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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-22 · Heft 51 (22.12.1916) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 51 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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602 der Erfordernisse des Khillelebens und Wegweiser für alle Vorkommnisse bildete die Kenntnis der religiösen Vorschriften. — Als Tradition war sie Gemeingut aller und durch daS weitverbreitete und sehr geachtete Studium deS jüdischen Schrifttums blieb sie in allen Teilen frisch und lebendig. Ihrem Geiste nach bildet die jüdische Gesetzgebung eine wertvolle breite Basis für jedes Gemeinschaftsleben. Die Anforderungen, die an die moderne soziale Gesetzgebung gestellt werden und dort oft als geistiges Neuland gelten, sind in den wichtigsten Teilen mit altjttdischen Gesetzen identisch; dort, wo sie religiös betrachtet als christlich angesprochen werden, sind sie nachweislich jüdisch (Sonntagsruhe, Mutterschutz, Familienpflege, Fleischbeschau usw.). In dem alten jüdischen Gemeindeleben mit der unumstößlichen, religiösen Auffassung, nach der Gebot und Guttat eins sind, konnte sich eine soziale Betätigung nur nach den Normen der religiösen Vorschriften entwickeln. Die Wechselwirkung zwischen religiösen und sozialen Motiven des Handels, in dem Objekt und Subjekt des Wohltuns ihre Stellung auch vertauschen können, läßt es unter Umständen vom jüdischen Standpunkt weniger wichtig sein, welchen Praktischen sozialen Erfolg eine gebotene Wohltat - Mizwah — hat, wenn sie nur die Erfüllung des Gebotes ist' Damit wird ein großes Stück Verantwortlichkeit für die oft in den Zeitläuften sich verändernden Folgen einer Handlung - - natürlich zum Nachteil der Gesamtheit — abgeschnitten oder ausgeschaltet. In der Enge des Khillelebens gab es aber in sozialer Beziehung jahrhundertelang keine sich verändernden Zeit- oder Tagesförderungen. In dem Khillerahmen genügten der religiös angespornte gute Wille, gutes Herz und gutes Geld für die Erfüllung der sozialen Pflichten. Mit diesen drei Energien konnte unendlich viel geschehen und ist auch unendlich viel getan worden. Kälte und Hunger, Geburt und Tod, Krankheit und Verarmung stellten in der Ghettozeit der Hilfsbereitschaft durch die einfachen, durchsichtigen Verhältnisse, in denen sich das Leben abspielte, einfache Aufgaben. Tie Lage der Bedürftigen, der schmerzlich Betroffenen selbst gab gleich die Richtung, nach der die Hilfe gebracht werden konnte. Alles lag menschlich zugänglicher; es gab keine „Fälle". Im historischen Fortgang bedeutete aber auch neben den persönlichen und Einzelleistungen das Entstehen von Stiftungen und die Gründung von Vereinen keine Erneuerung der Fürsorgetechnik oder gar eine Einordnung derselben in notwendig werdende neue allgemeine Normen. Die erste und einzige sachgemäße Abspaltung, die sich in der jüdischen Arbeit entwickelte, war, daß die Geldangelegenheiten der Vereine und Stiftungen meist Männern übertragen wurden, denen sie durch ihren Beruf oder durch persönliche Uebung technisch geläufig waren und die auch das nötige Vertrauen für dieses Amt genossen. Anderes Verständnis wurde selten verlangt. Das erklärt den dominierenden Einfluß von Bankleuten und Advokaten in Stiftungen unkt Vereinen neben den sonst nur in erster Linie religiös bestrebten wohlmeinenden Stiftern, Gönnern und Pflegern auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Daß eine religiöse Wohltat eine soziale Missetat werden kann, »venu man gewisie Versteinerungen und Willkürlichkeiten, die sich gebildet haben, und die das Licht des Geiste», der die Guttat verlangt, verdunkeln, wenn man sie nicht aus dem Wege räumt, ist vielen Wohlmeinenden bis heute noch nicht ausreichend zum Bewußtsein gekommen. Das erklärt innerhalb des jüdischen Gemeinschaftslebens an manchen Stellen das Vorhandensein großer Opfer, das heißt Geldgeberbereitschaft, und zugleich die gutherzigekurzsichtige Regellosigkeit und Undiszipliniertheit, an denen der größte Teil der modernen jüdisch-sozialen Arbeit leidet. Hier ist das deutsche jüdische Gemeindeleben an einem deutlich erkennbaren Punkte stehen geblieben: dort, wo für die Majorität der deutschen Juden der religiöse Gedanke nicht mehr stark genug ist, Bekenntniswille und Lebenswille zugleich zu sein. „ Die Uebertragung der Guttat (als Zwillingsgedanke des religiösen Gebotes der Mizwah) auf das Gleis der disziplinierten sozialen Handlung, dieser Weg, der in eine große, schöne, belebte jüdische Welt hinausführen könnte, ist von den deutschen Juden nicht rechtzeitig erkannt und verfolgt worden. Der große, fortreißende Zug sozialpolitischer Entwicklung, der sich in den deutschen politischen Kommunen aufbäuend bemerkbar macht, hat das jüdische Gemeinde- und Vereinsleben nicht erfaßt. Zwar sind Juden und besonders Jüdinnen an allen Aeußerungen dieser Zeitbestrebungen lebhaft beteiligt; aber diese Beteiligung bedeutet für das jüdische Gemeinschaftsleben mehr einen Abfluß und Verlust an Kräften. An verhältnismäßig nur wenigen Stellen jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens zeigen sich der Wunsch und das Verständnis, die Erkenntnisse und Methoden der sogenannten unkonfessionellen oder interkonfessionellen sozialen Arbeit auch zur Erhaltung und zur Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgedankens anzuwenden. Hier liegt der Keim der Schwäche, des Rückganges, vielleicht auch einer bevorstehenden Auflösung des Judentums, wobei natürlich nicht mit Jahrzehnten, aber doch, wenn keine Besinnung eintritt, mit wenigen Menschenaltern zu rechnen sein wird. Das Versickern der jüdischen Volkskraft wird aber noch durch einen anderen Umstand im höchsten Grade gefördert und beschleunigt. Die furchtbare Zerrissenheit in der Judenschaft selbst, der Ellbogenkampf, der vom Agudah-Mitglied bis zum Reformjuden in Sonntagstempeln, in Gemeinden, Vereinen und Verbänden um Wert, Bedeutung, Herrschaft und Vorherrschaft geführt wird, macht die Judenschaft innerlich verbluten. Das Fehlen von Solidarität und edlem Selbstbewußtsein in Momenten, wo nur die höchste Anspannung von Gemeinschaftsgefühl, Lebenswillen und Abwehrkraft den Feinden gegenüber gibt, schwächt die Judenheit nach außen und läßt einen weisen Nathan herbeisehnen, der uns über unseren Wert , und unsere Würde als Träger unserer ethischen Mission unter l den Völkern neu belehrte, und vor allem auch einen Ring! wünschen, der vor Gott und Menschen angenehm machte. Wenn lvir nicht auf „einen interesianten Rest einer einst ethisch, intellektuell und wirtschaftlich bedeutsamen Religionsgemeinschaft" zusammenschmelzen wollen, dann müssen wir uns anfraffen, uns prinzipiell und organisatorisch einen neuen festen Zusammenschluß zu sichern. Dieser wäre auf die tragkräftige soziale Seite der jüdischen Gesetzgebung aufzubauen. Individuelles, Trennendes ist bewußt zu übergehen, das Gemeinsame um so besser herauszuarbeiten, ein Programm aufzustellen, in dem jeder Jude und jede Jüdin, auch tvenn sie von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wenig mehr als ihre Abstammung kennen, ein interessantes, nächtiges, shmpathisches Arbeitsfeld finden kann. Als eines der wichtigsten, geistigen Kettenglieder für den Zusammenschluß der Judenschaft ist die Mitarbeitder Frau an allen verantwortlichen Stellen des jüdischen Gemeinschaftslebens zu nennen. Bon ihrem Ver-

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