Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fahren interessierten Juden erheischt. „Die Vorstellung,". schreibt Bousset (Nachrichten von Gött., Phil. .KL. 1915 sBerl. 1916], S. 487), „daß bctg Judentum bald nach 70 oder wenigstens nach 135 sich von der Außenwelt gänzlich zurrückgezogen, sich unter Verzicht aus die griechische Sprache im gottesdienstlichen Gebrauch zu dem Judentum der Mifchna und des Talmuds verengt habe, wird sich nicht halten lassen. In den vorliegenden Gebeten präsentiert sich ein Judentum im Gewand griechischer Sprache, tief berührt von hellenistischem Geiste, das zum Teil (vgl. die Beobachtung über den Terminus Gnosis) eine Fortentwicklung über Philo hinaus zeigt und im Besitz einer griechischen Liturgie ist. Dieses Judentum wird auch auf Propaganda nicht verzichtet haben." Für letztere folgen Belege bis zum Jahre 250. g. F. L i ebe r m a n n . 2. Grupps Kulturgeschichte. In dem Buche von Georg Grupp „Kulturgeschichte des Mittelalters", dessen 4. Band in. zweiter, vollständig neuer Bearbeitung (Paderborn, Schöningh, 1914) mir in die Hände gekommen ist, finden sich recht merkwürdige Mitteilungen über Juden. So heißt es S. 80: „allerdings begegnen uns auch in Deutschland Spuren der Sklaverei und des Sklavenhandels, wosür die Juden gewisse, durch Heinrich II. bestätigte Privilegien besaßen." Dafür wird als Ouellenstelle angeführt: „Judaei pro uno quoque sclavo empticio debent IV venario8 (Koblenzer Zollregister)... Sklaven im Besitze der Wiener- Juden kommen noch vor in einer Regeste von 1238; Böhmer - Ficker: Regesten Friedrich II., S. 477." Es wäre gut, wenn man dieser Stelle von jüdischer Seite etwas näher nachginge. Es erscheint mir zunächst sehr au sfallend, daß gerade Juden, die schon früher gegen Sklaverei aufgetreten waren, von dem Rechte, Sklaven zu halten, Gebrauch machen sollten. Sodann heißt es in dem. genannten Werk (S. 167): „Unbestritten gehört das Gut flüchtiger Sklaven und Leibeigener dem Herrn. Nur um den Preis, daß er seine Habe dahingab, konnte sich mancher Unfreie die Freiheit erwerben. Diesen Satz wandten die Herren auch auf die Juden an, die zuin Christentum bekehrten, denn die Juden waren mit Leib und Gut Leibeigene, wie auch Thomas von Aquuw annahm. Wenn sie nun frei werden wollten, und dies geschah oft mit der Bekehrung, so mußten sie auch die Folgen tragen. Wegen der Ansprüche der Bekehrten aus eine Besserstellung sollen auch die deutschen Herren im Preußenlande sich gar nicht bemüht haben um die Taufe ihrer Untertanen. Selbstverständlich war die Kirche daran unschuldig. Sie hat sich namentlich gegen die Mißhandlung der Juden, besonders der bekehrten, entschieden gewehrt." Freilich ist, wenn auch die durch Quellenstellen, belegten Tatsachen nicht in Abrede gestellt werden sollen, darauf hinzuweisen, daß hier wie in vielen anderen Stellen des Buches die katholische Einseitigkeit des Verfassers sich kundgibt. Von diesem Standpunkt aus ist auch der allgemeine Satz, der ohne jeden Beweis geblieben ist (S. 192), zu beurteilen: „Der Judenschutz erscheint bei näherer Betrachtung als eine Beuteteilung, und man weiß nicht, waren die Herren oder Juden die stärkeren Ausbeuter." Sehr merkwürdig, ist folgende Mitteilung über Kaiser Friedrich II., für die auf das Werk von Caro hingewiesen wird. Sie lautet „Friedrich besteuerte die Geistlichkeit und behielt viele Monopole bei oder führte sie erst recht durch, wobei er sich hauptsächlich der Juden bediente. In den Seidenfabriken, die von König Roger eingeführt worden waren, arbeiteten von jeher viele Orientalen, und ebenso in den Färbereien.. Sonst hätte es Friedrich II. kaum gewagt, den Juden -die Oberaufsicht über alle Färbereien, die sich in Privathänden befanden, anzuvertrauen. Er tonnte doch das Kirchenverbot, Juden über Christen zu setzen, nicht ganz in den Wind schlagen, so wenig er sich sonst um Kirchenverbote kümmerte, aber er brauchte gefügige Werkzeuge, und dafür waren ihm die Juden gerade recht." Endlich mag noch eine Anekdote mitgeteilt werden, die wenig bekannt ist. Sie lautet (S. 305): „Ein englischer Diakon, der in eine Jüdin verliebt war, ging zum Judentum über, aber ein königlicher Diener erstach ihn mit dem Ausruf: Ich will ihm.die Gurgel durchstechen, womit er Gott verleugnet hat, und er hätte auch die Jüdin abgeschlachtet, wenn sie nicht entkommen wäre, weshalb er schmerzvoll ausries: Jetzt muß jener allein zur Hölle fahren!" Der Dekan eines Lütticher Stiftes äußerte: wenn er ein Jude oder Heide wäre, würde er nie Christ werden; es sei unnötig, in die Kirche zu gehen, ihm genüge es, wenn er läuten höre." Endlich mag erwähnt fein, daß einmal auch die bekannte Geschichte erzählt wird, des Inhalts, daß ein Christ, und zwar ein Kleriker, ein Judenmädchen schwängert und die traurigen Eltern mit der Bemerkung zu trösten sucht, das Mädchen werde den Messias zur Welt bringen, während sie dann in Wirklichkeit von einem Mädchen entbunden wird. (Vgl. die Notiz auf S. 310.) L. G. ★ 3. Die weinende Rcrhel. In der Königl. Bibliothek zu Berlin findet sich eine kleine Schrift: „Die tue inende Rahel über den schweren Abfall ihres geliebten Sohnes", in Berlin zu finden bei Michael Rüdigern, Königl. preuß. privilegierter Buchhändler. Es ist eine Schrift von acht Quartseiten, anscheinend aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Dem Titel nach glaubte ich, darin die Klage einer Jüdin bei der Taufe ihres Sohnes zu finden, doch in Wirklichkeit handelt es sich — und ich teile dies an dieser Stelle mit, um andere vor einem Irrtum zu bewahren —- um eine betrübte Protestantin, die den Uebergang ihres Sohnes zum Katholizismus beklagt. Sie drückt sich dabei sehr kräftig aus: „solche verfluchte Lehre, deren Ende die Verdammnis ist, hast Tu leider angenommen, und in solchen höllischen Kutten gehst Du bei Deinem papisti scheu Glauben einher." L. G. ' # 4. L e ssings „Nathan" vom Verleger angekündigt. Eine geadelte Familie bewahrt als geschätzte Reliquie wohl auch den Kanzleiumschlag, indem eine Majestät einst den Adelsbrief verliehen hat. Für „Nathan den Weisen" kann der Jude dem hohen Genius Deutschlands, der ihm die gesellschaftliche Würde zurückzugewinnen half, nie genug danken. Nicht ohne Teilnahme also wird er die lederne buchhändlerische Ankündigung des „Nathan" begrüßen, die F. M u n ck e r unter „Neuen Lessing-Funden" soeben abdruckt (Sitz.-Ber. der Bayer. Akad. der Miss., Phil. Kl. 1915; 12. Abh., München 1915, S. 39): „B e r l i n , den . . . December 1778. Hochzuehrende. . Herr Sie werden aus behliegendem Avertissements ersehen, was Herr! Hofrath Lessing in Wolfenbüttel bekant macht. Wenn ich aus Achtung! für Ihm dieses Sein Unternehmen zu befördern wünschte; so ersuche! ich Sie ganz ergebenst es in Ihren Gegenden gleichfals zu thun und; nicht sowohl Subscription darauf anzunehmen als auch sich mit einer! Anzahl Exemplarien zum Vorrath ihres Debits durch mich zu verj schm. Das Stück wird zur Leipziger Ostermesse ohnfehlbar fertig ' l) Lessings Ankündigung des „Nathan" vom 8. August 1778. Jüdische Maurer in Losize beim Bau einer Badeanstalt