Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229284--72753-3285214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
standnis, von ihrem Willen und ihrer Treue hängt der Geist ab, der im Hause und in der Gemeinde herrscht; sie kann dem sozialen Leben Harmonie und gute Gesinnung geben, ebenso wie sie auch Mißton und Charakterlosigkeit verbreiten kann, wenn sie planlos, ihren nächsten Interessen entzogen, dahingeht. Der praktischen Arbeit bietet ein solcher Zusammenschluß als ein Verband für jüdisch-soziale Arbeit ein unendlich umfassendes Programm, von dem hier nur die hervorragendsten Punkte anzudeuten sind. Da gilt es vor allem, sich in der jüdischen Wohlfahrtspflege auf die wirksamste Handhabung der Armenpflege nach bestimmten allgemeinen Normen zu vereinen in einer Zentralisation des Armen Wesens unter praktischer und finanzieller Mitwirkung der Gemeinden. Um deren Wirksamkeit zu erhöhen, ist die Einbezieh u n g der Vereine, An st alten und Stiftungen als ein Fürsorgerat des Armenwesens besonders für die großen und mittleren Gemeinden nötig. Um die Anstalten, Krankenhäuser nsw. untereinander zu verbinden, ebenso aus Gründen der Ersparnis und der Sicherstellung für den Verbrauch (für Webwaren, Lebensmittel, Milch, Fett, Fisch, Kartoffeln, Kohlen, Seife usw.) empfiehlt sich d i e G r ü n d u n g einer großen Konsum- und Einkaufsgenossenschaft der jüdischen gemeinnützigen Anstalten; wo es irgend angeht, wäre landwirtschaftlicher Betrieb (Lehr- und Arbeitsgelegenheit) einzuführen. Bekämpfung der fahrlässigen Wohltätigkeit und Gewährung von Unterstützungen nach Volkserzieherischen Grundsätzen. Bekämpfung des Wänderbettels und des Hausierhandels unter den Juden, besonders bei Frauen und Jugendlichen. Förderung von Berufsberatung und Arb e i t s n a ch w e i s e n für männliche und weibliche Lehrlinge, höhere Berufe, männliche und weibliche Arbeitsuchende. Mohnungsfürsorge und WvhnungSnachw e i s. Einrichtung von jüdischer S a m m e l v v r m » n d s ch a s t für alle jüdischen Gemeinden Deutschlands. Bereitstellung von Mitteln für E r z i e h u n g s b e i t r ä g e für jedes schutzlose und von der Familie getrennt erziehungsbedürftige jüdische Kind, ehelich oder unehelich. Förderung aller Unternehmungen der jüdischen I u g endpflege. Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden. Einberufung von Konferenzen über Fragen aus den Gebieten der Armenpflege, der Erziehung, der S i t t l i ch k e i t s s r a g e, Berufs- und B i l d n n g s - fragen, Bevölkerungsproblem usw., Preisausschreiben für besondere Arbeiten oder für praktische Studien auf diesen Gebieten. Förderung der Früh ehe und aller darauf hinzielenden Unternehmungen usw., usw. Dies ist natürlich nur in großen Umrissen der wesentliche Inhalt des Verbandsgedankens. Organisatorisch hätte er unter Führung einer Kommission des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und engster Mitarbeit der großen bestehenden Organisationen alle Gemeinden dem Programme nach zusammenzufassen und vor allem dafür zu sorgen, daß an Stellen, wo zurzeit gutherziger Dilettantismus waltet. Sachkunde und Disziplin eiutritt. Tüchtige Berufsbeämte müssen dorthin berufen werden, wo es die Stetigkeit der Arbeit verlangt. Dabei kann und darf niemals und nirgends auf den Einfluß und das Mitschaffeü der freiwilligen Hilfskräfte verzichtet toerdeu, um nicht der papierenen Seele des Bureaukratismus zum Selbstzwecke zu verhelfen. Aber die freiwilligen Arbeiter müssen solche Frauen und Männer sein, die noch in engster Fühlung mit dem Leben stehen, die sich Zeit nehmen müssen und wollen, in klugem, treuem Walten eine wichtige Stelle auszufüllen, nicht Veteranen des Lebens, die noch Zeit haben. Und für Nachwuchs in den Aemtern muß freimütig gesorgt werden, denn von der Oualität dieser Arbeit hängt die Kraft und das Gedeihen und damit die Zukunft des deutschen Judentums ab. Weh) dem, dessen Gewissen schläft! Dir Woche. B e r l i n, den 19. Dezember 1916. n derselben Stunde, in der der Redaktionsschluß der \ vorigen Nummer eintrat, fand die denkwürdige Reichstagssitzung statt, in der der Deutsche Reichskanzler die Note verlas, welche durch Vermittlung der neutralen Mächte an unsere Feinde übergeben wurde. Sie enthält unter Hinweis auf unfcre günstige Lage und die von uns errungenen großen Erfolge der letzten Zeit ein ernstliches Friedensangebot an die gegen uns verbündeten Mächte. Bisher läßt sich noch nicht übersehen, welche Folgen dieser bedeutsame Schritt haben wird. Daß unsere Feinde bei ihrer vielfach geäußerten Meinung, den Krieg nur mit einer Vernichtung Deutschlands zu schließen, bereit sein werden, auf das Anerbieten einzugehen, ist nicht wahrscheinlich. Immerhin ist eine Möglichkeit vorhanden, daß die Völker, namentlich das französische und italienische Volk, in denen sich Friedensstimmen bemerkbar machen, zur Besinnung kommen. Dagegen scheint es ausgeschlossen, daß England von seinen Vernichtungsplänen absteht. So müßte der furchtbare Krieg weitergeheu, dessen Ausgang wir vertrauensvoll, freilich im Bewußtsein der ungeheuren Opfer, entgegensetzen. Tie deutsche Presse hat den Friedensvorschlägen gegenüber sich abwartend Verhalten; die neutralen Mächte erkennen das Welthistorisch-Bedeutende dieser Erklärung an, glauben aber an keine unmittelbare Wirkung und deuten höchstens an, daß durch diese Friedensbereitschaft der Deutschen den Neutralen eine Möglichkeit zur Vermittlung gegeben würde, obgleich sie augenblicklich den Zeitpunkt zum Einschreiten noch nicht gekommen glauben. Tie Ententepresse hat von vornherein in ihrer bekannten Weise, wie von den Ruhigdenkenden ziemlich allgemein erwartet wurde, die Friedensbotschaft als ein Diktat der Furcht und als ein Eingeständnis der Ohnmacht und Schwäche bezeichnet. Die zu allererst bekanntgewordene Antwort eines liberalen englischen Blattes, des „Daily Chroniele", enthielt die höhnische Bemerkung; Gewiß, England sei bereit, Frieden zu schließen, wenn Deutschland sich den voll den Feinden diktierten Bedingungen unterwerfe. Als deren hauptsächlichste wurden bezeichnet; „Allslieferung der Flotte und Entwaffnung der Zentralmächte". In diesen Toll stimmen auch ungefähr die bisher bekanntgewordenen offiziellen oder offiziösen Aeußerungen ein. Nirgends zeigt sich ein erllstes Eingehen auf die dargebotene Friedenshand, weder von feiten Englands noch von seiten Frankreichs; vielmehr gibt sich, namentlich in den Aeußerungen des Ministers Briand, nur Hohn kund, ja die Meinung wird allsgesprochen, als sei die ganze Agitation nur dazll bestimmt, den Neutralen Sand in die Allgen zu streuen ull'd den Mut der Deutschen zll heben. Offizielle Aeußerungen seitens der Regierungen der feindlichen Länder sind unterdessen mehrere bekanntgeworden: