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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-22 · Heft 51 (22.12.1916) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 51 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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. 604 Eine amtliche Ablehnung des Friednesangebotes ist nicht erfolgt; doch geht aus dem, was bisher verlautet, immerhin hervor, daß die Regierungen der feindlichen Länder eine Demütigung Deutschlands in jeder Beziehung beabsichtigen und außer der Herausgabe aller Eroberungen Entschädigungen für sich auf Kosten Deutschlands zu verlangen scheinen. Das hat nämlich Rußland und ähnlich England erklärt. Beide sprechen von einem Kampf bis zum endlichen Siege, von einer Vernichtung Deutschlands. Auch Japan hat ähnliche Erklärungen abgegeben. Solchen Widersinn der feindlichen Presse und derartige ablehnende Aeußernngen der leitenden Politiker des Auslandes mukte man erwarten. Sie durch Vernunftgründe abzuwehren, ist überflüssig: In demselben Augenblick, in dem das Unterseehandelsboot „Deutschland" von seiner zweiten Amerikareise glücklich zurückaekehrt ist: in demselben Moment, in dem die deutschen Krieasunterseeboote französischen und englischen Schiffen die furchtbarste Schädigung bereiten: zu einer Zeit, da die deutschen Truppen mit ihren Verbündeten das halbe Rumänien eingenommen und fast die Hälfte des gesamten rumänischen Heeres wehrlos gemacht haben: in einer Zeit, da Deutschland trotz aller Anstrengungen der Feilrde ailßer den fruchtbarsten Teilen Rumäniens ganz Serbien, Montenegro, fast das gesamte Belgien und einen nicht geringen Teil Frankreichs innehat: Friedensbedingungen auszustellen, in die nur ein völlig niedergeworfenes Land willigen könnte, das ist eine solche Verhöhnung des gesunden Menschenverstandes, ein so arges Zeugnis der Verblendung, daß nur eine Antwort darauf übrigbleibt, nämlich die der Waffen. Ueber die von Deutschland angebotenen oder geplanten Friedensbedingungen verlautet wenig. Manche Blätter haben davon gesprochen, daß Deutschland bereit sei, alle Eroberungen herauszugeben mit Ausnahme von Polen, während über Litauen bisher kein bestimmter Vorschlag gemacht war. Es verlautet ferner, daß man über Belgiens stete Neutralität Sicherungen erhalten müsse und daß ferner sämtliche deutsche Kolonien herausgegeben werden müßten. So kann man wohl sagen, daß der großartige Schritt des Deutschen Kaisers und seiner hohen Verbündeten, im Bewußtsein ihrer Stärke und ihrer Macht die Hand zum Frieden dargereicht zu haben, ein vergeblicher gewesen ist. Aber wenn dies Anerbieten auch keinen unmittelbaren Erfolg gehabt hat, so bleibt es ein hvchbedeutender welthistorischer Akt. Freilich der Krieg mit allen seinen Schrecknissen bauert weiter, Gewiß bietet er eine außerordentlich schwierige Aufgabe: aber das deutsche Volk im Bewußtsein seines guten Rechts \mb im Vertrauen auf seine Kraft und Stärke wird den ihm anfgepoungenen Kampf, der auch nun nicht ruhen will, obgleich das deutsche Volk siegreich und unüberwunden zuerst die Hand zmn Frieden reichte, fortführen und )\u\\ siegreichen Ende bringen. * Wie England so hat auch F r a n t r e i ch sein Ministerium gewechselt. Auf die inneren Allgelegenheiten dieses Landes einzugehen, ist nicht unser Beruf. Das einzige, was uns an diesen: Wechsel interessiert, ist die Stellungnahme der neuem Männer gegen Deutschland. In bezug darauf kann man nur sagen, daß schwerlich eine Veränderung eintreten dürfte. Zwar macht sich im Senat eine starke Opposition gegell die Regierung überhailpt geltend, aber diese Gegnerschaft richtet sich nur gegen die Art der Kriegführung und enthält schwerlich einen Keim der Friedensneignng. Daß allch in £ e st e rrei ch der Minister v. Korber, ans den man große Hoffnungen setzte, einem in politischen Dingen bisher wenig genannten Leiter der österreichischen Politik gewichen ist, soll kurz angedeutet werden. ■ Von deutschen, speziell jüdischen Verhältnissen ist nicht viel zu sagen. AuS den Zeitungsstimmen verdient nur folgender Artikel des „Berliner Tageblattes" an dieser Stelle eine Wiederholung: D i e I u b c n ft a 11 ft i t Eine „unwürdige" K o n z e s s i o n. In der deutsch-hannoveranischen „Deutschen Dolkszeitung" beschäftigt sich der Reichstagsabgeordnete Ludwig Alpers mit der durch das preußische Kriegsmimsterium anaeordneten Feststellung der Zahl mrd Verwendung der Juden in der Armee. Herr Alpers sieht es als unzweifelhaft an, daß die Absicht des Kriegsministers lauter gewesen sei, aber er wirst die Frage auf, ob nicht im Interesse der Einigkeit hinter der Front eine andere Art, die erhobenen Beschuldigungen zu prüfen bzw. zu entkräften, vorzuziehen gewesen wäre. Dazu sagt der Verfasser weiter: „Da wird der jüdische Soldat, der sein und nufer Vaterland verteidigt, nicht nur in der Etappe, sondern ebenso au der Front durch die Zählung aus der Reihe seiner Kameraden herausgehoben; die Zählung bringt ihn in Beziehung zu den bekannten Beschuldigungen: er fühlt sich gekennzeichnet, gekennzeichnet an einen: Orte — wie oft im Bereiche der unmittelbaren. Kriegshandlungen! —, wo es nichts anderes als treue Pflichterfüllung unter Einsetzung von Leib und Leben gibt. Die Wirkung auf den Seelenzustand des so „Gezählten" läßt sich denken. Das aber hat der deutsche Jude nicht verdient. Auch aus der jüdischen Jugend sind bei Beginn der Krieges Tausende in edler Begeisterung hinausgezogen zur Verteidigung des Vaterlandes. 8500 schmückt heute das Eiserne Kreuz 2. Klasse, 80 das 1. Klasse. Wie viele jüdische Kämpfer deckt der Rasen! Aus den: Reichstag zog der sozialdemokratische Abgeordnete Frank freiwillig aus; beim nächsten Zusammentritt des Reichstags huldigte das Hohe Haus den: Andenken des gefalleneu Helden. Will nun das deutsche Volk seinen jüdischen — gefallenen und lebenden -- Verteidigern lohnen, indem es ihre Glaubensgenossen in: Schützengraben „zählt"? Die Absicht des Kriegsministerimns in Ehren. Will es zugeben, daß in: deutschen Heere die Soldaten jüdischer Abkunft „sich drücken" können, glaubt es, entsprechende Feststellungen treffen zu sollen, so blieb eben nichts übrig, als alle Angehöriger: des Heeres all der Front ulld in der Etappe nach religiösem Bekenntnis und nach Abkunft zll zählen." Zmn Schluß bemerkt Abgeordneter Alpers von seinem deutschhamwveramschen Stalldpllukte ans: „Hier handelt es sich nicht lim Neigungen und Abneigungen, sollderll nur Gerecht i g k e i t. Als Vertreter des Rechtsprinzips könnell \mx nicht zuaebeu, daß jüdische Soldaten, welche inlkerhalb des deutscheil Volksheeres in diesem EristellZkampf unzweifelhaft ihre Pflicht tun, durch eine, wem: auch gut gemeinte, aber verfehlte Maßnahme tief gekränkt werden. Das Kriegsmimsterium sollte die Verfügung s ch l e u u i g st r ü ck g ä n g i g m ache u. Es darf sich sonst nicht wundern, man: trotz seiner loyalen Erktärllng die Verfügung in gerecht denkenden Kreisen angesehen werden kann als eine unwürdige Konzession an die Instinkte derer, die blind ihren Lcrdenschaftel: gehorchen, die Gerechtigkeit aber gering schätzen." Diese Darlegmrgcu sprechen in ihrer Unparteilichkeit und Folgerichtigkeit für sich selbst. * In den: „Tätigkeitsbericht der Zentrale für private Fürsorge E. V." (29. Mai 1916) mit einem Schlußworte: „Turchhälten auch'in der Fürsorgearbeit" von Geh. Konsistorialrat Tr. Mahling findet sich folgende Stelle, die wir unseren Lesern gern bekanntgeben: - Tie Motive zu solcher sozialen Arbeit sind ganz verschieden. Es sind manche unter uns, denen ist das alttestamentliche Liebesgebot besonders heilig. Und in der Tat zeigt uns das Alte Testament ein Volk, in dessen Mitte wie in keinen: anderen Volk des Altertums die soziale Gesinnung gepflegt wurde. Das älteste Gesetzbuch, das sogenannte Bundesbuch,-schreibt vor, daß der arme Volksgenosse zinsfrei feil: Tarlehn erhalten soll, daß das Pfand,.welches ihm zum t Eiutreibeu einer Schuld weggenommen. wird, ilicht über Nacht

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