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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-15 · Heft 50 (15.12.1916) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 50 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Gotteshaus war dicht gefüllt. Unter den Anwesenden bemerkte man fast alle ortsanwesenden Gemeindevorsteher und Repräsentanten, viele Ehrenbeamte der Gemeinde, Mitglieder des Lehrkörpers der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, des Hildesheimerschen Rabbinersemiuars und andere inehr. Tie Vorstände der Synagogen Heidereutergasse und Kaiserstraße, an denen der Verstorbene wirkte, waren in corpore erschienen; seine Amtsgenossen und die Kantoren der Gemeinde nahmen im Ornat an der Feier teil, die um 11K Uhr mit einem Gesang des Synagogenchores „Enosch kechozir jomow" eröffnet wurde. Rabbiner T r. P e t u ch o w s k i, der im Aufträge des Gemeindevorstandes die erste Gedächtnisrede hielt, führte ans, daß Eschelbachers Scheiden eine große Lücke gerissen, daß aber seine Güte. Geradheit und Wahrheitsliebe in den Herzen seiner Gemeinde weiterleben »verden. Sein Herz war erfüllt von dem historischen Judentum, von Bewunderung für seine Vergangenheit und von dem Glauben an seine große Zukunft. Für' dieses Judentum lebte er. Sein Name hatte einen guten Klang über den Rahmen unserer Gemeinde und auch unserer Gemeinschaft hinaus. Durch seine Schriften bestärkte er seine jüdischen Leser in der unentwegten Festhaltung am Glauben der Väter, und den Betennern der herrschenden Religion rückte er das Judentum aus dem Dunkel der Vorurteile in das helle Licht des Wissens und wirkte so zur Ehre des jüdischen Namens. Wenn Männer von dieser Bedeutung von dannen gehen, erlischt ein Licht für die Gesamtwelt. Wir wollen um den Heimgegangenen nicht nur trauern, sondern feierlich geloben, daß wir alle Kräfte einseben wollen, um in seinem Sinne für das Judentum zu wirken. - - Nach dieser Ansprache trug Musikdirektor Oberkantor Friedmann den 16. Psalm in einer ergreifenden Betonung vor: dann nahm der Sohn des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Mar Eschelbach er (Düsseldorf), Abschied von seinem Vater. „Neben der Trauer/ so führte er aus, „beseelt die Angehörigen ein Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen das Glück gab, diesen seltenen Menschen zu besitzen, und der ihn bis zu diesem Tag erhielt. Seine letzten, mit klarem Geiste gesprochenen Worte waren der Kiddusch am Sabbateingang, und ein Kiddusch war sein ganzes Leben. In ihm wirkte ein tiefer Gottesalaube, der seine beste Kraftquelle war. Er war ein gefestigter Eharakter. der fremde Meinungen und Auffassungen stets achtete und mit ihnen gerungen hat, aber die Richtung seines Lebens nicht von ihnen beeinflussen ließ. Er war stolz gegen die Großen und von zarter Demut gegen die Kleinen und Geringen, in denen er das Göttliche und Grosze suchte und fand. So. liebte er die Juden und unter ihnen besonders die oft verachteten und geringgeschätzteu Juden des Ostens. Jedes gute Urteil, das man über sie fällte, mmte ihn von Herzen: ihre Fehler waren ihm nur die Schatten ihres Lichts. Seine letzte treue Liebe galt dem Werke, das er nicht mehr vollende»! durste: der Geschichte der Alten Synagoge, in derer in seiner Liebe zu den Kleinen allen den kleinen Leuchten unserer Gemeinschaft im 18. Jahrhundert nachging, die vor dein großen Lichte Mendelssohn verblaßten. Die Verwaltung seines Amtes, seine Wirksamkeit als Rabbiner und Lehrer legen beredtes Zeugnis davon ab, daß er über seinen wissenschaftlichen Arbeiten das Leben und seine Forderungen nicht vergaß. Mehr als der Tod uns nehmen konnte, gab uns sein Leben an unvergeßlichen Gütern!" Unter dem Gesang des „Schuwi Nafschi" von Lewandowski wurde der Sarg aus der Synagoge getragen und dann nach dem Friedhof in Weißensee übergeführt, wo sich in der alten Halle bereits eine große Trauerversammlung eingesunden hatte. Hier erösfnete neuer Ehorgesang die Leichenfeier, dann sprach Rabbiner Dr. Weiße am Sarge seines Amtsbruders. „Der Geist unserer Religion lehrt uns, sich nicht dem Augenblicke hinzugeben, sondern den Blick auf das Bleibende zu richten. Das Hilst uns Leid und Trauer zu überdauern. In dieser Stunde wollen »vir Gott danken, daß er uns an diesem Leben teilnehmen ließ, »velches das Vrophetenwort „Gerade sind Gottes Wege, die Gerechten wandeln auf ihnen" zur Wahrheit machte. Der Weg des Verklärten »var gerade. Strenge Pflichterfüllung, rastloser Arbeitseifer »rud eine hohe Auffassung seines Alntes zeichneten ihn aus. Er war ein Mann von umfassendem Wissen, ein Born seltener Kenntnisse auf allen Gebieten. Ueber 50 Jahre zählte er, als er nach Berlin kam, »vo er seine »vissenschaftlichen Arbeiten begann, die ganz in» Dienste des Judentums standen. Trotzdem »var er nicht einseitig, denn er hatte in den ersten Jahren seines Lebens große und »unfassende Kenntnisse in der allgemeinen Literatur und Geschichte gesamrnelt. Mit der Schilderung seines reichen Wissens ist seine Persönlichkeit aber keineswegs erschöpfend gezeichnet; es müssen vor allen: seine seltenen Charaktereigenschaften hervorgehoben werden, sein Mut der Wahrhaftigkeit, seine Friedensliebe, daS milde Verständnis, das er anderen Anschauungen entgegenbrachte. Das Judentum war ihm etwas Ganzes und Einiges, das alle Gegensätze in unserer Gemeinschaft zu überbrücken vermag. Wir alle »vissen, was wir an diesem bedeutenden Mann besaßen und verloren haben." — Rabbiner Dr. Blument h a l hielt namens des Rabbinerverbandes in Deutschland einen Nachruf auf den Verstorbenen, der seit einer Reihe von Jahren in» Vorstande des Verbandes für die Ehre der Religion und die Würde des Standes arbeitete. Seinen Amtsbrüdern »var er ein treuer Freund und eifriger Förderer; sie alle »verden nach seinem Heimgang eine Lücke en»pfinden, die sich nie mehr schließen wird. Die letzte Frage, an der er irn Vereinsinteresse sich n»it Aufgebot aller Kräfte beteiligte, »var die wichtige Regelung des Religionsunterrichts an den höheren Schulen. Für seine treue Mitarbeit soll ihil» dieser Dank in Einigkeit nachgerufen »verden! -- Als letzter Redner brachte Rabbiner Dr. G r z h »n i s ch (Bruchsal) die Gefühle des Vorstandes des von den» Verstorbenen vor et»va 30 Jahren begründeten Vereins zur Erziehung israelitischer Waisen in Baden zun» Ausdruck. Bon Dr. Eschelbacher begründet und in seinem Geiste geleitet, betreut der Verein heute »nehr als 120 Waisenkinder. . Oberkantor Friedn» ann sprach hierauf in bekannter Meisterschaft das „El-mole-rachamim"-Gebet. Dann nahm noch einmal Rabbiner Tr. Weiße das Wort und gedachte der Werke der Barmherzigkeit, die der Verstorbene mit seinen ganzen Kräften gefördert hat, m»d hob namentlich seine Wirksamkeit in der 11. O. B. B.-Loge Montefiore hervor, der er als Präsident und später als Vizepräsident angehört hatte. Der Chor der Alten Synagoge, den Chordirigent Michaelis leitete, stimmte Kellermanns „Adonaj »nah Adam" an, dann »vurde der Sarg in der Ehrenreihe des Friedhofes beigesetzt, »vo er neben dein noch frischen Grabe Prof. Dr. Martin Philippsons feine Ruhestätte fand. 22 Berlin, 12. Dezember. A»n 3. d. M. fand in der Wohnung der Frau Gertrud Mosse die Mitgliederversammlung des Vereins „Mädchenhaus Panko»v" statt, der arme deutsche Mädchen jüdischen Glaubens, insbesondere Waisen aus allen Teilen Deutschlands, in der Regel auf z»vei Jahre ausninunt und sie unentgeltlich (bei- Schulkindern geger» Unterhaltszuschuß) zu dienstliche»» Stellungen erzieht. Ter verfolgte Zweck ist die Unterstützung minderbemittelter Bevölkerungskreise durch Förderung ihrer Erwerbsfähigkeit und die Verbreitung von Liebe zur haushälterischen Tätigkeit und Achtung dieser Tätigkeit in den Kreisen, .ans denen der Verein Mädchen ausninunt. Was die vielen Vereine für jüdische Handwerker für die männliche Jugend erstreben, »vill dieser Verein für die weibliche Jugend erreichen. Durch die Kriegsteueruug sind die Ausgaben des Vereins erheblich über die Einnahmen gestiegen. Es »vurde erörtert, in welcher Weise die Spannring Mischen Airsgaben und Einnahmen sich vermindern lasse. Die täglichen Verpflegungskosten auf den Kopf betrugen in» Berichtsjahre 91,50 Mark (1914/15: 76,42, 1911/12: 57,50), die auf jede»» Zögling entfallenden durchschnittlichen Kosten des Anstaltsbetriebs im Berichtsjahr 769 Mark (gegen 644 Mark in» Jahr 1914/15, 49:5 Mark im Jahr 1911/12). In der Anstalt befanden sich am 1. Oktober 1916 32 Mädchen, unter ihnen 11 schulpflichtige. Dankbar »vurde einer Stiftung des Herrn G a r b a ty - Rosen t h a l von 10 000 Mark zur Verwendung der Zinsen für Ausstattung der Zöglinge bei Entlassung aus der Anstalt und einer weiteren Spende desselben von 5000 Mark zu den laufende:» Kosten gedacht. Auch Frau Gertrud M o s s e, Herr Kommerzienrat E i s n e r und die E »n i l - und G e r t r u d - M o s s e - S t i f t u n g hatten im Berichtsjahr namhafte Betrüge gespendet. Ter Hoffnung »vurde Ausdruck gegeben, daß auch im laufenden Jahr viele neue Mitglieder den» Verein beitreten und daß. auch Spender größerer Beträge sich sinder», damit der für das laufende Jahr zu erivartende Fehlbetrag von nahezu 15 000 Mark möglichst gedeckt »verden ka»»n. Biele jüdische Gemeinden, Frauenvereine u n d Loge n gehören dein Verein bereits als Mitglieder an: möge ein edler Wettstreit auch die »»och fehlenden dein Verein als Mitalieder zuführen! Ten Vorstandsmitgliedern wrrrde Entlastung erteilt, und die bisherigen Vorstandsmitglieder wurden »viedergewählt. Vorsitzende ist zurzeit Frau Geh. J»»stizrat Loewe, Berlin, Nhlandstraße 30, a»r »velche A usn a h m eg e suche zu richten sind.

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