Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Kerlia, 22. Dezember 1916 SO. Jahrgang Nr. 51 vegrSndet von Rabbiner Vk. Ludwig Phillppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«P re\s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verkrtedsfiellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Äügem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. tltlhfllf* Vont dritten Kriegswinter! Don Tr. W. C. (im Felde). — ""IjrNL. Wel/ dem, dessen Gewissen schläft. Von Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M. — Die Woche. — Zu den Bildern. Von L. Ü. — Ein Beitrag zur Judenstatistik. Von Dr. S. Jampel, Schwedt a. d. O. — Miszellen. — Feuilleton: In Galizien und der Bukowina. Tagebuchblätter von Ednard Kaufmann. — Chanuka 1916. Von Nathan Cohn. — Chanuka. Von Jenny Bergmann. — Chanuka. Van Sophie Jacob so hu. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Der Gemeiudedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Berlin-Charlottenburg. Breslau, Magdeburg, Nürnberg, Bonn, Frankfurt a. M., Bruchsal, Wien, Paris. — Von Nah und Fern. Vom drillen lkriegswinter! Don Tr. W. C. (im Felde). cuu} sind die Winterabende hier draußen, gewiß nicht länger als daheim - astronomisch gerechnet , aber seelisch viel, viel länger. Drunten in Rumänien geht es tu gewaltigem, schier unglaublichem Siegeszuge vorwärts. Ta mögen die Stunden Hüpfen und springen wie ein junges Pferd, das stallmüde auf die Wiese kommt. Aber hier ist es anders! Das Leben ist gleichmäßig geworden, die Tage rollen sich ab im üblichen Dienst, der auch Gewohnheit geworden. Ein dritter Winter ist gekommen, ein drittes Mal träumen wir an französischen Kaminen. Wenn langsam das Holz im Ofen verschwelt, dann gehen die Gedanken noch mehr als sonst in. die Heimat zu Weib und Kind, zur fernen, noch so fernen Vergangenheit und in die unbestimmte, nebelgraue Zukunft! Doch daran denkt man am wenigsten. Des Soldaten Zukunft ist doch ein Rätsel, mehr als die anderer Menschen. Darum heißt es, der Gegenwart mehr leben oder mnfür die Gegenwart leben. Winternachmittag ist es, trüber, dichter Nebel stillt die Lust. Man bleibt im Ouartier, fröstelnd rückt man näher an den Kamin. Nun glühen in der Heimat die elektrischen Birnen in den Straßen, geschäftige Menschen eilen hin und her, mit Paketchen belastet. Winterliche Einkaufszeit! Wie unwahrscheinlich lange ist das her, daß man selbst da einmal mitmachte, durch die Straßen schleuderte und die neuen Auslagen bewunderte und in der Konditorei saß oder sonstwo ein Stündchen verträumte. Ferne Heimat! Wer den Krieg glücklich überleben sollte, wird erst wissen, was er vor dem Krieg besessen hat, wenn er wieder zu Haus in Frieden sein wird. Was einst alltäglich war, wird nun zum Festtag. Im Kreislauf des Jahres kehren und gehen unsere religiösen Feiern wieder nach altem Gesetz. Wieder werden sich die Kerzen entzünden zu Ehren der Makkabäer am Channkafest. Wo überall deutsche Soldaten am Glauben der Väter festhalten, da werden sie gerade an diesem Tage stolzer als je den Kopf tragen in dem Bewußtsein, daß der Geist der Waffentüchtigkeit unter uns heutigen Juden lebendig geblieben ist, wie einst in der Vorzeit. Wir wissen, wir haben unsere Pflicht stets und überall getan, und das Bewußtsein genügt uns,, und wir haben sie auch freudig getan und wollen sie weiter freudig tun bis zum Ende. Noch kann man das Schwert nicht in die Scheide stecken, noch darf man die Arbeit des Friedens nicht wieder ausnehmen. „Schirm und Schutz in Nacht und Braus." Wir wissen, Gott ist mit dem Inden im feldgrauen Rock, der fürs Vaterland sein Bestes gibt, wenn es sein muß, sein Leben. Mag es daheim törichte Menschen geben, die den Haß wieder ausgraben wollen,,den alten, schmutzigen Judenhaß;, das soll uns nicht hindern, geräuschlos unsere Pflicht zu tun, nicht um Ehre und Ruhm, sondern um der Sache willen. Wenn wir in diesem dritten Kriegswinter im Geiste-mehr als je an die Helden der Vergangenheit, an die Makkabäer, denken, dann wollen nur feldgrauen Juden vorm Feinde geloben, allezeit uns gleich und getreu zu bleiben, schlicht und bescheiden im Leben und Sterben. Weh' dem, Letten Geuntten lchläft! Don B e v t Y a P a p P r n fj e i m , Frankfurt n. M. ie lebenserhaltende Wirkung der heiligen, sozialen jüdischen Religionsgesetze ist so in -Hirn und Blut der gesamten Judenschaft übergegangen, daß der soziale Sinn der Inden als der erweiterte „Familiensinn der Juden", sowie dieser als eine -Stanunes.eigentümlichkeit bezeichnet werden kann. Die Enge des altjüdischen Gemeinschaftslebens in Deutschland (vor der Emanzipation und Freizügigkeit) gestattete jedem einzelnen Manne mit viel größerer Leichtigkeit als heute die Erfüllung aller Gebote, nicht nur, soweit sie sich ans die Ritualvorschriften beziehen, sondern auch, soweit es ans das Zusammenleben bezügliche Gebote sind. Das wirkte natürlich bestimmend auf die Form des Gemeindelebens und das, was man heute in entwickelten Verhältnissen dessen soziale Aufgabe nennt. Für die jüdische Krau war die Teilnahme an diesen Aufgaben religiös, also auch praktisch karg bemessen, ein Verhältnis, das sich innerhalb des Gemeindelebens durch die den Frauen anerzogene Teilnahmslosigkeit für jüdische Interessen heute noch in ihrer Jnteressenlosigkeit an der jüdischen Gesamtheit bitter rächt. Um aber in jenen Ghettozeiten den Erfordernissen der Gemeinde zu genügen, bedurfte es nicht wie heute spezieller Erfahrungen und Kenntnisse. Die Grundlage für die Beherrschung