Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 51 Berlin, 22. Dezember 1916 Der Gemeindebote. Vellage zue „Allgemeinen Leitung de- Judentum-". korrrhwndnmn und Nachrichten. Seutschlsnü. A. R. Berlin, 19. Dezember. In der „Wissenschaftlichen Bereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen Zu Berlin" hielt Herr- Lehrer Robert Hirschfeld ein Referat über „Tie Revision des Unterrichts an den Religionsschuten der Jüdischen Gemeinde Zu Berlin". Er führte folgendes aus: Die Frage der Beaufsichtigung der Schulen in ihrer Gesamtheit braucht in Lehrerkreisen kaum noch erörtert zu werden; es ist fast selbstverständlich, daß jede Schule von ihrer Vorgesetzten Behörde revidiert wird und daß auf Grund von Berichten eventuelle Aenderungen in: Unterrichtsbetriebe angeordnet werden. Wenn wir uns hier also mit der Revision des Unterrichts au den Religionsschulen der Jüdischen. Gemeinde beschäftigen, so behandeln wir keine prinzipielle Frage, sondern vor allem die Berliner Verhältnisse. Diese liegen nun so, daß der Vorstand der Jüdischen Gemeinde wohl das Recht der Revision hat und auch den Schul- und Talmud-Thora-Bvrstand damit beauftragt, sie vorzunehmen, daß aber nur ein Teil der Religionsschulen revidiert wird, nämlich diejenigen, deren Leiter kein Gemeiuderabbiner ist, während diejenigen, deren Leiter Gemeinderabbiner sind, nicht beaufsichtigt werden. Der Vortragende sieht nicht ein, warum die Gemeinderabbiner nicht revidiert werden sollen. Diese doppelte Handhabung der Beaufsichtigung erwecke im Publikum den Eindruck, als ob die nicht von Gemeinderabbinern geleiteten Schulen Anstalten Zweiter Ordnung seien. Tie Lehrer selbst wünschen die Revision, weil durch sie der Unterricht gefördert wird; sie wünschen sie aber gleichmäßig für alle Schulen. Ailch über die Stellung der Revisoren ließe sich viel sagen; es existiert für sie keine Dienstordnung: die Herren kommen im Aufträge des Schul- und Talmud-Thora- Vorstandes als Ehrenbeamte der Gemeinde, und es ist fraglich, ob! ihre rechtliche Stellung eine derartige ist, daß sie ihnen das Recht gibt, in den Schulbetrieb einzugreifen. Dies würde anders werden, wenn der Gemeindevorstand seine Absicht ausführen würde und einen Schulinspektor einsetzte, der, mit anderen- Machtbefugnissen ausgerüstet, gleichmäßig beobachten und objektiv würdigen könne, und der die Gesamtheit der Lehrer und Leiter zu regelmäßigen Zusammenkünften und Besprechungen veranlassen könnte. Der Referent bittet um Annahme folgender Leitsätze: „Die Wissenschaftliche Vereinigung Littet den Vorstand der Jüdischen Gemeinde, die Beaufsichtigung seiner Religionsschulen nach folgenden beiden Gesichtspunkten einer Neuordnung zu . unterziehen: 1. Tie bisberige Freilassung der von Gemeinderabbinern geleiteten Neligionsschulen von der Beaufsichtigung bedeutet eine weder sachlich noch persönlich gerechtfertigte Ausnahmestellung, nicht nur für die Leiter, sondern auch für die Lehrer dieser Schulen, und zugleich eine, wenn auch nicht beabsichtigte, Herabsetzung der beaufsichtigten Lehrer und Leiter vor der Oeffentlichkeit. Wir bitten daher, in Zukunft alle Religionsschulen ohne Ausnahme beaufsichtigen zu laffen. 2. Im! Interesse einer einheitlichen und dariun auch gerechteren Beurteilung! der Leistungen der einzelnen Religionsschulen erscheint es dringend! wünschenswert, daß die Beaufsichtigung der Religionsschulen nicht, j wie bisher, von einer größeren Anzahl Herren ehrenamtlich aus-! geübt, sondern in die Hand eines einzigen, pädagogisch und fach- - männisch vorgcbildeten Beamten gelegt werde." Au das Referat! schloß sich eine recht lebhafte Aussprache. Die meisten Herren sind j für die Annahme der Anträge des Referenten. So wird betont, daß! von 15 Religionsschulen 8 frei von Beaufsichtigung seien: die j Herren Rabbiner hätten die Revision abgelehnt, weil sie in ihr j ein Mißtrauen gegen ihre Person und eine Herabsetzung ihrer j Würde sehen. Die Ungleichheit der Revision sei eine noch viel! größere Herabsetzung der übrigen Leiter und der an ihren Schulen! beschäftigten Lehrkräfte; die Rabbiner der subventionierten Gej moinden müßten sich ja auch eine Beaufsichtigung ihrer Schulen gefallen lassen. Gerade die Religionsschulen sind bei der verschiedenartigen Vorbildung der Lehrer unb bei der Unsicherheit der Methodik sehr beanssichtigungsbedürftig. Tie jetzigen Revisoren; kommen nur einmal im Jahre und haben sonst keine Beziehung! zur Schule. Ein Kollege schlägt vorläufig einige kleine Aenderungen vor: die Zahl der Revisoren solle verkleinert und diesen bestimmte Bezirke zugeteilt werden; die Revision solle nach einem sestgelegten Plane stattfinden; auch die Art der Mitteilung der Ergebnisie der Revision an die einzelnen Lehrer müsse geändert werden. Die Leitsätze werden angenommen unter der Voraussetzung, daß noch textliche Aenderungen vorgeuommen werden, die dem Vorstande in Verbindung mit einigen Herren überlassen bleiben sollen. Ence. Berlin, 19. Dezember. Am 14. d. Al. beging, wie schon in Nr. 49 von uns angekündigt, Herr Emil P i n c u s sein 25jähriges Jubiläum als Mitglied der Armeukommifsion der Jüdischen Gemeinde. Dem Ernst der Zeit, noch mehr aber dem Wunsche des Herrn Jubilars entsprechend, wurde von einer größeren Feier Abstand genommen. Der Vorsitzende der Armentommission und die Abteilnngsvorsitzenden sowohl wie die Mitglieder der Abteilung, deren Vorsitzender der Jubilar ist, ließen es sich aber dennoch nicht nehmen, in dessen Wohnung in corpore zu erscheinen, um ihn zu seinem Ehrentage zu beglückwünschen. In den Ansprachen wurde rühmend der aufopfernden Tätigkeit gedacht, die er auf dem weiten Gebiete der jüdischen Wohltätigkeits- Pflege in dem abgelaufenen Vierteljahrhundert ausgeübt hat, wurde ferner der Fürsorge gedacht, mit der er sich, warmen Herzens, aller seiner Schützlinge jederzeit angenounnen hat. Die Vorsitzenden sowohl wie die Abteilung überreichten Ehrengeschenke. Auch die Beamtenschaft der Armenkommission und diejenigen der mit dieser im Zusammenhänge stehenden Verwaltungszweige brachten dein Jubilar ihre Glückwünsche dar unb sprachen ihm den Dank aus für das warme Interesse, mit dem er sich bei jeder sich ihm darbietenden Gelegenheit der Beamtenschaft angenommen hat. Die Beamten ließen dem verehrten Jubilar ein Blumenallgebinde überreichen. Zahlreiche Glücklvunschschreiben lind Telegramme waren eingegangen, die ein Beweis dafür sind, welcher Hochschätzung lmd Anerkennlmg sich Herr Emil P i n c u s in weiten Kreisen der Gemeinde zu erfreuen hat. E. M. Berlin, 19. Dezember. Im B e r ein f ü r j ü d i s ch e G e sch i ch t e lt xr b Literat it r hielt der KomponW A r n o N a d e l einen Vortrag über das j n d i s ch e Volkslied. Der Redner, der die Wirkung seines Vortrages durch musikalische Erläuterungen am Klavier ttnb Gesaugsvorträge Von Solisten lind einen gutgeschulten Männerchor lruterstützte, bezeichnete das jüdische Volkslied als ein Erzeugnis des Volkslebens in den großen Judenftädten des nahen Ostens und des Orients, wo das Leben der jüdischen Gemeinschaft noch volklich geschlossen pulsiert. Hier entstehen diese Weisen bei der Arbeit, bei der Alldacht und beim Mahle. Wie bei allen echten Volksliedern kennt mau die Dichter lind Komponisten der Lieder nicht; ein einzelner singt sie zuerst, andere nehmen sie. auf und tragen sie weiter, bis sie zum Gemeingut des Voltes werden. Die Lieder besingen das jüdische Leben, die Thora, das Verhältnis zu einet höheren Macht, die Israel führt undleitet. Die von Radel aufgeführten jüdischen Lieder tragen echt jüdisches Gepräge lind auch die Vertonung darf als spezifisch jüdisch bezeichnet werden. Es sind trotz mancher slawischer Rhythmen keine Polnischen oder russischen Lieder, auch keine germanischen, sondern etwas Eigenes: jüdische M it s t k. Sie unterscheiden sich von den deutschen Volksliedern, die in Intervallen sortschreiten, durch ihren diatonischen Aufbau, dessen charakteristischer Ausdruck die „Steiger" sind. Text und Melodie sind ein einheitliches Ganzes. Jede Bolksliedergruppe hat ihren spezifischen Wert; der Sonderlvert des jüdischen Liedes liegt in seiner tiesen Religiosität und der drastischen Schärfe der Beobachtung, die ans ihm spricht. Im Verlause des Vortrages trug Herr Weißiiuiini einige ernste religiöse Lieder und ein übermütiges Pessachlied vor; Fräulein Berta Swertlin sang unter anderem das bekannte Wiegenlied von den „Rosinkes und Mandeln", das sie unter jubelndem Beifall wiederholen mußte. Der Chor, der zuletzt ein neuhebräisches und drei jüdische Volkslieder brachte, leistete Vorzügliches. Ter Abend verdiente und fand reiche Anerkennung. - Aus den äuswärtigen Vereinen: In Köln sprach Rabbiner Tr. B e e r m a n n (Heilbronn) über: Talmudische Beitrüge zur Kriegsgeschichte, in Magdeburg Rabbiner Dr. L an ge über: Humanismus und Judentum.