Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229283--72742-3285202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
507 tagen wegen der sehr beschränkten Anzahl von jüdischen Sol-! daten in engen Grenzen möglich, weil Brüx eine ganz junge Gemeinde war, deren jüdische Soldaten also auch nicht in Brüx selbst, sondern außerhalb zur Stellung kamen. Doch sollte das Bedürfnis wenigstens nach einem jüdischen Feldgeistlichen, der direkt aus der Stellung hervorgegangen war, rege werden. Ich war nämlich im Jahre 1877 zunr Rabbiner der jungen Gemeinde in Zürich gewählt worden, glaubte, daß im bosnischen Feldzuge (1878) ein qualifizierter Feldrabbiner nicht vorhanden sei, und bot mich freiwillig dem Ministerium an, die Dienste eines solchen zu verrichten. Das Ministerium „unterrichtete" mich jedoch davon, daß für die geistlichen Bedürfnisse der jüdischen Mannschaften in Bosnien genügend vorgesehen sei. Herr Dr. Wilhelm Bacher, Zögling des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, 1850 geboren in Lipto-Szent-Miklos, 1876 Rabbiner in Szegedin, 1877 Professor an der Landesrabbinerschule in Budapest, gestorben 1909, einer der berühmtesten jüdischen Gelehrten der Gegenwart, ein vorzüglicher Lehrer der theologischen Jugend, ein edler Mensch und bescheidener Genosse, wurde nämlich zu diesem Amte wahrend des Feldzuges ernannt. Ueber seine humanitäre und beruflich vorbildliche Tätigkeit in dem neuen Berufe haben mir schlichte Soldaten und Unteroffiziere mit wahrer Begeisterung gesprochen. An Schwierigkeiten für den edlen Mann hat es ja in diesem Feldzuge in keiner Beziehung gefehlt. Drr Ogbiü von Lalaschm. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. (Schluß.) ^?^er Rabbiner nahm das Blatt aus seinen Händen, prüfte es, sorgsam es mit dem ersten Teil des Vermächtnisses vergleichend, und sprach hocherfreut: „Es ist wirklich das Vermiete! Also hört meine Freunde!" „Still! Still! Ruhe!" Ein jeder bemühte sich, die Ausrufe des eigenen Erstaunens und die des Nachbarn zu unterdrücken. Endlich konnte der Rabbiner lesen wie folgt, den letzten Satz des ersten Teils gewissenhaft wiederholend: „Und wann wird sein die große, große Not über euch, meine armen Jüden alle zusammen, dann sollks ihr hinausgehen bei Sonnenaufgang vors Tor nach dem guten Ort. Und wo Gott gewollt hat, daß ich schlafe unter Gras in meinem Kewer, sollt ihr's alle zusammen Eib molei Rachamin sagen, jeder Mann, auch der Fremde, der in euren Toren ist. Hernachen sollen der Kantor und der Fleischer sowie der Fremde, der in euren Toren ist, meine Mezeiwe aufheben und umkehren. Alsdann gehet heim zürn Guten, und es wird euch geholfen und die Zeit, die schlimme, wird vergehn. So sollt ihr gerettet werden. Und dann möget ihr dreimal den großen Jekum Purkon sagen. Euer Rabbi Nehorai, geschrieben neun Tage in Kislev 5575. Nehorai den Levy, Rabbi in Salaschin." „Sonderbar," sagte der alte Zadok, „ich weiß aus der Chronik jener Zeit, nelln Tage im Kislev 5575, am selben Tag ist er gestorben!" „Ja, sehr sonderbar," wiederholte der Rabbiner. - Es war eine seltsame Prozession, die da in der Kälte des Wintermorgens durch das Städtchen zog. „Sieh mal die Juden! Potztausend, alle miteinander gehen da! Fehlt auch nicht einer, was haben sie nur?" sprach der Bäcker Schmidtlein zum Barbier Stummermann. „Ich Hab' gefragt," antwortete Stummermanli, „sie kommen aus ihrer Schul und wollen hinaus nach ihrem Friedhof." „Was wollen sie da? Sie begraben doch heute keinen?" „Beten wollen sie." Der Bäcker seufzte: „Sie können bald draußen bleiben, es heißt, die Kosaken kommen heute, die schlagen sie doch alle tot. „Und uns dazu," stöhnte Stummermann. „Ein Mann hat erzählt, sie hätten die ganze Bahnlinie besetzt." „Nee, das glaube ich nicht," sagte der Bäcker, „so arg wird's wohl nicht kommen." „Ist doch schon arg genug, daß wir das Gesindel hier haben," ächzte Stummermann, „sie fressen uns heil ratzekahl!" „Daß Gott sich erbarme," bestätigte der Bäcker. „Macht's gut!" ries er dem alten Zadok zu, der dem Zuge nachhnmpelte, „betet für uns mit!" „Wird besorgt werden." Aber bald nach dieser Unterredung hatten die Wallfahrer eine sehr böse Biertelstunde. Eine russische Patrouille kam ihnen entgegen. „Stehengeblieben! Wo hinaus?" Und fünf Gewehre lagen im Anschlag. Der Kantor Boas, der gut Russisch verstand, antwortete dein Offizier: „Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Oberst, wir gehen nach dem Friedhof, wir haben dort eine religiöse Pflicht zu erfüllen." „Gelogen! Ausrücken wollt ihr. Ich kenne euch Juden, Spione seid ihr samt, und sonders unb Deutschenfreunde!" „Herr Oberst irren sich," beteuerte Boas, „wir spionieren nicht." Zum Glück kam der Mieter Noahs, der Regimentsarzt, vorüber. Noah faßte sich ein Herz, rief seinen alten Beschützer an und bat um seine Vermittlung. Der Doktor war eine gemütliche Haut. „Was? Nach dem Friedhof wollt ihr? Ihr alle? Laßt sie gehen, Herr Bruder, dort hinaus werden sie ja wohl ihr Geld nicht mitnehmen," lachte er. „Schert euch zum Teufel, Judenpack," fluchte der Russe, „seid ihr nicht in einer Stunde wieder in der Stadt, und fehlt auch nur einer von euch, dann halten wir uns an eure Frauen und Kinder!" Man kann sich wohl denken, wie infolge dieser Drohung unsere Pilger sich beeilten. Endlich tauchte die altersgraue von Moosslechten überwucherte Friedhofsmauer vor ihnen auf. Meier Nathan sah verstohlen auf seine Uhr: „Zwanzig Minuten auf den Weg sind um," ächzte er, „dieser Halunke von einem Oberst scheint zu jeder Niedertracht bereit, wenn wir nicht zur Zeit zurückkehren." „Was weiß er, was Gott weiß!" sprach der alte Zadok ergeben. Das Grab des alten Rabbi Nehorai war allen wohlbekannt; in.der vierten Reihe von der Mauer lag es, von dem vor Jahrzehnten über den Hügel hingesunkenen Stein bedeckt, der es schützend verschlossen'hielt, als berge es ein unerforschbar Geheimnis. Die Platte des Steins zeigte noch deutlich die hebräischen Namensaufschrift nebst Daten unb bm Vers: „Der Fromme blüht wie die Palme". Rechts und links von dem Grabe befanden sich die Ruhestätten der beiden Frauen Nehorais; Lea, die Jüngere, die ihn überlebt hatte, war im Alter von hundertundzwei Jahren gestorben. Die Männer wandten sich gegen den morgenroten Himmel, legten die mitgebrachten Talessim um und begannen ihre Gebete. Niemals hatten sie wohl inniger den Gott der Barmherzigkeit angerufen; sie vergaßen, daß der Novembersturm im Frost ihre Glieder schüttelte, daß der Hunger in ihren Eingeweiden bellte wie ein böser Wolf; sie flehten zu Gott mit den Stimmen ihrer Vorfahren, die Pharao