblicken, das Gewordene zu verzeichnen und den angemessenen Standpunkt zu einer Beurteilung zu gewinnen. Aber so nachdrücklich wir an dieser mit einem jüdischen Blatt wohl verträglichen Rubrik, nachdem sie einmal eingeführt und sich bewährt hatte, festhielten, so ausführlich wir auch die Kriegsliteratur betrachteten, selbst diejenige, die nicht unmittelbar mit unserer Ausgabe zusammenhing, so haben wir die eigentliche Aufgabe unseres Blattes niemals vergessen, die darin besteht, ein jüdische s. zu sein, und so wollen wir beim Hineinschreiten in das fünfte Fünftel des Jahrhunderts, beim Beginn des-.ein-i undachtzigsten Jahrganges dieses Blattes die Grundsätze .ytf,- sammensassen, die uns leiteten, den Standpunkt darlegen. heu. wir auch in Zukunft einnehmen wollen, solange es uns vergönnt ist. an der Spitze dieses Blattes zu stehen. l. Die O stjud e n frag e. Das erste Problem, das uns in letzter Zeit beschäftigt hat und das noch gewiß für lange unsere Teilnahme erregen >vird und erregen muß. ist die Ostjudenfrage. So mächtig auch die im Westen geführten kriegerischen Operationen uns deutsche Juden erregen, so sind >vir daran hauptsächlich als Deutsche, weniger als Juden beteiligt, denn das Schicksal der in Frankreich und England lebenden Juden wurde von dem Krieg verhältnismäßig wenig berührt; die einzigen Fragen, die uns in lebhaftere Wallung brachten, waren die: l. Wie stellen sich die Juden dieser Länder zum Kriege? '2. Welche Wirkungen wird er auf die vielfachen russischen Flüchtlinge haben, die dort, namentlich in England, ein Asyl gefunden haben? Was die erste Frage betrifft, so haben wir infolge unseres nationalen, d. h. deutschnationalen, nicht internationalen Standpunktes nie ein Hehl daraus gemacht, daß wir den spezifisch englischen bzw. französischen Patriotismus der in jenen Ländern ansässigen, dort geborenen oder seit Generationen dem genannten Gebiete angehörenden Juden gutgeheißen. Ein französischer und ein englischer Jude muß ein ebenso guter französischer und englischer Patriot sein wie wir Deutsche stolz darauf sind, uns als Deutsche zu fühlen. Anders jedoch mußten wir uns zu denen stellen, die entweder selbst eingewandert oder ihre Nahrung durch Geschäftsverbindung, durch journalistisches oder gelehrtes Streben aus Deutschland ziehend, trotz ihres Aufenthaltes in den fremden Ländern und trotz ihrer etwaigen Naturalisierung noch immer als Deutsche zu gelten hatten. Demgemäß haben wir das Treiben dieser Abtrünnigen, unter denen sich leider auch viele Juden befanden, die, obgleich sie kaum in einem fremden Lande warm geworden sind, nicht nur die entschiedensten Lohalitätsbezeugungen für die neue Heiurat ausdrückten, sondern diese mit starken und zynischen Ausfällen gegen ihr altes Vaterland verbrämten, aufs stärkste gegeißelt und unsere entschiedene Mißbilligung solchen verräterischen Treibens auch dann nicht gemäßigt oder zurückgenvmmen, da uns von englisch-jüdischen Blättern in höhnischem Ton der Vorwurf eines Ueberpatrivtismus entgegengeschleudert wurde. Denn wir als deutsche Juden haben nicht den Beruf, deutsche Juden, die anderwärts wohnen, zu schonen, wenn sie ihre Pflicht als Deutsche verletzten. Die zweite Frage läßt sich nicht mit einem kurzen Satz beantworten. Im allgenreinen wird man sagen können, daß der Krieg, welches auch sein Ausgang sein möge, weder in Frankreich noch in England noch in Italien kaum bemerkbare folgen für dieAorjtigen Juden haben dürfte. Sie werden bei einem, wie wir wünschen, für jene Länder erfolglosen Ausgange,, d. h. hes.einem Scheitern der gegen Deutschland gerichteten Schädigungs- und Vernichtungspläne, niemals als Verräter hingestellt werden, teils weil sie sich fast noch antideutscher gebärdet haben als ihre andersgläubigen Landsleute, teils weil es bei jenen Nationen nicht Brauch ist, Sttndenböcke für getäuschte Hoffnungen in den Bekennern anderer Religionen zu suchen. Bei einem für uns unglücklichen Ausgang des Krieges, in dem Falle, den ein gnädiges Geschick verhüten möge, daß es nämlich den verbündeten Feinden gelingen sollte,