Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— Derlin-Charlottenbrrrg, 19. Dezember. Vor dem hiesigen Amtsgericht fand jüngst eine Verhandlung statt, bei der die Staatsanwaltschaft wegen öffentlicher Beleidigung Strafantrag gestellt hatte, weil ein Schneider einen jüdischen Zahnarzt öffentlich als „Drückeberger" bezeichnete. Der Zahnarzt kam mit dem Schneider Rönsch auf dem Kursürstendarmn in Wortwechsel, in dessen Verlauf Rönsch den Zahnarzt durch antisemitische Redensarten beleidigte und ihm zurief: „Gehen Sie lieber in den Schützengraben, Sie Drückeberger!" Ter Beleidigte, der als Zahnarzt bereits längere Zeit im Felde stand/meldete diesen Vorfall der Polizei, und der Staatsanwalt erhob Anklage. In der Verhandlung wurde durch Zeugen die beleidigende Aeußerung bestätigt. Rechtsanwalt Dr. Neumond hob hervor, es müsse mit besonderer Genugtuung erfüllen, daß die Staatsauwaltschaft in diesem Falle zur öffentlichen Anklage geschritten sei, und zwar gerade im Hinblick auf die konfessionelle Verbrämung, mit der der beschimpfende Ausdruck Drückeberger gebraucht wurde. Wolle das Gericht dem Sinne des Eröffnungsbeschlusses gerecht werden, so könnte es nur durch eine exemplarische Bestrafung des Angeklagten geschehen. Gerade int vorliegenden Falle, wo sein Mandant für das Vaterland schwere Dienste geleistet und krank aus dem Felddienst heimgekehrt sei, zeige es sich, welcher Unfug mit dem Ausdruck Drückeberger getrieben werde und wie notwendig es sei, ausreichend Schutz dagegen zu gewähren. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu hundert Mark Geldstrafe und sprach dem Zahnarzt Publikationsbefugnis des Urteils zu. Breslau, 15. Dezember. Dem soeben erschienenen Verwaltungsbericht des Verbandsausschusses des Bezirks-Gemeindeverbaudes Breslau-Liegnitz für das neunzehnte Geschäftsjahr 1915/16 entnehmen wir folgende Angaben: sieben den schweren Opfern, die der Weltkrieg von uns auf dem Felde der Ehre fordert, haben wir im Berichtsjahre 1915/16 schmerzliche Verluste aus unseren Reihen auch in der Heimat zu beklagen. Nachdem am 16. November 1915 unser früherer langjähriger und hochgeschätzter Mitarbeiter, das Ausschubmitglied Herr Rabbiner Dr. Freund in Görlitz, dahingeschieden war. ist am 22. Juni 1916 Herr Rabbiner Tr. Bir am in Hirschberg verstorben. Er gehörte seit dem Jahre 1909 unserem Ausschüsse an. Seine treue Mitarbeit und sein liebenswürdiges, bescheidenes Wesen sichern ihm in unserer Mitte das ehrenvollste Gedenken. Am 2. August 1916 ist der langjährige Leiter des Deutsch-Israelitischen Gemeiudedundes, deur unser Verband als Zweigverein angehört, Herr Prof. Dr. Martin Ph i l i pp so n in Berlin, entschlafen. Wir beklagen aufrichtig das Ableben dieses ausgezeichneten Mannes, der sich durch seine hingebende, vorbildliche Arbeit die größten Verdienste um den Bund, die Einzelverbände und die Bundesgemeinden erworben hat. -- Unsere Arbeit im abgetan jenen Geschäftsjahre hat sich in dem bisherigen, wenn auch durch die Zeitverhültnisse eingeschränkten Umfange bewegt. Gleichsam das Rückgrat unserer Tätigkeit bildete wie bisher die stete Fürsorge für unsere kleineren Verbandgemeinden. Um ihre Existenzmöglichkeit und ihr kulturelles Leben zu erhalten, haben wir nach Maßgabe des vorhandenen Bedürfnisses Beihilfen gewährt. Nicht weniger als 2275 Mark sind für diesen Zlveck aufgewendet worden, und picht weniger als 18 Orte haben sich dieses Vorteils erfreuen können. Die Beihilfen erreichten im einzelnen die Höhe von 75 bis 200 Mark. In unserem Bestreben, die Abhaltung von Gottesdiensten an den hohen Feiertagen in den kleineren Gemeinden zu ermöglichen, haben wir uns vor allem die Beschaffung und Aussendung von Minjanleuten angelegen sein lassen. Von den entstandenen Unkosten haben wir das Honorar und die Reisekosten übernommen, während die Gemeinden inlr für Verpflegung und Unterkunft 311 sorgen hatten. Ans denselben Grunde haben wir einigen Genieinden auf deren Wunsch Beihilfen zur Erlangung von Vvrbetern bewilligt. Außerdem haben wir einer Anzahl von Gemeinden geeignete Personen als Borbeter Nachweisen können. Dagegen waren wir durch die Ungunst der Verhältnisse nicht in der Lage, in mehr als zwei Gemeinden einen Prediger zu entsenden, da die hierfür in Frage kommenden Kräfte zum größten Teil zum Heeresdienst eingezogeu waren. Im laufenden Jahre haben erfreulicherweise dreizehn Revisionen abgehalten werden können. Einige weitere Revisimlen sollen noch im lallsenden Herbst abgehalten werden. Mit den Leistungen in den einzelnen Lehranstalten sind die Herren Jnstettoren im Durchschnitt durchaus zufrieden gewesen. Nur in wenigen Gemeinden, die durch den Zwang der Verhältnisse genötigt sind, ungeprüfte Lehrkräfte za beschäftigen, haben die Schulordnung und der methl> dische Lehrgang manches zu wünschen übrige gelassen. Es ist darum von den Herren Inspektoren erneut , der Vorschlag gemacht worden, daß für die Schulen unseres Bezirkes ein Normal-Lehrplan aufgestellt werde. Die Vorbereitungen dazu haben wir bereits in die Wege geleitet. Durch die Herren Inspizienten find rote bisher an fleißige Zöglinge der inspizierten Schulen Prämienbücher, die mit einem Midnrüngsblatte des Verbandsausschusses versehen sind, verliehen worden. Zu unserer Freude haben wir auch einer größeren Zahl von Beamten, denen die Gemeinden Ruhegehälter und HmterMebenenfürsorge überhaupt nicht oder nur in geringem Umfange gewähren können, durch Beihilfen zu den Lebensversicherungsprämien und Angestelltenversicherungsbeiträgen wirksam zur Seite gestanden. Erheblich zurückgegangen ist nach Lage der Verhältnisse unsere Tätigkeit auf dem Gebiete der Wanderarrnenfürsorge. Wanderarme im bisherigen Sinne des Wortes erscheinen naturgemäß nur vereinzelt. Zum größten Teil wird jetzt vielmehr unsere Hilfe von Flüchtlingen, die in ihre Heimat zurückkehren, von durchreisenden bedürftigen Soldaten, die auf Urlaub in die Heimat fahren oder ins Feld gehen, und anderen mehr in Anspruch genommen. Es haben bei unserer Kasse insgesamt 198 Personen Vorgesprächen, für die wir zusammen 823,05 Mark verausgabt haben. Außerordentliche Ausgaben sind uns ferner erwachsen durch Unterstützung von hier weilenden fremden Glaubensgenossen, durch Beihilfen an den Jüdischen Hilfsfonds 1915 und das Komitee für den Unterhalt mittelloser Personen in Salzbrunn wie durch Beihilfen an die Gemeinden Steinau und Hirschberg zur Verpflegung von Gefangenen an den hohen Feiertagen. Erhebliche Arbeit hat im vergangenen Berichtsjahre die Frage der Mlitürseelsorge verursacht, in der ein umfangreicher Schriftwechsel besonders mit dein Ausschüsse des Verbandes der Teuh'chen Juden und den Militärbehörden stattgefunden hat. Die Seelsorge wird in Garnisonen, Lazaretten, Gefangenenlagern usw. von den hierfür in Betracht kommenden Herren in überaus dankenswerter Weise unter Opfern all Zeit und Mühe ausgeübt. Die endgültige Regelung der Angelegenheit unter Beobachtung neuerlich ergangener Bestimmungen steht in Kürze bevor. Der Bericht gibt zum Schluß Kenntnis von einer Maßnahme, die zwar nicht in das abgelausene Geschäftsjahr fällt, doch mit den Kriegsverhältnissen in engstem Zusammenhänge steht. Um der Notlage in den Beamtemamilien zu steuern, wurde beschlossen, einer Anzahl von Gemeinden Teuerungszulagen für ihre Beamten zu überweisen und für diesen Zweck den Betrag von 800 M-ark in den neueil Haushaltsplan einzustellen, der der Genehmigung der am. 26. v. M. stattgehabten Halrptversammlmlg unterlag. Magdebmrg, 15. Dezember. Ter Lehrer an der hiesigen Synagogengemeinde Herr Tr. Phil. Moritz Spani e r tritt am 1. April künftigen Jahres in den Ruhestand. Das Scheiden ans der liebgewordenen 35jährigen Tätigkeit ist dem verdienten Pädagogen, der sich der größten Wertschätzung in Fachkreisen erfreut, nicht leicht geworden. Lediglich Gesundheitsrücksichten veranlaßten beit tüchtigen Lehrer, der auch ein gern gelesener Schriftsteller ist, zu dem Rücktritt. Mit uns wünschen viele dem aus dem Amte Scheidenden einen gesegneten Lebensabend. J. A. Nürnberg, 15. Dezember. Das Eiserne Kreuz erster Klasse erhielt Nechtspraktikaut Tr. Leo Landenb e r g e r , Leutnant der Reserve im 6. Bayer. Res.-Jnf.-Negt. Das b n y e r i s ch e M i l i t ü r v e r d i e n st k r e u z erhielten Unteroffizier I. K 0 s ch l a n d , Feldmagazininspektor Julius Sichel, Sohn des Kaufmanns Don Sichel. Das Ehrenzeichen z w e i t e r K lasse v 0 m ö st e r r e i ch i s ch e n. R 0 t e n Kreuz erhielten die Herren Bankier und Landrat Martin Kohn, Großhändler Baptist O f f e n b a ch e r , Privatier Julius S a h l tu n n n, Sanitütsrat Dr. Albert 3t e i tz e n st e i n. E. M. Bonn, 18. Dezember. Heute vor 25 Jahren hat Tr. A l f re d P h i l i p p s0 n sich als Privatdozent für Geographie an dcr hiesigen Universität niedergelassen. Das Thema seiner Antrittsvorlesung lautete: ,,D a s K l i m a G r i e ch e n l a n d s u n d sei n Einfluß auf Anbau und Siede l 11 n g". Tr. Phrlippson. der am l. Januar 1864 als Sohn des hiesigen Rabbiners und Begründers der A. Z. d. I., Tr. Ludwig P h i l i p p s 0 n s. A., geboren ist, wurde 1891 Titularprofessor und 1904 als ordentlicher Professor der Geographie nach Bern berufen'. Er machte viele wissenschaftliche Forschungsreisen durch Griechenland, die Türkei und Kleinasien, deren Ergebnisse in einer großen Anzahl wertvoller Werke