Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zu milderem Weh gedämpft durch den Frühling, der seine Zauber darüber ergießt . . . Um den Grabhügel lenkt der Bauer behutsam seinen Pflug, von werdendem Getreide umrauscht stehen die Hügel in den Feldern , . . Neue Straßen entstehen, Brücken spannen sich in wuchtigem Bogen, Bahnhofsgebäude wachsen empor . , . ein einziger Rhythmus pulst wuchtig strotzend in allem: der Rhythmus neuen Lebens, neuen Werden s. Ein neues Galizien ist im Entstehen. . . . Ein Marktplatz im Quadrat. Links läuft ei» Gäßchen ein. Das „Grande Hotel" ist dort. Mit gelber Farbe, die brüchig geworden, durch die der Regen trübe Striemen zog, steht es daraus. Ter schöne Name und das jämmerliche, engbrüstige Haus passen zueinander, daß man lachen muß. Ausgetretene Holzstusen gehen ins Stockwerk. Von dem langen Steingang her klettert noch ein wenig Petroleumlicht hinauf. Ein Spiegel, dessen Quecksilberschicht runzelig geworden, steht in rot lackierten Rahmen an der Wand; alte, verrauhte Stosfblumen sind davor. Gelbe Fahrpläne picken an der Maner. Vergilbte Bilder nackter Frauen widern an. Fetzen von Teppichen, die blind geworden sind, liegen über dem ölgestrichenen Boden. Der Judenwirt, dessen Körperchen klein und gedrungen ist, mit Bartfäden um das Gesicht, kommt sogleich und führt mich in mein Zimmer. Es hat Flügeltüren und einen Erker auf den „Platz" hinaus. Der Judenwirt erzählt mir. Sein Herr ist geflüchtet. Er war Kellner und führt nun die Wirtschaft gemeinsam mit dem anderen Personal. Er war die Russenzeit hier, er weiß die Offiziere, die in meinem Zimmer gewohnt haben, berichtet von dem Hausen der Russen bei ihm selbst, in der Stadt, bei den Juden. Ich kenne dieses Wehelied, dieses grenzenlose Lied vom Judcnleid, dem blutige Strophen in den Jahren des Weltkrieges zugewachsen sind, in dem das Judenvolk eine Tragödie erlebt, so groß, wie sie seit der Zerstörung des Tempels sich nicht mehr austürmte. In hundert Dörfern, von hundert Menschen Hab' ich dieses Lied gehört... Aber da fällt ein Wort, das tief drang. „Herr," ruft der Wirt, „Herr, wie die Russen fvrtgezogen sind, da habe ich alle Leute gerufen im ganzen Hause, sie sollen die Fenster aufreiben, alle Fenster, alle Türen. Und da, da | Hab' ich mit den Händen meine Kleider aufgerissen und geatmet, geatmet, tief, tief auf. Und das ganze Haus soll mit mir atmen, frei wie ein gutes, offenes Herz — weil wir wieder Menschen sein dürfen." - Ich stehe auf dem Erker und blicke hinab ins Städtchen, das still ist. — Der Wirt ist lange schon fort, — Die Gassen sind dunkel, ohne Menschen, Tie Stille wallt inbrünstig zu mir. - - - Ein Motor surrt von fernher, hastig anschwellend, biegt ein, in die Straße zum Armeekommando. Dort leuchten die Fenster noch helle. Spät abends empfängt noch der Generälstabschef -- eine Viertelstunde später habe ich den Offenen Befehl in Händen, der alle Wünsche erfüllt. — Beim Morgengrauen wird der Wagen vor meinem Hause stehen. Es heißt zur Ruhe gehen. — Aber irgendwo im Herzen regt sich die heimliche Liebe, die ich darin trage. — Und ich gehe die Straßen seitwärts — dem Judenviertel zu. Es ist so unsagbar still darin. Das alte Gotteshaus steht unversehrt. Tie Judenhütten ringsum schlafen. Schwarze Schutthaufen gespenstern nebenan. Kalte Mauerreste stehen in die Nacht, starr, schlaflos, daß sich die blaue Luft daran schneidet. — Vier bläuliche angerauchte Wände stehen da. | Himmel darüber. Die Türe ist eingebrochen, Ziegel in den Fensterhöhlen. Mörtel. Schutt. Ziegel. Holz und Blechreste kollern auf dem Boden. Ein Betständer mitten darin; vergilbte Blätter quellen Eingeweide» gleich daraus. In einem kleinen „Beth Hamidrasch" stehe ich; alt, die Frömmsten nur beteten hier. Es ist zugrunde gegangen, plötzlich, in Sekunden, da ein Geschoß mitten drein traf. — An dem alten Ständer lehne ich. Weiß nicht, wie lange. Warmes, weiches Sinnen gleitet über mich. Hundert alte Synagogen, die aus Holz besonders, sind zugrunde gegangen. Keiner wußte von ihnen. — Jüdische Frauengewandung ist entschwunden... Hundertausend kamen in die großen Städte... Neu aufgebaut werden die Häuser werden... Ein Teil der äußeren Erscheinungswelt des Judentums erstirbt... Aber eins bleibt, bleibt mitten in allen Trümmern, wie diese Blätter, die aus dem Ständer quillen, das Herz, von dem aller Pulsschlag ausgeht, gleich, unveränderlich — die Bibel. — Landstraße, immerzu Landstraße, die das Auto nimmt: rasend jede Steigung, tausend Meter in Einem. — Sprühregen geht nieder. Der Wind zerstiebt ihn in Funken. Tausend Nadeln stechen in die Haut. Gegen den Wagenkörper stößt der Wind, alles Lose flattert fetzig. Schlank, aalartig schneidet der Wagen den Wind mitten durch. Kopfüber stürzt die Straße, der Wagen mit hinab. In mir ist ein Zucken: an der Kurbel reißen, daß der Wagen hinjage, sinnenvergehend - - - Mitten entzwei bricht alle Schnelligkeit. Stille wird der Schritt, das Lachen stumm, das Haupt entblößt, wenn sie einen Leichnam des Weges tragen. — Der Wagen nimmt langsam seinen Weg, an dem Toten vorbei: ein Dorf ist tot. Die Menschen zogen aus den Häusern fort. Kahle, kaltgetünchte Wände stehen übrig. Die Worte hallen wider in den leeren Zimmern. Der graue Tag geht durch das Haus hindurch: sie haben keine Fenster und Türen mehr. Leere, kalkgetünchte Zimmer hauchen kühl und feucht, spinnen leises Grauen über einen; immerfort hallen Schritte hinter einem, als folge jemand. Wo ist ein Mensch, der wärmend ist!? Wo ist ein Mensch, der wärmend ist? Kalt wird mir, weil keiner bei dem Toten ist. --— Den Pflastersteg, die Ecke herum kommt ein polnischer Jude. Von armem, schwarzem Atlas ist sein Kaftan; er stützt sich auf den Stock, den Körper vorgebeugt, daß der weiße Bart tief herabreicht. Ich weiß nicht mehr. Mein Wagen ist schon weiter, mein Wagen fährt lange schon schnell. Ich weiß nicht, was Tausende empfunden, gedacht haben. In mir zuckte es nur so heiß, so weh auf, als ich den polnischen Juden sah, greise, gebückt, der als einziger Totenwacht stand bei dem einsamen Dorf. * * * Ruthenenkinder spielen im Hofe. Eine junge Ruthenin mit prachtvoll gesundem Gesicht wickelt mit der alten Mutter vor dem Hause Wolle zu weißen Knäueln. — In dem kleinen Häuschen ist mein Quartier. Ich weile als Gast eines Divisionskommandos in dem langgezogenen Dorfe, in dem ein berühmter Verteidiger der Bukowina sein Quartier hat. Eine Fülle von Neuem habe ich diesen Tag gesehen. Ich trage es in mein Buch. Mit einem inneren Widerstreben, weil mir immer dabei ist, als nähme ich dem Geschauten, Erlebten von seinem warmen Herzschlag.. Manchmal fällt alle konkrete Form von dem Geschauten; sein Inhalt, das Erlebnis, darin wird mir urplötzlich klar. Heute war's das Erlebnis, daß die Kraft des Lebens über alle Vernichtung triumphiert, war's das Geheimnis von der „Mutter Erde" und das vom „Judenvolk". Leidend, passiv ist es in diesem Kriege, wie kaum ein zweites. Aber aufschäumend in prachtvoller Kurve