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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-22 · Heft 51 (22.12.1916) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 51 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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«11 leistet es aktive Arbeit, setzt Summanden von Positiven, die einen Zahlenblock geben, nicht wegzustemmen. An der Front schaute ich Tausende, Tausende von ihnen. Sie stehen in der Erde, Gewehr im Anschlag, bei den Schießscharten, beulen den Körper aus, stürmen vor. Helden wie all die anderen. — Beim Kommando ist ein Oberleutnant, Brückenbauer seines Zeichens. Er kann die Wege, Uebergänge, Brücken nicht mehr zählen, die er gebaut hat. Man sagt von ihm, daß alles, was er baue, eine Brücke wird, und daß er sie aus allem bauen kann. Er hat sich eine Maschine geschaffen, wie es keine sinnreichere gibt - die Organisation: Vovaussetzung und Triebkraft ist die Disziplin der Gehirne. Er schafft jetzt eine Riesenbrücke, die diesen Strom endgültig bezwingen wird. — Ein Leutnant leitet den „Bohrer", der die Unterstände tief in der Erde fertig heraushöhlt; er hat die Idee, die im Werden stand, zur Wirklichkeit gemacht! — In dem kleinen ruthenischen Lehmdorf hat der Oberleutnant, der Platzkommandant ist, solche Wandlung geschaffen, daß die Einwohner kopfschüttelnd vor ihrer verzauberten Siedelung stehen. — Und mich geleitete ein Oberleutnant — Verdienstkreuz und Große Goldene, an der Brustdessen Stellungsbau berühmt ist bei der Division... Heute, an einem einzigen Tage bin ich alledem begegnet - gestern den herrlichen Burschen bei den Honveds am Djnestr — und schreibe es ein zu den vielen Blättern vorher. Wenn einer hinauskommt oder es auch daheim liest, daß sein Heimatsregiment, die Truppen seines Landes, seiner Vaterstadt sich ausgezeichnet haben, empfindet er tief innerlich eine warme Freude. Sv ist's mir, wenn ich von Judenleistungen vernehme. Bukowinadorf. So grau, jämmerlich gottverlassen sah ich noch keines. Massen dicken Staubes wirbeln schwer auf, legen sich auf Lungen, reizen die Augen }u Tränen. Die Straße zum Berg hinan, der Platz links hinein, die Seitengassen sind alle widerlich, verwahrlost, wie zerlumpt. Seine zwei Schenken, vollgeprvpft mit Menschen. Die Häuser sind zerschossen, verbrannt. In den Gäßchen zum Pruth liegen faulende Reste, Fetzen, Trümmer . . . Mir graut davor, hier zu übernachten. Mein Ouartier ist im Schmiedehause, ein paar Meter vom Straßendainm. Wie ich eintrete ins Zimmer, ist's wie ein Helles Lachen, das mich empfängt. Diese gescheuerten Dielen, weißen Wände, frischgestärkten Mullvorhänge und wie ein frischer Trunk der grüne Garten nach rückwärts. Es ist das einzige Haus, das erhalten blieb. Abends sitze ich mit der Schmiedssrau vor dem Hause und lasse mir erzählen: Als die Russen das erste Mal im Städtchen hausten, trieben sie es nicht zu arg, weil sie hofften, das Städtchen bleibe ihnen. — Wie aber die Kunde vom zweiten Einmarsch kam, flüchteten alle, alle. Die Juden zuerst, von gräßlicher Angst gepeitscht, denn sie wußten, was ihnen bevorstand. In der ganzen Gasse war nur der „Schänker" drüben, ein paar Greise und Kinder zurückgeblieben. Der Wunderrabbi war längst schon geflohen . .. Nur einige konnten ihr Heim nicht verlassen. Sie haben es schwer gebüßt. Burschen, sechzehnjährig, auch jünger noch, fingen die Russen ein, sandten sie nach Sibirien. „Herr, was die Russen den Juden in diesen Tagen getan, Herr Gott schütze uns, daß sie wiederkommen." Im Wechsel des Geschehens ist das Städtchen unterdes vom Feinde besetzt worden. Zum dritten Male. Andere wie dieses. Die Menschen im Hinterlande bringen Opfer. Der Soldat an der Front setzt sein Leben ein;, aber der kann sich wehren. Die Menschen, die den, Kriege-benachbart leben, morgen schon vom Feinde heimgesucht werden, sind wehrlos, schrankenloser Willkür preisgegeben. Sie sind die M ä r t y r e r d e 8 Krieges. „Die Menschen, die dem Kriege benachbart leben," schrieb ich, „sind von hoher Bedeutung .... Man wird ihrer, wenn der Friede kommt, willig gedenken und sie gemeinsam mit den siegreichen Truppen ehren." Wesentlich, oft ausschlaggebend ist ihre Haltung. - Hauptkriegsschauplatz für Oesterreich- Ungarn ist Galizien.. In den Städten und Dörfern besteht die Bevölkerung meist überwiegend aus Juden. Vielleicht wird man auch ihrer gedenken, wenn der Friede kommt . . . Es hat der Tnjestr ein Lied . . . Wehe, wenn der Strom auftrotzt, brausend auftost, wehe, wenn der Dnjestreisstoß alles Brückenwerk wie lächerlich Spielzeug zerbricht! Da kommt ein Lied. Ein Lied, wie es nur der Wald, der Fluß singen kann. „Dort, wo des Dnjestrs Wasser rauschen, ist still ein Ort, nur von Vögeln besucht . . ." Bei den Honveds am Tnjestr habe ich's zum ersten Male gehört. Es spielten die Zigeuner alle Seele des Liedes. „Dort, wo des Dnjestrs Wasser rauscht...", dorthin geht alle Sehnsucht des Gefangenen, der fernab in Rußland in Ketten liegt, jeden Morgen die Freiheit seines Landes, seines Volkes erwartend . . . Als ich seinen Sang hörte, war's mir, als wär's das Judenlied, voll gleichen Sehnens nach Befreiung vom Russenjoch . . . Ich bin wieder im Städtchen. — Alles ist grau, ein wenig feucht heute. Ich komme aus dem weißen, blumenumschlungenen Hause des Armeekommandanten; füge seine Worte zum Ganzen. Im Denken und Arbeiten darüber gehe ich die Straße durch den grauen Tag, den ich lieb habe, weil er sich an mich schmiegt, daß ich ganz darin versinnen kann. — Ich schreite die Straße, weiß nicht, wie lange . . . Beim Posten am Grenzbaum weise ich meine Papiere vor. Ich kehre zurück — aus den Marktplatz. — Gestern noch stand ich in der äußersten Linie, 80 Meter vom Feind. Auf- und absteigend klingen mir die Ketten des Jnfanteriefeuers, das Gedröhne der Artillerie, das gräßliche Gekrache der Minen in den Ohren. — Eine Stunde davon liegt das Städtchen. —-Und da wallt mir so viel Stille entgegen. Stille? Nein, das ist es nicht ganz. Irgendwo war etwas unordentlich, schmutzig, daß man aufbrausen will. Da kommt einer, breitet weißes Linnen darüber, und alles ist ruhig, geschlichtet. Die Läden auf dem Marktplatze sind geschlossen. Kein Wagen kommt die Straße. Eine Scheu ist um alles Sprechen. Auf den Bänken sitzen Juden, in Gruppen stehen sie überall, in schwarzen Kaftans aus Atlas, mit Mützen aus herrlichem Edelfell . . . Fernab denke ich an den Vater. „Die Kraft jedes Künstlers wurzelt in seinem Volke", sagte er, und malte Juden. Was an Adel und Schönheit darin war, verklärte er. Und seine schlichte, innige, tiefernste Kunst voll warmer Menschlichkeit hat, wie alle große Kunst, die Kraft der Ueberzeugung: „Nichtjuiden vom Judentum." So fühle ich auf diesem Marktplatz. - - - — Stille ist's in mir. Alle Arbeit lasse ich beiseite. Der Feiertag spinnt mich ein. Sabbat ist im Städtchen, in den Menschen — in mir. Lhanuka 19X6. Von Nathan Coh r>. enn finft're Wolken dräuen In trüber Winterszeit, Des Weihefestes Nahen Weckt Freude weit und breit.

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