Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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nab feilte Weiter hinter sich wußte»: „Auf der Lippe den Grimm, das Schwert in der Faust, jetzt, König der Könige, rette!" Dann traten Boas der Kantor, Leiser der Fleischer und der kleine Löwenherz vor. um den Stein zu heben. Es schien ein furchtbar schweres Stück Arbeit: der Fleischer, ein riesenstarker Mann, keuchte und strengte sich über alle Maßen an. aber Boas und Löwenherz bewiesen, daß Gewandtheit und Geschicklichkeit ebensoviel inert seien wie Kraft, und gerade da ihnen ans der Menge ein halbes Dutzend Arme wollten zu Hilfe kommen, hatten der Kantor und Löwenherz den Stein gewendet, und es bedurfte nur noch einer letzten, freilich übermenschlichen Anstrengung Leisers, so war das sehr schwierige Werk vollbracht. Aus der Rückseite des Steines erinnerten, völlig unversehrt in der eingegrabenen Meißelung, zwei gefaltete Hände und eine Rose an die priesterliche Abstammung Nehorais; darunter las man mit leichter Mühe den Spruch: „Der Herr erlöset die Seelen seiner Diener, und nicht werden verdammt, die aus ihn vertrauen." „Amen!" seufzte der alte Zadok und blickte mit den anderen erwartungsvoll nach dem Rabbiner, ob er nicht das sehnlichst erwartete Zeichen zur Rückkehr geben wolle. Ter alte Herr wusch sich bereits am Brunnen die Hände. Meier Nathan, der ihm das Handtuch reichte, sprach mit unverhohlener Enttäuschung: „Hab' ich doch gemeint, man werde unter dem Stein etivas finden: etwa ein Gift, die Feinde alle auszurotten, oder eine neue Waffe, sie alle auf einmal kaputt zu schlagen." „Lieber Nathan," lächelte der Rabbiner traurig, „wir beide sind alte Leute. Welche bessere Waffe hätten wir als unser Gebet? Aber laßt uns eilen, nach Hans zu kommen!" „Zurück! Nach Hans! Nun vorwärts!" Jeder trieb den anderen im Geschwindinarsch, so schnell jeder nur konnte, die Stadt zu erreichen. Löwenherz hielt einen Augenblick an und spitzte die Ohren. „Hört ihr es auch?" fragte Boas leise. „Und jetzt wieder!" schrie Noah. „Ja, helf Gott, sie schießen!" iviederholte Meier Nathan zitternd, „sic morden die Unsrigen und wir sind nicht da, ihnen zu Schutz und Hilfe!" Und alle Männer begannen zu laufen: was nur ihre Füße an Geschwindigkeit aufzubringen vermochten, so eilten sie. Rannten, gejagt von höchster Angst, alte und junge rasten, daß Herz und Glieder schmerzten. Wieder blieb Boas stehen: „Hört ihr? Hört! Musik!" „Ehasonim Nervnim!" schält der alte Zadok erzürnt, „laus um dein Weib und deine Kinder!" „Tra la la, tra la la, tra la la, bum - bum!" jauchzte Boas, „so will ich nicht leben, will nie Musik gehört haben, wenn das nicht der Radetzky-Marsch ist!" Wieder näher klang es: Tra la la, tra la la! ... „Der Radetzky-Marsch! Hurra, hurra! Die Oesterreicher sind da! Unsere Freunde!" Und die Männer, von Hoffnung belebt, verdoppelten die Eile ihrer Füße. „Tie Lesterreicher sind da! Gott hat uns geholfen! Gott sei gelobt! Boruch Schein! Die Lesterreicher!" Taumelnd, wirr vor Freude kamen sie in die Stadt. Aus dem Marktplatz wimmelte es von grauen Uniformen und Tschakos. Ans allen Fenstern schauten vergnügte Gesichter, vor jeder Haustüre standen frohe Menschen, mit lachenden Mienen, strahlend erlöst. Ter Bäcker Schmidtlein winkte den Ankommenden schon vop weitem zu: „Ihr habt gut gebetet, meine lieben Juden!" rief er übermütig. Stnmmermann, der Barbier, kam ihnen im Tanzschritt entgegen: „Tie Rüssen sind fort, auf Nimmerwiederkehren!" „Euer Wort in Gottes Gehör! Amen!" sprach Meier Nathan. Ter alte Zweifler war so voll Freude erfüllt, daß er den nächsten Soldaten, der ihm in den Weg kam, in seine Arme schloß. „Na, na!" lachte der, „gebt's inir lieber was zu trinken!" Soviel Ihr mögt! Mit tausend Freuden!" Meier Nathans Beispiel fand sofort begeisterte Nachahmer; im Nu hatte jeder jüdische Hausvater seinen Soldatengast und bewirtete ihn aufs beste. Am nobelsten ging es bei Noah her. Dort hatte Frau Hannchen dem Herrn v. Trenk das beste Zimmer, das vor kaum einer halben Stunde der russische Doktor Hals über Kopf verlassen hatte, eingeräumt, hatte mit den erfinderischsten Künsten, was es nur Gutes und Eßbares in Salaschin gab, herbeigeschafft, und bemühte sich, dem Ehrengast und ihren Verwandten das Leben schön und angenehm zu machen. Der kleine Löwenherz war vor Erstaunen beinahe umgefallen, als er seine Ehegesponstin erblickte, die in all ihrer stattlichen Länge sich von einer Menge Besucherinnen als die Retterin Salaschins Preisen ließ, welchen gewaltigen Eindruck Herr v. Trenk noch verstärkte, der sich bereits die fünfte Tasse Kaffee geben ließ, und lächelnd bestätigte: „Ja, da schauens, ohne dre Madame Löwenherz hätten wir nach Salaschin nit hergesunden!" Und in all dem Gewirr und Treiben und Lärm fand Noah noch Zeit, seinen Knecht ganz furchtbar auszuzanken: „Das muß ich sagen," schalt er auf den sich mürrisch den Kopf Kratzenden ein, „eine schöne Frau Hab' ich nicht, wenn mir auch Gott eine gute gegeben; daß ich ein schönes Haus Hab', kann mein bester Freund nicht behaupten, aber ein schönes Pferd Hab' ich an dir, mein lieber Steffeck, das muh ich sagen. Was hast du uns im Stich gelassen im Garten, als die Rüsten anrückten, du? . . . Aber Steffeck kam nicht dazu, seine Verteidigungsrede zu halten; denn ein Bote des Rabbiners traf ein, der Noah und feinen Schwager ans eine baldige Versammlung in das Gemeindehaus lud. Und als die Sonne hoch stieg über die erlöste Stadt, standen die Männer von Salaschin um ihren Rabbiner geschart und beteten andächtig den großen Jekum Purkvn! Litersrikche Mitteilungen. - D i e B ü r g s ch a f t als Motiv in der j ü d i s ch e u ß'itevntur. Bon Armin Abeles. „Monatsschrift für Geschichte nnd Wissenschaft des Judentums" (herausgegeben von Professor Dr. M. Brann), S. 213 bis 226, S. 263 bis 278. „Als Ergebnis vorstehender Untersuchung 1mm festgestellt werden: Wiewohl die Bürgschaft als Rechlsbegriff in der mosaischen Gesetzgebung fehlt, hat sie im alten Israel tatsächlich bestanden. In. ihrer ursprünglichen Beschaffenheit ist sie eine Folgeerscheinung der religiösen Vorstellungen, sozialen Einrichtungen und kulturellen Zustände, wie solche bei den antiken Völkern nnd teilweise auch im alten Israel vorherrschten. Bon der Verbreitung der Bürgschaft im Judentum zeugt neben anderen! and) die Tatsache, daß sie als literarisches Motiv in der Bibel, den Apokryphen und den spätjüdischen Midraschim vielfach zur Berweudung gelangt. In Form und Inhalt zeigen diese Bearbeitungen mannigfache Ähnlichkeit mit den Bürgschaftslegenden in den Literaturen des Orients nnd Okzidents, so zwar, daß es der Kritik fast unmöglich ist, den eigentlichen Ursprung aufzusinden." Mit diesen Worten des Verfassers ist die Fülle der Einzelsälle kaum angedeutet, geschweige genügend behandelt. Der in jüdischer Literatur besonders versierte Verfasser zeigt eine solch reiche Kenntnis der griechischen und deutschen Literatur, besitzt das Talent, die verschiedensten Dinge in organischen Zusammenhang zu bringen und das Fernere durch seine streng wissenschaftliche Untersuchung in lesbarer, fast könnte